Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1925)
- Article
- Warum Moses nicht lachte, als er klein war
- Date
- 1925-08-01
- Page
- Seite 198 (sequence 1)
- Language
- German
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198 MENORAH Warum Mose nicht lachte, als er klein war VON SASCHA TSCHORNYJ Kannst du dich erinnern, wie es gewesen ist? Großpapa hat es dir doch vorgelesen! Der kleine Mose (er war noch ein ganz kleines strampelndes Baby) schwamm in einem Korbe den Fluß hinab. Es war ein schöner Korb, aus Schilfrohr dicht geflochten. Und kein einziges neugieriges Wassertröpfchen konnte eindringen; dafür sorgte das Pech, mit dem er getränkt war. Unter ihm schwatzten die flinken, fröhlichen Wellen, die ihn trugen, über ihm schwamm eine silberne Wolke mit goldenen Rändern, die aussah wie ein weißes schlummerndes Kaninchen. Die Libellen, die über dem Wasser ausgelassen umherschwirrten, hielten überrascht an, als sie das Körbchen erblickten. Ganz verdutzt surrten sie ihr: „syk-sy-syk". War's möglich?! Ein kleiner Knabe in einem Korbe, auf dem breiten Flusse?! Aber der kleine Mose lag ruhig da, guckte mit den runden Äuglein in den Himmel und sprach zu sich selbst: „bla-wla-gla". Du kennst doch diese Sprache? Hast sie ja selbst gesprochen, als du noch in der Wiege lagst.. . Hast deine runden Beinchen in die Höhe gestreckt, Bläschen gesabbert und dein kleines Fingerchen beguckt. Weißt du's denn nicht mehr? . . . Fernab im Schilf stand die Mutter des kleinen Mose, bog das Dickicht auseinander und sah zu, wie die geflochtene Wiege dahinschaukelte, weg, immer weiter weg von ihr. Und eine Träne nach der andern rann langsam hinab, in das lustig plätschernde Wasser. „Ein schwarzer Schwan?!" flüsterte die Dienerin, die mit der Pharaotochter im Flusse badete. Aber die Prinzessin hob die Hand vor die Augen, und ihr Lachen klang über das Wasser. „Ein schwarzer Schwan! . . . Vielleicht ist dies Nilpferd gar aus deiner Heimat, dem oberen Nil, hierhergekommen, um dich zu besuchen? . . . Siehst du denn nicht... es ist doch ein Korb!" Die schwimmende Wiege war an einen schwarzen Wurzelast gestoßen, der aus dem Wasser ragte und schaukelte jetzt langsam dem Ufer zu. Dienerinnen erblickten sie und zogen sie ans Land. Glaubst du vielleicht, der kleine Mose habe Angst bekommen, geschrien und gezappelt, als sich die schwarzen Gesichter der Äthiopierinnen über ihn beugten? Ihre Lippen waren wulstig und rot wie spanischer Pfeffer, und ihre Zähne leuchteten daraus hervor, wie zwei Streifen Kokosnuß. Doch der kleine Mose fürchtete sich kein bißchen. Gleich ließ er sich auf den Arm nehmen. Aber jede wollte ihn einmal halten, und eine reichte ihn der anderen zu, bis er endlich der Pharaotochter gebracht wurde, die auf dem trockenen Ufer wartete. Wie die Prinzessin das Knablein sah, zog sie es entzückt an sich und schmiegte liebkosend ihre Wange an das warme Körperchen. „Ach, du Bübchen, du! Daß dich kein Krokodil gefressen hat?! Hier auf dieser einen Sandbank wohnt ja ein ganzes Rudel der Ungeheuer! . . . Aber jetzt gehörst du mir!" Schnell kleidete sich die Prinzessin an, nahm das Knäblein, mit einem seligen Lächeln drückte sie es behutsam an sich, und lächelnd wiegte sie es ein . . . Die Mutter, im Schilf versteckt, hatte alles mitangesehen. Mit einem Seufzer der Freude wandte sie sich zum Gehen und erflehte Gottes Segen auf das beglückende Königskind. Aber das Baby war ja noch klein; die Prinzessin konnte es nicht behalten. -— Es mußte zu einer Amme gebracht werden. Doch was glaubst du wohl, wer diese Amme war? Keine andere als seine eigene Mutter. — Das hatte der liebe Gott so gefügt, weil er Mitleid hatte mit der Mutter und den kleinen Mose liebte. Und weiter? Erinnerst du dich, wie es weiterging. Wie heißt es doch in dem dicken alten Buche: „Der Knabe wuchs heran, und die Mutter brachte ihn der Pharaotochter wieder. Die nahm ihn an Sohnes statt und nannte ihn Mose---" „Denn aus dem Wasser habe ich dich gezogen . . . sagte sie." So erzählt Großvaters altes Buch . . . Fünf Jahre war Mose, als er der Prinzessin zurückgebracht wurde. Und jetzt trennte sie sich nie mehr von ihm, weder am Tage noch in der Nacht. Im Mondenschein ruderte sie mit ihm hinaus auf den Fluß. Ein lichter Baldachin schwankte über ihrem Boote. Sie sang ihm lustige Lieder, klatschte in die Hände und lachte ihr klingendes Lachen. Aber Mose lachte nicht. Traurig und stumm sah er auf die silberne Wasserfläche und streichelte sanft das samtweiche Fell seines Affen — ein Geschenk der Prinzessin. Ach, du denkst wohl an den großen, bösen Affen, denn du einmal gesehen hast? Nein! Ein kleines, braunes Äffchen! Es hatte ein rotes Käppchen auf mit einer goldenen Quaste. Am Tage lud ihm die Prinzessin Spielgefährten ein, blitzäugige, lustige Schelme. Die neckten einander, purzelten auf dem bunten Teppich herum und versteckten sich in seinen breiten Falten. Sie stolzierten mit weitausholendem wippendem Gang wie der Strauß einher, oder sie ließen sich drollig-schwerfällig auf den Teppich fallen, wie das Kamel. Und die Prinzessin mit all ihren, lustigen Dienerinnen kamen nicht aus dem Lachen heraus, lachten, daß die Luft erschüttert wurde und die breiten Pfauenwedel rings an den Wänden schwankten. Aber der kleine Mose sah stumm und traurig zu. Dann, wenn die Kinder müde wurden und sich im Halbkreis um ihn hersetzten, um auszuruhen, stand er schweigend auf, ging und brachte ihnen köstliche Datteln und Bananen . . . (Oho, wie schnell die von den Kindern verschlungen wurden!) Oft verteilte er Spielsachen unter sie. So viele ihm auch die Prinzessin schenken mochte, alle, alle gab er sie weg; die leuchtend-bunten, steinernen Käfer, die zahmen kleinen Schildkröten mit den vergoldeten Rücken und zierliche hölzerne Bootchen mit winzigen Segeln aus Perlmutt. . . Einmal hatten Hirten auf dem Felde zwei Taranteln gefunden und in einem Glase in das Schloß gebracht: Ganz große Spinnen mit goldenen Bäuchlein und behaarten Füßchen . . . Du hast solche noch nie gesehen? Nun, Gott sei Dank! Paß auf, wie die gefangen wurden: Die Spinnen waren aus ihren Löchern gekrochen, um sich auf dem heißen Sande zu wärmen. Da schleicht der kleine Hirt heran, stülpt sein Tonschüsselchen über sie, schiebt ein Palmblatt unter — und — er hat sie gefangen. Das war etwas für die Kinder. Im Nu waren sie beisammen. Ein Racker von einem Buben stieß ein Stäbchen durch die Blase, die das Glas verschloß und reizte die Spinnen. Da hättest du sehen sollen, wie die aufeinander losfuhren! Die Füßchen flogen nur so. Sie packten sich, überschlugen sich und wirbelten im Kreise herum. Die gelben Bäuchlein wackelten, und die Kinnladen bebten. Tiger waren das, nicht Spinnen . . . Die Kleinen sind außer sich und wälzen sich auf dem Teppich vor Lachen. Auch die Prinzessin berauscht sich an dem Anblick. Sie liegt mitten in der Schar der Kinder und Sklavinnen, auf den Arm gestützt, und bläst aus vollen Backen in das Glas. Oh, ist das lustig! Aber der kleine Mose sieht auch diesmal stumm dem Treiben zu. Kein Lächeln verklärt sein ernstes Kindergesicht. Plötzlich tritt er heran, steckt sein Händchen tief in das Glas und trennt die giftigen Spinnen. Dann trägt er sie hinaus an die stachligen Agavenbüsche, die an der Gartenmauer wuchern und setzt sie vorsichtig auf den Sand, Und die giftigen Taranteln taten Mose nichts zuleide und stachen ihn nicht. Sie reckten ihre Füßchen gerade und liefen, so schnell sie konnten ins Feld hinaus, in die Freiheit . . . Starr vor Staunen hatten alle zugesehen. Da entließ die Pharaotochter die Kinder, schickte die Sklavinnen hinaus, setzte sich zu dem kleinen Mose auf den Teppich und streichelte lange, lange sein dunkles, rundes Köpfchen. Sanft streichelte sie es und endlich zog sie es zärtlich an sich und fragte leise: „Mose, mein Knabe, was ist mir dir?" „Was meinst du?" fragte das Kind und senkte den Kopf tief auf den Teppich nieder. „Warum lachst du nie mit uns? Schau, dort oben lacht die Sonne, da drüben, in den blühenden Jasminhecken zwitschern die Vöglein und rufen fröhlich einander zu, und hier im Springbrunnen die Fischlein, sieh, wie lustig sie sich haschen! Nur du allein „Warum ich nicht lache? Willst du es wirklich wissen?" Er