Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1925)
- Article
- Salomon Rossi
- Date
- 1925-08-01
- Page
- Seite 191 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2912821-2912840-2912849-2916082--02191-2916177- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
M E N O R A H 191 SALOMON ROSSI EIN JÜDISCHER MUSIKER IM 17. JAHRHUNDERT VON ALFRED SANDT Immer, wenn es sich um einen jüdischen Musiker handelt, drängt sich uns heute die Frage auf, ob in seiner Musik spezifisch jüdische Elemente vorhanden sind und ob sie als solche erkannt und gewertet werden können. Es ist nicht lange her, seitdem musikalische Kunstwerke auch von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet werden. Erst seitdem das Werk Gustav Mahlers sich eine große Welt unterjocht hat, verstummt nicht die Auflehnung Einzelner gegen dasselbe, indem rassenpsychologische Momente aus einer unzulänglichen Rüstkammer hervorgeholt werden und den Beweis liefern müssen, daß diese Musik keine Fortsetzung des bisherigen, künstlerisch gestalteten europäischen Wollens bildet, sondern etwas anderes, das man als fremdartig empfindet und daher ablehnt. Die jüdischen Musiker, die im 19. Jahrhundert schöpferisch gewirkt haben, sind nur auf ihre rein künstlerischen Werte hin geprüft worden. Das Werk eines Felix Mendelssohn, aus romantischem Boden den Inhalt seiner Kunst empfangend, hat sich zwanglos in das künstlerische Scharfen der Gesamtepoche eingegliedert und lange das ganze deutsche Bürgertum restlos ausgefüllt. Man hat nicht überlegt, ob die Sentimentalität so mancher „Lieder ohne Worte" eine jüdische ist und ob sie sich von der arisch-germanischen eines Robert Schumann unterscheidet, man hat nicht darüber sich Gedanken gemacht, ob der Formsinn eines Mendelssohn unbewußt von den architektonischen Gesetzen des jüdischen Volksliedes getragen wird oder ob er eine reine, reiche Frucht des Studiums klassischen Geistes darstellt. Und wenn ein Meyerbeer dem Angriffe Richard Wagners ausgesetzt war, so handelte es sich um eine rein persönliche Attacke, deren Berechtigung, nicht einmal aus subjektiver Einstellung, in der Schrift „Das Judentum in der Musik" nachgewiesen wird. Die Pflege der Musik im 17. Jahrhundert war hauptsächlich durch den hohen Sinn einiger Fürstengeschlechter und durch ihre persönliche Anteilnahme an den fortschrittlichen Bestrebungen in derselben bedingt. Wenn nun zu dieser Zeit Namen jüdischer Künstler in den Vordergrund der ganzen Kunstepoche treten, dann dürfen sie uns den Rückschluß erlauben, daß ihnen vor allem in Italien und Spanien Fürstengunst stärker als bisher zuteil geworden ist. Die Herzoge von Mantua haben in ihrer Mehrzahl die Juden sehr geschätzt. Der Herzog Guglielmo zeichnete sich nicht nur durch Toleranz und Güte ihnen gegenüber aus, er förderte auch ihre Beschäftigung mit den Künsten. Unter seinen Nachfolgern Vincenzo I., Francesco, Ferdinando, Vincenzo II. und Ferdinando von Guastalla entwickelt sich langsam ein reiches jüdisches Kunstleben in Mantua, dessen Höhepunkt das Auftreten Salomone R o s s i s zur Zeit der Herrschaft Carlo Gonzagas bildet. Dieser jüdische Musiker entstammte einer angesehenen Familie Mantuas, die, wie ihre christlichen Mitbürger, über einen Stammbaum verfügte, der bis in die Zeiten der römischen Kaiser Titus und Vespasian reichte. Von seinem Leben wissen wir sehr wenig. Geburts- und Todesjahr sind unbekannt, sein reiches Schaffen fällt ungefähr in die Zeit von 1587 bis 1628. Rossi gehört zu den Meistern, die an der Wiege der gesamten modernen Musik stehen. Seine Versuche, die Melodie in die Oberstimme zu verlegen, bilden die Anfänge der instrumentalen Monodie, die ihre herrlichsten Blüten in den ariosen Instrumentalsätzen Bachs treibt. Vom einstimmigen Gesang ohne Begleitung über den instrumental begleiteten Sologesang, von dem durchimitierenden A-cappella-Stil über die mehr homophone Satzweise des Madrigals in der zweiten Hälfte des 1 6. Jahrhunderts schritt die Entwicklung zum rezitativischen Stil und zum Generalbaß, langsam den Samen, den Salomone Rossi gelegt hatte, emporzüchtend. Die erste Sammlung seiner Kanzonetten erschien im Jahre 1589 und ist dem Herzog Vincenzo I. gewidmet. Es sind neunzehn volkstümlich gehaltene Gesänge, die die Frische eines jugendlichen Musikerblutes zeigen und doch auch schon das Talent eines geschickten Kontrapunktisten verraten. Wenn man in dem Exemplar dieses Werkes, das die Wiener Nationalbibliothek verwahrt, blättert, so hat man seine Freude an diesen sinnigen dreistimmigen Liederchen, die noch mehr von der Kunst des Zeitalters empfangen, als ihr gegeben haben. Drei Jahre später ließ er ein zweites Buch dreistimmiger Kanzonetten erscheinen, der Erfolg des ersten scheint also ein beträchtlicher gewesen zu sein. Wichtiger sind die fünf Bücher fünfstimmiger Madrigale, die wiederholt neu aufgelegt worden sind. Die Madrigale des 16. und 1 7. Jahrhunderts sind ernste Kunstlieder von tiefem poetischen und musikalischen Gehalt, die entweder ohne jede Instrumentalbegleitung oder ausschließlich durch Instrumente zum Vortrag gebracht wurden. Rossis Madrigale sind verschiedenen Fürsten gewidmet, deren Chöre bei der Wiedergabe vor keiner leichten Aufgabe standen, denn obwohl der vokale Charakter festgehalten wird, erfordert die komplizierte Stimmenführung eine besondere und eingehende Schulung. Aus dem Jahre 1614 stammen 21 vierstimmige Madrigale, die dem Herzog von Modena Alfonso d'Este gewidmet sind. Für die Musikgeschichte sind am wichtigsten seine vier Bücher Sonaten, von denen das erste und zweite Buch als „Sinfonie e gagliarde", drei- bis fünfstimmig, das dritte bis vierte Buch als „Varie sonate, sinfonie, gagliarde brandi e corrente" erschienen sind. In diesem Werke wird uns der Begriff der instrumentalen Monodie klar vermittelt. Zwei hübsche Beispiele für diesen neuen Stil enthält der dritte Band; nämlich eine Sonate „sopra TAria della Romanesca" und eine „sopra l'Aria di Ruggiero". Diese so oft bearbeiteten Bässe erscheinen hier in ihrer reinen Gestalt. Obgleich aber der Baß der Romanesca nicht streng durchgeführt wird, haben wir doch das älteste Beispiel des gehenden Basses vor uns. Die Aria di Ruggiero wird in acht Variationen behandelt, deren jede eine Manier festhält, ganz wie es für Variation dauernde Regel geblieben ist. Von vokalen Werken ist noch eine Sammlung drei- bis achtstimmiger Cantica, Psalmen, Hymnen und Laudes zu nennen, Gesänge, die für die jüdische Musik von unschätzbarem Werte sind, enthalten sie doch die Lieder Salomos, auf hebräischen Text gesungen. Aber auch an einem geistlichen Musikdrama „Maddalena" beteiligte sich der unermüdliche Rossi, indem er einen der vier Akte komponierte, während der berühmte Monteverdi mit zwei anderen angesehenen italienischen Musikern zu seinen Mitarbeitern zählte. Für die Aufführung des Dramas „L'Idropica", die 1608 in Mantua stattfand, schrieb er ein Intermezzo, der einzige uns überlieferte Nachweis, daß er auch Beziehungen zur damaligen Bühne hegte. Das Judentum hat sich bisher wenig um einen ihrer größten Musiker gekümmert. Zwar hat der Pariser Oberkantor N a u mbourg im Jahre 1877 33 drei- bis achtstimmige Gesänge Rossis neu herausgegeben, die der Meister für den Gottesdienst in der Synagoge geschrieben hat. Aber von einer Wiederbelebung dieser wertvollen Musik oder von einer Gesamtausgabe der Werke des Tondichters wird nicht gesprochen. Und doch sollte man sich die Tatsache ins Gedächtnis zurückrufen, daß Rossi durch seine Kunst das Ansehen der Juden so weit