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Menorah · 1925-08-01 · Heft 8-9 (August 1925) · p. Seite 185

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 8-9 (August 1925)
Article
Richard Beer-Hofmann und das deutsche Theater
Date
1925-08-01
Page
Seite 185 (sequence 3)
Language
German
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MENORAH 185 schien. Denn wer den Dichter kannte, der wußte auch, daß Jahre um Jahre vergehen würden, ehe dieses sein Lebenswerk sichtbar würde. Der Auftakt ist erklungen. Er nennt sich — etwas befremdend — „Jaäkobs Traum". Der Dichter hat die uns geläufigen biblischen Namen durch archaistische Formen ersetzt, die in ihrem urtümlichen Charakter zum Teil den Keilschriften entnommen sind; wenn er so Uru-Schalim für Jerusalem schreibt. Sie erscheinen voller, tönender als die bekannten Formen. Und sie geben dem Ganzen von vornherein etwas Urweltliches, Urzeitliches, wie das graue mächtige Gestein, das diese bewegten und leuchtenden Bilder umstarrt. Der wesentliche Inhalt dieses Vorspiels ist der biblische Bericht: Jakob rang mit Gott, von dem er nicht lassen wollte, er segnete ihn denn. Das Drama hat diesen Kampf, den die Bibel ganz wörtlich und körperlich meint, durchaus ins Geistige gehoben. Jakob ringt um seinen Segen, um den von ihm gewählten Sinn seiner Berufung, und er läßt nicht von Gott, ehe er ihm die Krone abgerungen hat, nach der seine Sehnsucht verlangt. Die Krone, das Gotteswrort in die Menschheit tragen zu dürfen. Jakob hat seinem Vater den Segen abgelistet, der seinem Bruder (das Drama nennt ihn Edom) zugedacht war. Edom dürstet nach Rache. Er findet den flüchtigen Bruder auf einer einsamen Höhe. Aber der Pfeil, der Jakob treffen sollte, bleibt in dem Lamm stecken, das dieser in sorglicher Pflege an seiner Brust gebettet hat. Sehr schön, wie sich in diesem Symbol die bezwingende Kraft Jakobs kundtut: Güte. Seine Güte entwaffnet und versöhnt Edom, seine Güte fühlt das Leid von Mensch und Tier, seine Güte gibt ihm die Kraft, mit seinem Gott zu hadern. Im 1 räum steigt die Himmelsleiter von seinem steinigen Lager empor. Die Engel verheißen ihm den höchsten Glanz der Erde im Namen des Herrn. Aber d i e Berufung lockt ihn nicht. Er will der Geistig-Erwählte sein, dem die Antwort auf die große Leidensfrage der Welt anvertraut ist. Er will der Träger des Gottesgedankens sein, der Anwalt Gottes auf Erden, der Anwalt aller leidenden Kreatur vor Gott. Das ist die Sendung, die er sich und seinem Volke erfleht. Umsonst warnt ihn Samael — der Ieidumdunkelte Luzifer dieser himmlischen Sphäre — vor der Dornenkrone, nach der er greifen will; vor dem unsäglichen Martyrium, das sein Volk erwartet, wenn es der Herr wirklich krönt. Jakob bleibt unerschüttert. Er will, daß sein Volk erwählt werde, erwählt zu leiden, zu dulden und zu lehren. Das Menschliche ist in diesem Drama mit einer außerordentlichen Kraft gestaltet. Die fürstliche Hoheit Rebekahs, der irdisch heiße Ungestüm Edoms, die wilde Kraft und odaliskenhafte Dumpfheit seiner Frauen, all das ist voll blühender Lebendigkeit. Ergreifend schön aber ist der ahnungsvolle, von all den dunklen Fragen des Lebens umdämmerte Knabe Jakob. Wie er seinen alten Sklaven freispricht und ihm, dem längst Zerbrochenen, Wunschlos-Müden, das Leben neu aufrichtet, ein Leben des reinen und innigen Glücks, wie er seinem Bruder die Waffe aus der Hand und den Zorn aus der Seele nimmt, das sind unverlierbare Eindrücke. Und in den Szenen der Rebekah, wie in der Szene Jakobs mit Edom erreicht das Werk auch die zwingende Kraft der Bühne. Bleibt allerdings noch ein Einwand, über den auch das willigste Gefühl nicht leicht hinwegkommt: die Erschleichung des väterlichen Segens. Die Bibel freilich erzählt dieses Schelmenstückchen mit der naiven Unbekümmertheit jeder aristokratischen Kultur, dir. an der Überlistung des Gegners nur ihre souveräne Freude hat. Aber so wenig Goethe seine Iphigenie nach der hellenischen Tradition den Betrue an den Barbaren wirklich üben lassen konnte, so wenig durfte der Jakob Beer-Hofmanns den Segen des Vaters stehlen. Hier galt es eben, das antike Element in die Sphäre unserer Sittlichkeit aufzulösen. Das hat der Dichter auch zweifellos gefühlt und mit allerlei feinen Zügen zu heilen versucht; aber der Riß bleibt unheilbar. Daß Isak der Dekadente ist, dem die Wahl gar nicht zusteht, daß Jakob in Wahrheit der Berufene ist, Edom sichtlich der Gnadenlose — gleichviel; daß Jakob, der Träger des höchsten sittlichen Gedankens, den Betrug vollbracht hat, ist ein quälender Widerspruch. Man wird auch gegen manche Einzelheiten sich auflehnen. Edom hat gelobt, sich keine Freude der Erde zu gönnen, ehe er das Blut des Bruders gesehen hat; Jakob greift rasch nach dem Messer, ritzt seinen und des Bruders Arm und läßt das Blut, zur Besiegelung ihrer Blutsbrüderschaft, zur Erde träufeln. Das ist eine sehr geistreiche Spitzfindigkeit, aber sie ist nur geistreich und spitzfindig. Auch verliert sich der zweite Akt zu sehr ins Rhetorische und büßt daher seine Bühnenkraft ein. Aber es wäre schade, sich so den reinen Eindruck des Werkes zu verkümmern. Genug, hier erklingt ein Auftakt, der hohe Erwartungen nach dem eigentlichen Werke weckt. Grandios ist die dichterische Vision der auf Stufen des Lichts niedersteigenden Engel. Der Goldglanz ihrer Rüstungen schimmert auch auf ihren Worten. Aber in diesen Worten glüht nicht die hingegebene Inbrunst des Glaubens. Es ist — wie ich bereits gesagt — kein religiöses Werk. Es sei denn, daß man Religion in einem tieferen Sinne faßt: als das Bemühen des Menschen, sich in der bedrängend gefüllten Unendlichkeit des Weltlebens zurecht zu finden. Klarheit zu gewinnen über die Stellung des eigenen Ich im All. (Dann freilich ist das letzte große religiöse Buch der Deutschen zugleich auch ihr gottlosestes: Nietzsches ,.Zarathustra".) Dieser religiöse Geist durchdringt auch „Jaäkobs Traum". Die Rätselfragen des Lebens lassen des Dichters Herz erzittern. Der stumme Leidensblick der Tiere, die schuldlose Qual der Mißgeborenen — „Ist Leid nur Strafe?" Dieses anklagende Wort wider Gottes Güte und Gerechtigkeit stöhnt immer wieder auf. Das menschliche Gefühl kann das Gleichgewicht in dieser Welt nicht herstellen. Es sieht schuldloses Leid und schuldvolles Glück. Seine ewige Frage findet keine Antwort. Auch dieses Gedicht findet sie nicht. Es weiß nur: die Antwort ist Gottes. Und Gott wird sie Jakob anvertrauen. Ihm und den begnadeten Sprossen seines Blutes. So ist das nationale Pathos des Werkes überzeugter, beglückter, stärker als das religiöse. Jakob ringt mit Gott und wird von ihm gesegnet. Das ist dem Dichter beseligende Gewißheit und Zuversicht, JERUSALEM: STRASSE ZUM TEMPELPLATZ

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