Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1925)
- Article
- Panischer Schrecken
- Date
- 1925-08-01
- Page
- Seite 182 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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182 MENORAH das vom Menschen Vergewaltigte einmal zu seltsamer Stunde in seine menschenferne Urgestalt rückverwandelte." „Du sprichst von einem bestimmten Erlebnis?" unterbrach einer der Freunde. Der Afrikaforscher hielt seine gekrümmte Hand vor den Mund, man konnte nicht sehen, ob sein Gesicht einen gleichgültigen oder traurigen Zug annahm. Die dunklen Augen, müde, halbgeschlossen, gaben gleichfalls keine Auskunft. ,,Erlebnis — wäre zu viel gesagt. Aber an eine ganz bestimmte Stimmung denke ich allerdings, in der ich einer der von Erich so geschmähten Warnungstafeln schließlich noch dankbar geworden bin, denn sie allein war es, die mich aus dem Grausen des panischen Schreckens gerissen hat. Ohne sie wäre ich vielleicht wahnsinnig geworden und säße heute nicht unter euch, sondern —." Er verstummte. Die anderen fühlten, warum. Saß denn der Freund wirklich noch unter ihnen? War er nicht schon in jene einsamen tödlichen Gegenden entrückt, die ein rätselhafter Trieb, vielleicht gerade die Sehnsucht nach dem, was er den panischen Schrecken nannte, ihn immer wieder aufsuchen hieß, nach kurzen, in zivilisierten Gegenden krisenhaft genug überstandenen Zeiträumen. Zudem trat Beg, des Forschers schwarzer Diener, mit Kaffee und Likören ins Zimmer. Die bloße Anwesenheit des Negerknaben mit dem stumpfen, wie in Wut erstarrten Gesicht, erinnerte deutlich genug an das abenteuerliche Leben, dem der Abschiednehmende vor kurzem enttaucht war und nun wieder entgegenging. „Ich liebte damals," erzählte er, „oder glaubte zu lieben. Das erste und einzige Mal in meinem Leben. Elise war jungvermählt, an eine Verbindung mit ihr konnte ich nicht denken. Dennoch gehörten wir einander, es war ein Muß, vor dem Hindernisse nicht standhielten, kaum fühlbar wurden. Nur unter den größten Schwierigkeiten sahen wir einander. Einmal war ihr Mann verreist. Wir verabredeten einen Ausflug in einen der Großstadt nahen Kurort. Da Winter war, durften wir hoffen, dort keinem Bekannten zu begegnen. Alle Vorsichten waren getroffen. Elise fuhr voraus, ich folgte mit einem späteren Zuge. Eine moralische Rechtfertigung unseres Tuns will ich nicht geben. An die dachten wir gar nicht, hatten genug zu tun, uns durch die wohlüberlegtesten Abwehrmaßnahmen gegen den ,Neid der Welt', wie wir es nannten, gegen die bösen Mächte ringsum zu schützen. Dieser Gedanke gewährte anderen Überlegungen gar keinen Platz, erfüllte uns mit aufgeregtester Spannung, und dann, als es klar war, daß wir gesiegt hatten, der Plan geglückt war, als wir endlich in dem kleinen, warmen Hotelzimmer einander allein gegenüberstanden, — welch ein Glück! Doch eine leise Beimischung von Unheimlichkeit war allerdings die ganze Zeit über zu spüren; vielleicht gerade deshalb, weil das Hotel so elegant, dabei fast menschenleer, also ganz sicher, weil das Essen so gut, wie von Heinzelmännchen für uns vorbereitet, weil alles so bequem und unseren Wünschen bis ins Geringste angepaßt war. Schatten aber lag auch deshalb über der sonst so einschmeichelnd süßen und wohlbehaglichen Situation, weil unter uns ausgemacht war, daß wir nur dieses einzige Mal die vorgetäuschten Freuden einer Ehe genießen, nur dieses einzige Mal die Ehre meiner über alles geliebten Freundin aufs Spiel setzen durften. Nach einer Nacht, von der ich nichts sagen will, als daß sie unserem Beisammensein für Stunden und Stunden sogar diesen letzten Schatten von Wehmut und Unheimlichkeit nahm, mußte ich am frühen Morgen weg. Elise sollte am Vormittag mit der Bahn zurückfahren, ich hatte den ersten Dampfer gewählt, der in die Stadt fuhr. So ging ich nach kurzem heißen Abschied (einem Abschied für immer) die Treppe hinunter — im Hotel regte sich nichts — durch Alleen und Felder bis an den Fluß, wo das kleine Dampfboot wartete. Es mochte vier Uhr morgens sein. Finsternis und eisigkalter Wind. Auf dem Dampfer war ich einziger Fahrgast; auch von der Mannschaft nichts zu sehen; sie mochte von geschützten Plätzen aus den Motor, das Steuer bedienen. So fuhren wir los. Unter dem Wolkenhimmel stand ich auf dem Verdeck. Hie und da eine Laterne am Ufer. Der ganze Ort sonst dunkel, dumpf im Schlaf. Nur auf dem Hügel in der Ferne das eine beleuchtete, gleichsam wachende Fenster, hinter dessen zartem Vorhang ich die Gestalt der Geliebten ahnte. Sie lag wohl im Bett, war nicht aufgestanden. Den Vorhang hatte sie jedenfalls nicht aufgezogen. Dieser kleine Umstand riß mich plötzlich aus Träumen, denen ich noch warm und herzerfreut nachhing, in die trübselige, fröstelnde Gegenwart. Das Schiff nahm den Weg um einen Felsen, das Fenster verschwand. Namenlose Angst befiel mich. Kein Mensch ringsum. Kein Zeichen irgend einer menschlichen Betätigung. Die Nacht hatte alle Bauwerke in sich eingeschlungen. Man sah nichts als die leblose, steife Kulisse der Berge, unendlicher Wälder. Wenn ich jetzt schriee, niemand würde mich hören. Niemand mir zu Hilfe kommen. In völliger Verlassenheit müßte ich untergehen. So also, fühlte ich, sieht diese Gegend für einen Ertrinkenden aus, so bietet sie sich seinem letzten Blick. Eine Landschaft ohne Menschen, da und dort ein Lichtschein, der schwarze Himmel, — nichts antwortet. Und nun wußte ich: dies ist die wahre Gestalt der Welt. Jetzt erst hatte sie sich mir enthüllt in ihrer ganzen Lieblosigkeit, Weltraumkälte schauerte an meiner Haut. Und die Fruchtlosigkeit aller Menschenmühe, sich mitten in diesem unendlichen fremden ernsten Weltall eine Heimat, ein wohnliches Leben, ein Hotelzimmer mit einer schönen, geliebten Frau einzurichten, fiel mir bitter ins Herz. Abschied, Abschied nehmen heißt es. Jede Nacht saugt ein, was wir der Natur abgetrotzt zu haben glauben, legt unsere Errungenschaften in Trümmer. Wo sind in diesem Augenblick Telegraphendrähte, Hafenanlagen, die Bahnstrecken längs der Ufer, all die Zeichen menschlichen Triumphs! Finster, abweisend alles ringsum, nie erschlossen, leer. Eine Landschaft auf dem Mars, dem Sirius kann nicht fremder sein. Und dies also unsere urbar gemachte Erde, unsere Vertraute seit Jahrtausenden, mit der wir so familiär zu sein glauben, dies sogar einer ihrer bewohntesten Striche, Umgebung einer großen alten Stadt! Ewige Feindseligkeit der Natur, all unseren Anbiederungsversuchen zum Trotz bleibt sie ein wildes Urtier, — mit uns spricht sie nicht — und was ich jetzt höre, das Rauschen der nächtlichen Uferbäume, das siedende Zischen und Seidenrauschen der Eisschollen, durch die sich der kleine Dampfer stolpernd seinen Weg bahnt, all das ist gar nicht für mein Ohr, für Menschenohr bestimmt, es ist eine Sprache, die über unsere Köpfe hinweg geredet wird, Urwesen uns zur Seite unterhalten sich mit irgend welchen anderen Dämonen über uns, wir verstehen nichts davon, wir sind ausgeschlossen, verachtet, verraten, von bösen Mächten umringt, die uns zermalmen . . . Und da verstand ich auch, was mich von Elise riß, plötzlich war das Unheimliche, das schon durch den geglückten Plan tags zuvor im wohlgewärmten, komfortablen Hotel sich angekündigt hatte, mit ganzer Macht da und zeigte, daß mißglückt war, was ein Weilchen lang wie geglückt ausgeschaut hatte. Und so mußte es immer sein. Alles Gelingen war nur provisorisch, der Weltraum schluckte es in kalter Nachtstunde in seine Ungestalt zurück. Je länger ich es überdachte, desto trauriger wurde ich; es war eine Traurigkeit, die anzog wie ein Wirbel. Wie schön, sich nun ganz loszulassen, alles praktische Sicheinordnen, das so unnütz war, aufzugeben, hineinzuspringen in das offene Tor. Es war der Irrsinn, der hinter dem Tor lauerte, das wußte ich ganz deutlich, und hatte doch keine Kraft mehr, mich zurückzuhalten. Die Eisschollen polterten, — ein Schritt und es wäre getan gewesen. Da kam mir im letzten Augenblick eine ganz unerwartete Rettung. Mein Blick fiel auf eine Emailtafel neben der Treppe, die zur Kajüte hinunterführte; im trüben Öllicht las ich: .Ausspucken behördlich verboten.' Und plötzlich war das Gefühl menschlicher Nähe wieder da. Ordnung, Beherrschung des Elements lockte, war friedlich und gut. Ein leises Hoffen, vor dem das Chaos versank. Ich glaube, daß ich dann noch lange vor der Emailtafel gestanden bin und sie mit beiden Händen gestreichelt habe, bis wir bei der ersten Station anlegten und Menschen, Arbeiter einstiegen, die diesen Weg täglich zu machen hatten und denen er daher nichts Erschreckendes bot. Die beruhigten mich vollends. Aber gerettet hat mich doch nur eine jener Warnungstafeln, die du Erich, unlängst so bespöttelt hast." — Er lächelte. Die anderen aber konnten in dieses Lächeln, das übrigens im Augenblick vorbeiging, nicht miteinstimmen. Sie ahnten, daß ihnen der Freund, vielleicht ohne es zu wollen, ein seinem Leben zugrunde liegendes Unheil enthüllt hatte, von dem er sonst nie sprach und das also der eigentliche Grund war, das ihn immer wieder in Wüsten und Fernen ohne lebensrettende behördliche Warnungstafeln hinaustrieb.