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Menorah · 1925-08-01 · Heft 8-9 (August 1925) · p. Seite 181

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 8-9 (August 1925)
Article
Panischer Schrecken
Date
1925-08-01
Page
Seite 181 (sequence 1)
Language
German
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M E N O R A H 181 x' rZ&j£f>*' *>ir W^t^/*?s%r. .Wr* i. JERUSALEM: VIEHMARKT AM HERODES-TOR Panischer Schrecken VON M AX BROD. Eine kleine Gesellschaft, drei Freunde, spazierte durch einen Wald in der Nähe Berlins und kam zu einer Lichtung, die Ausblick auf Chaussee, Bahnhof und den sauber von Dämmen eingefaßten Flußkanal mit der neuen Eisenbrücke darüber bot. ,,Was ist eigentlich noch Natur hier?" rief der eine, ein Filmregisseur. „Der Mensch verpatzt alles. Man sieht nur noch Kunstbauten, Schotter, Schienen. Die paar Grashalme an der Straße scheinen sich für ihre Anwesenheit entschuldigen zu wollen. Sie sind nur noch geduldet. Im übrigen hat der Mensch alles rundum domestiziert, seiner Herrschaft unterworfen." „Und als Fahnen dieser Herrschaft," sagte der andere, „pflanzt er diese scheußlichen Warnungstafeln und Wegweiser auf. Schaut euch einmal um, wie viele man von da aus sehen kann. Ich zähle zwölf auf den ersten Blick. Nein, dort hinten noch eine Gruppe. Und hier am Bahnübergang wimmeln sie ja. .Achtung Hochspannung' und ,Das Überschreiten der Gleise verboten'. In wenigen Jahren werden sie den eigentlichen Wald bilden und von dem Wald hinter uns werden nur ein paar Erinnerungsbäume auf dürrem Beden übriggeblieben sein." Er sprach so suggestiv, daß man vor seiner Handbewegung wirklich schon den Stangenwald aus dem Boden schießen und die Tannen und Kiefern in vergeblichem Wettbewerb vor diesem Kunstforst hinschwinden sah. Der dritte sagte nichts. Einige Tage später aber, als die beiden anderen bei ihm eingeladen waren, um seinen Abschied und Aufbruch zu einer Sahara-Forschungsreise zu feiern, kam er auf dieses Ausflugsgespräch zurück. Es war nicht seine Art zu widersprechen. Er machte immer nur Einschränkungen, drang darauf, daß man das Leben in seiner ganzen Kompliziertheit nehme, wie es eben ist, und lehnte oberflächliche Vereinfachungen ab. Er tat das aber nicht etwa ausdrücklich und in großen Behauptungen, sondern gab gewöhnlich nur höfliche Zusätze zu dem, was gesprochen wurde, stimmte meist sogar zu, aber auf eine seltsame Art, die neben der Regel gleich auch wieder die Ausnahme aufwies und allmählich immer weiter abbog, so daß neben der ursprünglichen Behauptung eine bald unübersehbare Fülle von Berichtigungen stand. So auch diesmal. „Wir haben vielleicht wirklich die Absicht," begann er, „die Natur zu vermenschlichen, wie Erich neulich beklagt hat. Die Frage ist nur, ob es je gelingt. So waren ja die antiken Gottheiten, Baum- und Bachnymphen nichts anderes als ein Versuch, die feindlich unzugängliche Natur unsere, die Menschensprache sprechen zu lassen! Der moderne Mensch möchte diese Zutraulichkeit durch das herstellen, Avas er .Naturgesetz' nennt. So glaubt er, mit dem Fremden, das ihn umgibt und das keine Notiz von ihm nimmt, auf Du und Du zu kommen. Es gibt Landschaften, in denen dieser kindische Irrglauben gleichsam körperliche Gestalt bekommt. Ein Areal von Kais, Beton- und Eisenbauten, reguliertem Wasser, — der Mensch hat hier so lange und so intensiv auf die Natur eingeredet, bis er sie überredet, vielleicht auch nur niedergeredet hat. Zumindest bildet er sich das ein. Hätte er es nicht nötig, sich diese Illusion zu verschaffen, — er würde so viel Mühe nicht aufwenden. So sind .vermenschlichte Landschaften' nicht nur Kraftäußerungen des Menschen, nein, gleichzeitig Ausdruck seiner Not und grenzenlosen Verlassenheit im Weltall. Und wehe, wenn die Natur den Schein einer Konversation, an der sie ja im Grunde gar nicht teilnimmt, plötzlich abzuwerfen beliebt, -Wenn sie dem Geist wieder fremd und in ihrer ursprünglichen Unauflöslichkeit entgegentritt. Diese Unauflöslichkeit ist Grauen. Das, was die Alten den .panischen Schrecken' nannten. Aus dem Schweigen der Mittagshitze, aus der ewig fernen, grünen Tiefe des Waldes löst sich der Schrei los, den das Ohr nicht faßt, der lautlos ins Herz sinkt, — Angst, Angst vor dem Nichts, vor dem Geheimnis, das noch weiter als das Nichts entrückt ist. Dennoch glaube ich, daß die Alten den .panischen Schrecken' nie in dieser wütenden, ja häßlichen Entsetzlichkeit erleben konnten, wie er uns manchmal überfällt. Ihre Natur, ihr Wald, ihre Flüsse waren ja nicht so zurechtgestutzt, nicht so unterjocht (scheinbar unterjocht) wie unsere Umgebung; daher der Sprung nicht so groß, wenn sich

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