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Menorah · 1925-08-01 · Heft 8-9 (August 1925) · p. Seite 180

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 8-9 (August 1925)
Article
Der Traumsiedler
Date
1925-08-01
Page
Seite 180 (sequence 4)
Language
German
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180 MENORAH hier sind junge, unwissende Geschöpfe. Vielleicht ist das ihr erster Frühling, vielleicht haben sie noch nie einen Nestbau sehen können. Sie können es, ohne es je gelernt zu haben. Das Können ist in ihrem Schnabel. Nur die Sehnsucht muß man haben und die Liebe, die Liebe zum Nest. Ich treffe es also auch, denn ich habe die Sehnsucht und die Liebe dazu. Ich kann es, weil es i n mir ist, ich fühle es in meinem Arm und in meiner Faust. Ich weiß, ich weiß, wie man sät. Ich bleibe am Rain des Ackers stehen, flüchtig ebne ich ihn noch mit dem Rechen, ich gehe zum Sack, greife hinein, streue den Samen langsam aus. Nicht gut so . . . ich war unentschlossen ... ein ganzer Klumpen fiel hier unter die Scholle, dort ist das Feld leer geblieben. Noch einmal, Und doch, ich bin befangen: meine Hände zittern. Mir ist kalt und warm, ich fürchte mich. Wovor? Mich durchbebt der Schauer einer längstvergangenen Nacht, dort, in der Fremde. Drei Soldaten pochen wild an mein Fenster: „Jude, Wein!" Als ich die Tür aufmachte, schäumten sie in mörderischer Wut. Der eine schwang sein Seitengewehr, stieß es rasend in den Tisch. Ich sah hin: es troff von Blut. Drinnen die Frau und die zwei Kinder, das jüngste noch unter ihrem Herzen. Die Hand zitterte mir, als ich den Wein einschenkte. Sie zitterte wie jetzt. Warum aber jetzt? Wo ist das blutige Messer? wo der Mordgesell, der mich überfiel? Hier überwölbt der Himmel mich, hier wandert die Sonne mir, hier bin ich daheim. M i r gehört die Erde. Mirl Ich greife in den Reissack und streue den Samen auf, beherzt, mit Schwung. Noch einmal. Ebenso. Und wieder. Und abermals. Das, das ist säen! Und der Sämann: ich! Als hätte ich stets getrieben dies Handwerk. . . Ich kann es, ich erinnere mich irgendwie daran . . . meine geschlossene Handfläche öffnet sich, meine fünf Finger spreizen sich, der gelbe Samen, schwirrt und fliegt zur Erde, wie ein Bienenschwarm. Hie und da ist er aufgesprungen, die Schale fiel herab vom Reiskorn, mich dünkt, ich säe den Kern silberner Taler, oder winzige Perlen . . . Indes bis zum Sommer werden Taler und Perlen sprießen. Nicht doch, wozu brauchte ich harte Perlen und klingendes Silber! Der Reis ist, wie die feinsten Zähne meines Jüngsten . .. Segen brauche ich, Segen auf dem Feld, Segen im Stall und Segen im Haus. Und ein Weib, das mein neues Leben mitleben will und erleben kann. Das brauche ich, das allein. Und wie ich den Reis säe und mich mitten in der Bewegung fühle, die mir selbst so traumhaft schön vorkommt, sprudelt aus mir die Vergangenheit und ich fange an das Lied zu singen, das ich allwöchentlich von meinem Vater hörte, das Lied, das von Geschlecht zu Geschlecht geht und an den kerzenbeleuchteten Freitagsabenden vorgesummt wurde. „Ein tüchtiges Weib, wer vermag es zu finden? Kostbarer ist es als edelste Perlen." Und was ich bis jetzt nicht gefühlt, nun fühle ich es auf einmal; als hätten sich mir alle Sinne erschlossen: die Luft ist voll Wohlgerüche. Das kleine Stück Unendlichkeit: ein seltenes Gefäß voll ungeahnter Spezereien. Das Meer und die Erde, die Obstbäume, die knospenden Olivenwälder vom Berge entladen sich über mir: und ich streue den Samen und singe das Lob des tüchtigen Weibes .. . Das Licht überströmt mich. Der Wind streicht hinter mir. Ein bekannter Hund von meiner ersten Wanderfahrt, kläfft jetzt, da wir einander begegnen, vor Freude, wedelt, springt an mir herauf und leckt mir die Hand, die nackten Arme und das Gesicht . . . Ich lasse den Reis fliegen und besinge das Weib, welches, mitschaffend, sich sein Leben erneuert. Alles ist mir hier in Erinnerung und Wiedersehen, alle Poren öffnen sich dem Duft, und mit vollen Händen streue ich den Samen und singe: das Lied schlägt zurück zu mir wie ein Echo, es singen die Berge und Bäche mit mir: „Seine Hüfte umgürtet es mit Kraft und es ißt nicht von der Tafel des Müßigganges ..." Das Lied und das Säen schwellen meine Brust wie der Wind die Segel. Ich glaube, nie habe ich etwas anderes getan. Das ist meine Arbeit. Soweit mein Gedächtnis reicht, bebaue ich den geerbten Acker. Zuweilen dämmert es in mir: ich fahre mit der Bahn an der Landstraße vorüber, sitze beim Fenster und schaue hinaus. Ich sehe Einen, der da singt und auf dem Feld arbeitet: ich sehe mich selbst. Ich bin der Ackersmann, der Bauer mit den straffen Muskeln, mit dem erdenbraunen Gesicht und schweißbedeckter Stirn. . . Wer staunt ihn an? Mein altes Leben . . . Vom Haus kommt die Frau. Sie bleibt vor mir stehen, blickt mich an, sagt nichts. Ich wühle im Grund des Sackes herum, streue die letzten Samen in die letzten Reihen. Ich habe die Hand nicht mehr voll mit Samen, der Schwung bleibt aber derselbe. Die Frau sieht meiner Arbeit zu. — Siehst du! — sagt ihr mein Blick. Ich trete auf sie zu und sage ihr: —■ Beracha! Sie weiß, daß es ihr Name ist, so wenig ich sie auch früher mit dem Wort angeredet hatte. Sie weiß, daß dieses Wort Sinn meiner Arbeit ist. Und sie versteht den Sinn: Segen! — Beracha! — sage ich ihr. — Mein Segen! — Jischaj! — erwidert sie und wir wissen nimmermehr, daß wir uns je anders genannt haben. Anders? Anders? Wie wir da arbeiten, sei es unter lautem Gesang oder dem Finger des Schweigens auf den Lippen, erschließt sich uns ein geheimnisvolles Heiligtum: die Sprache, die wir längst vergessen haben. Seit zweitausend Jahren wurde sie nicht mehr gesprochen, sie lebte i n uns bloß, wie eine ins Buch gepreßte Blume. Und jetzt erblüht ihr wieder ein strotzendes Leben. Liegt es in der Würze des Windes? In der feurigen Sonne des Südens? In der Erde, die wieder auflebt? Ich rufe im Morgentau der Scholle auf einen Augenblick wieder ein Stück tiefer Vergangenheit in mein Gedächtnis. Meine Vergangenheit? Vielleicht ist sie gar nicht die meinige. Doch halt! Ich sitze im Zwielicht von vier Wänden, vor mir ein Buch, vor dem Buch eine Kerze. Das unruhige Licht tanzt über den Buchstaben, wie die Sonne unlängst über den Furchen, ich stammle, ich lalle den drolligen Text, ich ringe mit ihm; hier habe ich meine Sprache, ich verstehe sie und verstehe sie nicht. Doch jetzt, in diesem Lande, habe ich sie auf der Zunge, stark und sicher, wie ich das Säen in den Armen hatte. Ich kenne all ihre Tiefen, Wendungen, Falten und Rätsel. Meine Frau kennt sie auch. Wiewohl sie sich nie mit ernsten Büchern geplagt und höchstens nur dann und wann irgend ein rätselhaftes Gebet geflüstert hat. Wir sprechen nicht viel, wir kargen mit der Wonne. Wir heben sie uns auf für den Winter, wo man leichter auch Pläne machen und besprechen kann. Jetzt brauchen wir die Kraft, die im Sprechen steckt, für die Arbeit. Und die Kinder. Sie wissen noch mehr als wir. Von früh bis abends halten sie sich draußen auf dem „Mohnkuchen" auf. Der liebe Gott allein weiß, wer die milden Hügelketten von Tel-Chalom mit diesem Namen bedacht hat. Wenn sie heimkehren, so bringen sie immer neue Worte; mit immer neuen Ausdrücken schreien sie das Haus voll. Zuweilen muß ich mir das Gedächtnis recht anstrengen, um ihren Sinn herauszufinden. Ihnen ist diese Sprache unserer weihevollen Stunden so natürlich wie ein durchsonnter Werktag. Sie wächst draußen auf dem Feld, die Kleinen pflücken sie mit den Kindern der Nachbarkolonisten wie bunte Blumen. Mitunter lerne ich auch von ihnen. Wußte ich doch anfangs nicht, wie man in meiner alt-neuen Sprache die Kartoffel ausspricht, und habe mich gar nicht getraut, sie zu säen, ehe ich das gewußt hatte. Jetzt aber, nachdem ich es von ihnen erfahren habe, verlängere ich den Garten, dort grabe ich ein neues Beet. Wieder eine harte Arbeit mit Spaten und Beil. Aber ich merke es kaum. In der Ferne sehe ich die drei Kinder, die zwei Ziegen und die Kuh im Lauf und die Knäblein weinen ihrer Schwester mit süßem Klagen nach: — Zipporah warte doch, lauf nicht so! Vöglein warte — Zipporah warte! Es liegt mir im Ohr, wie ein altes Volkslied: „Wart' du Vöglein, nimmer wird das sein . . Und ich lache in den Bart hochmütig, jauchzend: nimmer? Siehe da, unter mir grünt die Wiese, blau ragt um mich der Berg. Und ist es auch sonst still, so höre ich doch die Laute der in die Erde gesteckten Sprößlinge und der springenden Keime: das nur dem Traumsiedler verständliche Zwiegespräch des neuen Lebens. 'Das III. Kapitel: „Abu Abdullah", folgt in der nächsten Nummer.')

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