Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1925)
- Article
- Unsere Mutter
- Date
- 1925-07-01
- Page
- Seite 166 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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166 M E N p R A H „Liebes Annerle! (schrieb sie einmal) Dein Brief hat mich sehr gefreut, weil ich daraus sehe, daß du mich verstanden hast. Ich fürchte, es wird euch schwer werden, eure Töchter zu verheiraten: erstens stellt Paula an einen Mann zu große Ansprüche, zweitens bis du ebenso dumm — verzeih', ich wollte sagen ,,ideal" wie sie. In dieser Welt muß man ein wenig nüchtern sein und von vorneherein auf mancherlei verzichten. In meinen Augen ist die Notdurft des Lebens das Wochentagskleid, der Idealismus der Schmuck, der es verschönt. Ich kann aber eher auf diesen Schmuck, als auf das Kleid verzichten, eher also auf die Erfüllung meiner Ideale, wenn sie auch das Leben verschönern und einem viel Freude machen. Du sprichst von Heiraten und Unterrichten. Wer mir Böses wünscht, soll dazu verurteilt sein. Du weißt, daß ich die Eigenschaft habe, mir alles sehr lebhaft vorzustellen, im Geiste sehe ich mich selber in der Lage, für kleine Kinder sorgen und gleichzeitig unterrichten zu müssen — ich hoffe zu Gott, Paula wird es nie nötig haben. Glaube mir, da ist es viel, viel besser, der Mann entspricht in irgend einem Punkt nicht so ganz bis aufs I-Tüpferl. Hat doch ohnehin jeder Mensch einen Kardinalfehler! Übrigens stehen wir ja noch nicht davor. Ich bitte dich, mir umgehend die Maße für die Plumeaux zu senden und die Federbetten ebenfalls; ich bin gerade mit Federnschütten für Jetty beschäftigt, da geht es schon in einem. Wenn du sie nicht schickst, glaube ich, du bist beleidigt und kränke mich sehr. Mit Gruß deine treue Mutter Klara. Was wir heuer machen werden? Wahrscheinlich werde ich nach Franzensbad gegangen werden. Ein Gott weiß, wie gern ich auf alle Kuren verzichten würde; hätt' ich nur vor euch Ruh'! Eben kommt dein Brief, für den ich dir tausendmal danke. Du glaubst gar nicht, wie wohl es mir tut, wenn ich sehe, wie ihr euch meiner unversorgten Kinder annehmt. Selbst an Lauras Zöpfe hast du nicht vergessen!" „Liebes Roserle! Ich bin gerade aufgelegt, dir die Wahrheit zu sagen, sonst verschluck' ich sie! Wüßte ich nicht, daß du dich ärgerst, weil dir die kostbaren Bücher verloren gingen, so würde ich einfach sagen: ,Ich freue mich, es geschieht dir recht!' Man gibt so kostbare Bücher niemand auf die Reise mit, nicht einmal einem eigenen Kinde oder einer Lieblingsschwester. Immer noch besser, sie langweilen sich unterwegs oder lesen Zeitungsannoncen (die können eventuell sogar von Nutzen sein). Ich ärgere mich sehr über den Verlust, viel mehr, als wenn er mich betroffen hätte. Ich fahre also Sonntag nach Wien; ich habe heute beim Aufstehen Schwindel gehabt, das macht mich mürbe. Herzliche Grüße von deiner treuen Mutter Klara. Eben erhalte ich deine lieben Zeilen, Roserle. Die könnten einen Toten wieder lebendig machen, wie sollten sie einem alten brummigen Weibe nicht ein Lächeln abgewinnen?" Einige Briefe Mutters sollen zeigen, daß unsere Erziehung noch nicht vollendet war, selbst als wir längst verheiratet waren und Kinder hatten. Es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, daß Mutter über fünfzigtausend Familicnbriefy in ihrem Leben geschrieben hat. Es karn vor, daß sie allen Kindern täglich Nacjiricht gab, keinesfalls aber ist es zu hoch gegriffen, wenn ich für jedes Kind drei bis vier Briefe wöchentlich ansetze. Diese Briefe schrieb sie mit überraschender Schnelligkeit in schöner, charaktervoller Schrift. Einige Stöße davon liegen vor mir, und es fällt mir schwer, eine Auswahl zu treffen: am liebsten gäbe ich sie, wie sie sind vom ersten bis zum letzten. „Liebes Jennerle! Ich bitte dich im voraus um Entschuldigung für diesen Brief. Könnte ich meinen Kindern alle Schmerzen und Demütigungen abnehmen, die sie zu erleiden haben, ich täte es gern, aber es geht leider nicht, jeder muß sein Leben mit allen Lasten ausleben, wie es ihm beschieden ist. Ich habe als junge Frau genug zu ertragen gehabt, und ich müßte dir nur eine einzige Szene schildern, die ich erlebt habe, als Vater bei der Wollschur in Oberungarn war und ich ihn im Geschäft vertreten mußte. Was ich damals litt, weiß nur Gott, der in die Herzen der Menschen sehen kann — die Szene steht lebendig vor mir, als hätte sie sich gestern ereignet. Ich konnte damals kein Wort hervorbringen — und ich bin genau so stolz und feinfühlend wie meine Töchter und auch aus so guter Familie — aber ich war etwas klüger und — das ist nicht zu unterschätzen — auch gesünder und widerstandsfähiger. Wer gesund ist, erträgt auch Schicksalsschläge und Demütigungen leichter. Nach dieser Einleitung bitte ich dich, gegen euren Pariser Chef, wenn er kommt, nicht zu stolz zu sein. ,mit dem Hut in der Hand kommt man durch das ganze Land', das müssen sich besonders solche Leute vor Augen halten, die kein Automobil haben. Es schadet gar nichts, wenn C. merkt, daß du von ihm abhängig bist; überhaupt mußt du dich, bevor du ihm etwas sagst, was dich später reuen könnte, immer fragen: ,Was erreiche ich damit?' Ach, Jennerle ich hätte noch viel auf dem Herzen, aber du verträgst meine Predigten schwer, du armes Kind, weil du leider genug zu tragen hast. Wollte Gott, ich könnte dir dein Unglück tragen helfen. (Jennys Gatte war schwer erkrankt, so daß er auf Mutters Drängen die Apotheke aufgegeben hatte.) Ich bitte dich, lies diesen Brief ohne Groll, es ist deine Mutter, die ihn schreibt, keine Stiefmutter. Schreibe mir auch bald, wie die Geschichte mit C. abgelaufen ist, der Gedanke an deine und deiner Kinder Zukunft raubt mir den Schlaf. . . Wie ich höre, hast du die letzten Tage bis Mitternacht gearbeitet und bist um 7 Uhr schon wieder aufgewesen. Ich beschwöre dich, das nicht zu tun: du bist keine Riesin, sondern leider gar nicht widerstandsfähig. Sag' Siddy, daß ich im Herbst auch bei ihr zu sein hoffe, dann werde ich mich mit Willi möglichst viel befassen, mit ihm Dame spielen oder auch Schach lernen, da ihm dieses so viel Freude macht. Mit innigsten Grüßen deine dich innigliebende Mutter Klara." „Mein liebes Jennerle!" (schreibt sie an Jenny, nachdem diese sie eingeladen hatte, den Sommer mit ihr in Veldes zu verbringen). Es sieht wirklich fast so aus, als ob du ein Stiefkind wärest. Dem ist aber nicht so, mein liebes Kind, nur hast du eine alte, kranke Mutter; seit meiner Rückkehr aus Wien habe ich mich noch nicht erholt, und das wenige, was ich zu tun habe, fällt mir so schwer und nimmt mich so her, daß ich nur schreibe, wenn ich muß. Es freut mich sehr, daß ihr so schöne Wohnung in Veldes gefunden habt, hoffentlich habt ihr einen vergnügten Sommer. Sei dankbar, mein liebes Kind und habe vorderhand keine anderen Gelüste, wie zum Beispiel, mich einzuladen. Um eines bitte ich dich: glaube ja nicht, daß du eine gute Mutter bist, wenn du den Kindern in allem nachgibst. Der R. ist ein lieber, guter Junge, aber in nicht genug strenger Hand — du kennst ja die liebe Rosa! Ich bin zwar als Wauwau da, aber das genügt nicht. Du mußt daher in den acht Sommerwochen einen guten Einfluß auf die Kinder ausüben. Und dann: alles mit Maß. Sporttreiben ist gewiß gut, aber nur Sport ist nichts für ein gewöhnliches Menschenkind. Ich bitte dich, liebes Jennerle, diesen Brief nicht nur zu lesen und dir dabei zu denken: ,lch weiß selbst, was ich zu tun habe,' sondern dir den Inhalt einzuprägen. Soeben bringt Rene sein schönes Zeugnis nach Hause, und ich habe eine solche Freude damit, daß ich meine Gefühle kaum in Worte kleiden kann. Ich versprach ihm eine neue Uhr; der Ärmste hat über den Verlust seiner Uhr genug von mir zu hören bekommen. Ich bitte also den lieben Moritz, eine zu besorgen; Preis schreibe ich nicht vor. Sobald ich wieder in Wien bin, werde ich ihm mit Dank zurückerstatten, was er ausgelegt hat. Und nun noch eine Bitte, lacht mich aber nicht aus. Gebt die Wäsche fort, oder nehmt diesen Sommer eine Wäscherin, damit die Kathi sich erholt. Bedenkt, wie sie sich plagt, und daß die Ärmste im Winter wieder schwer arbeiten muß! Mit vielen herzlichen Grüßen an euch beide und Andre bin ich eure treue Mutter Klara." „Meine liebe Siddy! Eure Mutter ist doch wirklich so gute Kinder — alle miteinander! — nicht wert. Ich war gestern so besorgt. Bald fürchtete ich, du, liebes Sidderle, wärest wieder erkrankt, bald war ich etwas optimistischer gestimmt, da war es nur ein Finger, der dir wehtat. Gottlob hat mich dein Brief aus Wien ganz beruhigt. Übrigens bin ich nicht so anspruchsvoll, eine Karte hätte genügt. Dein schwarzes Kleid, liebe Siddy, ist zu eng; du sahst aus, wie in einen Sack eingewickelt. Schicke es der Schneiderin, mit der ich deshalb bereits gesprochen habe, es muß rückwärts eine ganze Breite eingesetzt werden. Dann wird es auch deinem lieben Mann besser gefallen. Du weißt, liebe Sidd}r, daß ich nicht ungerecht bin. Ich muß dir daher sagen, wenn dein lieber Mann, der doch ein so reizender, guter Mensch ist, letzthin — und noch dazu an einem Sonntag! — eine ganze halbe Stunde brummig war, so kann nur seine Frau daran schuld sein, und so rufe ich als Präsidentin dich zur Ordnung! Meine lieben Kinder, mich zum Kommen aufzufordern, ist ganz unnötig. Ich sehne mich gewiß nicht minder nach euch, als ihr nach mir. Aber Heirendienst geht vor Got-