Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1925)
- Article
- Unsere Mutter
- Date
- 1925-07-01
- Page
- Seite 165 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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MENORAH L65 Unsere Mutter Von A. K. (S. Fortsetzung.) 4. Kapitel. WIE MUTTER IHRE TÖCHTER ERZOG. Um einen Begriff von der Einfachheit zu geben, mit der es bei uns zuging, muß ich folgende kleine Episode erzählen, die mir deshalb unvergeßlich geblieben ist, weil sie eine der seltenen Gelegenheiten war, bei denen Mutter mich lobte. Die Hochzeit unserer Schwester Rosa stand bevor; Trauung und Diner fanden zu Hause statt. Es wurde über die Toilettenfrage beraten. Wir großen Mädel, Jetty und ich, bekamen Sommerkleider. Die Kleinen waren aber damit versehen, nur daß sie nicht mehr hübsch waren. Da riet ich zu weißen Schlupf schürzchen, und Mutter ging sofort darauf ein. Die Kinder sahen allerliebst darin aus, mit den blaßrosa Bandmaschen auf den Achseln und im Haar, zwei blonde und zwei braune. Als die Hochzeit vorüber, das junge Paar abgereist war und das gewohnte Leben wieder herrschte, nur daß es ein bißchen gedämpfter zuging, begann man die Sommergarderobe zu rüsten. Da die Kinder nicht in Schürzen ausgingen, weiße Hausschürzen aber ein Luxus waren, den wir uns nicht gestatten durften, überlegte man, was damit geschehen sollte. Da hatte ich eine gute Idee, für die ich wieder das Lob meiner Mutter erntete, auf das jeh nicht wenig stolz war: ich riet, Aermel in die Schürzen zu machen, die nur aus gutem Chiffon waren, dann hatten die beiden größeren je zwei „ Nacht jacken", die damals gebräuchlicher waren als die Nachthemden. Wir halfen natürlich auch die jüngeren Kinder ,,erziehen". Da wir Smiles und Rousseau in der Ursprache gelesen hatten, kamen wir uns mit unseren sechzehn und achtzehn Jahren Wunders, wie weise vor und wollten allen Torheiten der Kinder gleichmäßig mit Strenge begegnen. Das duldete Mutter nicht. Sie individualisierte instinktiv, immer. So beim Essen. Ein Kind zog Fleisch vor, das andere Mehlspeise, eines aß nichts Fettes, das andere liebte es. Da war es wundervoll zu sehen, wie sie den Geschmack jedes einzelnen Kindes beim „Teilen", beim Vorlegen, berücksichtigte. Zuerst kam Vater dran, dann der Reihe nach vom jüngsten aufwärts die Kinder. Eine von uns, die die Woche hatte, half dabei. Aber Mutter kam natürlich immer zuletzt dran, aß ein fettes Stückchen Fleisch, ein kaltgewordenes, ein zähes, wie es gerade kam, öder vielmehr, wie es übriggeblieben war. Die Küche war ja gleich daneben, und das Essen kam heiß herein — Metallstürzen gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht bei uns — aber man bedenke, wie lange es selbst bei der Flinkheit der Mutter dauern mußte, bis für zwölf oder mehr Personen vorgelegt war! Arme Mutter! Zuerst kam sie eigentlich nur dran, wenn sie zu Bett oder eingeladen war. Wir suchten sie oft zu überreden, vorher zu essen, aber davon wollte sie nichts hören: es hätte ihr nicht geschmeckt, wenn die Kinder nichts davon bekommen hätten. Vater ermahnte uns nicht selten, Mutter in diesem Punkte ja nicht nachzueifern. Nie brach sie einem Kinde gegenüber ihr Wort. ,,Kinder vergessen über einem einzigen Unrecht," sagte sie, ,,das ihnen ihrer Meinung nach zugefügt wurde, tausend Wohltaten, die ihnen erwiesen wurden." Sie leugnete, daß Liebe blind mache. Das konnte sie einfach nicht begreifen. Sic hielt dafür, daß man lieben könne trotz sichtlicher Fehler des geliebten Gegenstandes, aber wie man sie übersehen könne, das verstand sie nicht. Sie behauptete, daß Liebe, im Gegenteil, den Blick schärfe, daß man die Mängel eines geliebten Kindes z. B. doppelt sehe. „Wenn ein fremdes Kind i.u Besuch kommt, das ich gern mag," sagte sie, ,,so betrachte ich es doch niemals so prüfend, so kritisch wie mein eigenes, das besorgt schon seine Mutter. Wenn ich meines aber angestrengt betrachte, so können mir doch die Schönheitsfehler nicht entgehen, die ich gutmütig oder gleichgültig bei den anderen übersehe." Oder: „Wenn mein Kind eine Unart zeigt, so sehe ich sie doppelt scharf, weil sie mir wehtut; ich habe nach meinem Dafürhalten nicht einmal das Recht, ein fremdes Kind gar so streng zu beurteilen; ich komme auch gar nicht in die Versuchung." Ach, wie sehr hatte sie recht! Geht es mir doch genau so, täglich, stündlich! Die Mängel an geliebten Menschen treten mir stets viel deutlicher vor Augen, als die gleichen Fehler bei anderen. Darum liebe ich freilich diese Menschen nicht weniger . . . Ach, und wie unsäglich liebte uns unsere Mutter, ohne es durch ein Sterbenswörtchen zu verraten! Erst später, als wir schon verheiratet waren, trat es in ihren Briefen zutage. Mutter war keine Spielverderberin. Im Gegenteil, immer war sie bestrebt, uns kleine unschuldige Freuden zu verschallen. Wir durften Eislaufen, ins Theater gehen, einem Privatgesangverein beitreten, Ausflüge machen, am Lesekränzchen teilnehmen. Einmal gingen wir an einem Winterabend — Vater war verreist — nach Tisch ein wenig spazieren, Mutter, Rosa und ich; mein Mann, der damals die achte Klasse des Gymnasiums besuchte, uns empfohlen war und oft zu uns kam, sah uns durch das Fenster seiner an unserem Straßenende gelegenen Wohnung und kam uns mit seinem Zimmerkollegcn nach. Mutter gestattete, daß die beiden jungen Herren mitkamen. Plötzlich sagte L. K., wie wundervoll es doch wäre, bei dem herrlichen Mondschein im Schlitten nach dem Wilhelmshof hinauszufahren. Er bat so eindringlich, und wir auch, daß Mutter nachgab. Beim Hausherrn der beiden Studenten, einem Fuhr Werksbesitzer, wurde ein Schlitten gemietet, und eine halbe Stunde später waren wir auf dem Lande draußen. Im Wilhelmshci fand gerade eine Bauernhochzeit statt, wir sahen ein Weilchen dem Tanz zu — erst um Mitternacht kamen wir zu Hause an. Es war gottvoll gewesen! Ein andermal, als wir über den Sommer auf dem Lande, wohnten, sollte eine Partie auf den höchsten Berg der Umgebung gemacht werden. Aber nicht eine gewöhnliche Tagespartie; die wäre uns zu zahm, zu wenig romantisch gewesen. Am Abend sollte aufgebrochen werden, so daß man droben die Sonne aufgehen sehen konnte. Auch dazu war unsere gute Mutler zu haben. Allein hätten wir natürlich nicht fortdürfen, und so ging sie einfach mit. Sie war ja damals erst vierzig Jahre alt, aber Mutter von einem Dutzend Kindern, und in B. war es nicht Mode, daß Familicnmütter Berge bestiegen; das überließ man der romantischen Jugend. Bis an ihr Lebensende war Mutter jung, frisch; ihr erster Gedanke galt stets den Kindern, und sie verstand die Jugend wie selten jemand. Nicht einverstanden war sie mit der Nachsicht, die man jetzt allenthalben dem jüngeren Geschlecht angedeihen läßt, mit den jungen Menschen, die immerfort gegen Vorurteile kämpfen, um sich „auszuleben", ging sie nicht mit. Noch weniger mit denen, die dies gestatten. Das Schlagwort vom Jahrhundert des Kindes war ihr ein Greuel. Sie war gegen jedwede Frauenemanzipation im weiteren Sinne, hielt .\s aber für ein schweres Unrecht, daß den vom Schicksal zum Erwerben bestimmten Frauen der Wettbewerb so schwer gemacht würde, hür die Frau aber gab es in ihren Augen nur einen Beruf: Gattin und Mutter. Sie behauptete, an vielen ginge die Liebe vorüber, die sollten trotzdem eine Ehe eingehen, eine, die auf gegenseitige Achtung begründet sei, denn ohne Mann und Kind und eigen Fleim sei eine Frau nur ein halber Mensch. Da ich auf dem Standpunkt stand, man dürfe nur aus Liebe heiraten, suchte sie mich — sie dachte dabei bereits an meine Tochter — in diesem Sinne zu beeinflussen.