Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1925)
- Article
- Der "Chossen Bocher"
- Date
- 1925-07-01
- Page
- Seite 158 (sequence 1)
- Language
- German
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158 M E N O R A H Der „Chossen Boche r" VON ROSA MELZER Er war noch nicht ganz zehn Jahre alt, da nannten die Leute ihn nicht anders, und ,,Reb Elie Mordechais Chossen Bocher" bildete den Neid der Väter und Mütter. „Ein llluj scheb'Illuim", sagte sein Rebbe, der Tag und Nacht mit seinem Zögling über die Folianten gebeugt, im Dachstübchen des Wirtshauses eingeschlossen blieb, wo die Weisheit der Jahrtausende lehrend vorüberzog. Eigentlich war es kein Wunder, war doch der Vater des Wunderkindes, Reb Elie Mordechai, selber ein feiner „Gamarra- Kopf". Wer weiß, was aus ihm geworden wäre, hätte er den Vater nicht so früh verloren. Mit 1 3 Jahren mußte er sozusagen der Erhalter einer zehnköpfigen Familie werden. Die Mutter, die Witwe, blieb natürlich die Pächterin des Wirtshauses, aber Mas vermochte die schwache Frau, die neun Kinder zur Welt gebracht und gestillt hatte und nebenbei viele Sorge und Arbeit mitgemacht, was vermochte sie ohne männliche Stütze?! Und diese „männliche Stütze" wurde eben der I 3 jährige Elie Mordechai. Er mußte es werden! — sollten nicht alle zugrunde gehen. Und er wurde es tatsächlich!!! Der Rebbe zog weg mit schwerem Herzen: er verlor eine gute Stelle und einen noch besseren Schüler. Elie Mordechai „mußte sich zum Geschäft nehmen" und er nahm sich energisch dazu. „Lernen" konnte er nur mehr an den Freitagen zu Nachtabenden und Sabbathnachmittagen — allein oder mit dem Dorf-Schochet, der ein „Kenner" war. Die Schwestern waren älter als er. Im Laufe der nächsten fünf Jahre hatte er sie verheiratet. „Arm und klein" wie gewöhnlich Waisen ohne Vermögen. Aber Gott ist der Vater der Verlassenen. Sie hatten doch alle mit ihren Männern „das Stückl Brot" — wie der Ghettojude erschöpfend das Mindestmaß an Existenzmitteln bezeichnet. Mit 18 Jahren — länger durfte er nicht zögern, ohne das Angedenken des frommen Vaters zu verletzen — heiratete Elie Mordechai selbst, und zwar ein wohlhabendes und kluges Mädchen, das seine tapfere und unermüdliche Lebensgefährtin und Mitarbeiterin wurde. Noch immer saßen sie in dem Wirtshause, fast möchte man „Erbwirtshaus" sagen. Die Bauern schätzten GRIGORY GLÜCKMANN „GHETTOSTIMMUNGEN" Aus einer Foltfe von Ratlierunircn V)22 die Wirtsleute, der Gutsherr hielt große Stücke auf die Familie. Es ging — Gott Dank — recht gut. Freilich „ganz gut kann es einem Juden nicht gehen", meinte der Schochet schwermütig. Eine jüngere Schwester, die Elie Mordechai inzwischen ebenfalls verheiratet hatte, starb im ersten Wochenbette und die Mutter, der dieser Verlust den letzten Rest an Lebenskraft raubte, folgte bald der Tochter ins Grab. Elie Mordechai war von diesen Schicksalsschlägen tief gebeugt. Er hatte für die Dahingeschiedenen nicht nur die Gefühle eines Sohnes und Bruders, sondern auch die eines Vaters. Dafür spendete ihm Gott reichsten Segen in seiner eigenen Familie. Er war allmählich ein wohlhabender Mann geworden. Was man so „reich" nennt im Ghetto. Töchter hatte er sechs! Das war so Familientradition! Viele Töchter! . . - „Schadet nichts! wenn sie nur Glück haben" — meint ihre Mutter. Dagegen hat Reb Elie Mordechai nur einen einzigen Sohn. Einen! — aber was rechtes! Und der Älteste dazu!... „Reb Elie Mordechai — ich hab' einen feinen Schiduch für euch" — natürlich für den Sohn — versucht ihn der Chasen aus dem nahen Städtchen zu locken. Aber Elie Mordechai lacht ihn aus: „Meschuge, was fällt euch denn ein, Reb Schlome? Davidel ist zwölf Jahre alt." „Was ist," meint der Versucher, „s i e ist elf, zwei — drei Jahre bleiben die Kinder verlobt, der Naden trägt Zinsen, matunes hin, matunes her — macht auch ein Kapital. Könnt' ich das so machen! Aber ich bin ein armer Chasen", seufzt Reb Schlome. „Vor 18 Jahr' führ' ich ihn nicht unter die Chupe", bleibt Elie Mordechai fest. „Und bis dahin hab' ich noch viel Zeit an einen Schiduch zu denken." Diese bestimmte Absage hindert natürlich den Chasen und Gelegenheitsschadchen Reb Schlome nicht im mindesten, bei jeder Gelegenheit mit neuen, wie er stets behauptet „glänzenden Partien" für Davidl zu kommen. Dieser aber lernt und wächst, wächst und lernt. — — — Das Thorastudium macht ihm keine blassen Wangen. Hat er es doch gut! Der Eltern Stolz und Trost, „der Kadisch" wird behütet „wie das Aug' im Kopf" von der Mutter gehegt und gepflegt. Zwar sitzt er viel über der Gemarra — aber die köstliche Luft von Feld und Wald und Wiese ringsum kräftigt doch seinen Leib und färbt seine Wangen. Er wird zusehends groß und stark und „schön wie die ganze Welt" nach der Behauptung seiner Mutter. Und er lernt Tag aus Tag ein. Eingeschlossen im „Dachstübel" von früh bis abends. — Nur zweimal im Jahre wird diese strenge Ordnung unterbrochen: zu Pessach und zu Rosch haschana. Da wird die Lehrklause frisch getüncht und die kargen Möbel gescheuert, die vielen Folianten vom Staub säuberlich abgewischt. Doch auch an diesen beiden Tagen gibt es keine Ferien. „Verläßest du die Lehre für einen Tag, dann verläßt sie dich für zwei Tage" — und darum müssen Rebbe und Talmud sich für diese zweimal zwölf Stunden im Jahre, so gut sie können, unten in der großen Schankstube einrichten. Und da zeigte sich jedesmal erst recht, wie fleißig und lernbegierig, wie „ganz bei der Sache" Dawidl war. Nichts konnte seine Aufmerksamkeit von der Gemarra, von den Erklärungen des Lehrers ablenken. Bauern und Bäuerinnen, Händler, Dorfgeher und sonstige Erscheinungen des Wirtshauses mochten kommen und gehen, reden und schweigen, Davidl hörte und sah nichts als die Emanation seiner geistigen Welt. Und darum waren just diese zwei Tage Reb Elie Mordechais größte Freude. Stumm saß er hinter dem Schanktisch und schaute nach der Ecke, wo Thora gelernt wurde und lauschte den tiefsinnigen Worten und Deutungen. Leise sprach er dann mit den Gästen und reichte ihnen mit abgewandtem Gesicht das Begehrte. Seine Augen ruhten auf dem schönen, teueren Kinde. Und so, in dieser durch nichts gestörten Ordnung gingen drei Jahre unmerklich dahin. Wie viele Schiduchim hatte wohl in der Zeit Reb Schlome vorgeschlagen?! Aber Elie Mordechai lachte ihn jedesmal aus. Gestern war er gar eigens ins Dorf hereingekommen! Am Erew Pessach sozusagen! „Ein Schiduch... aber ein Schiduch" — er schnalzte mit der Zunge, kniff die Äuglein zusammen und