Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1925)
- Article
- Vom Tabak und vom Rauchen
- Date
- 1925-07-01
- Page
- Seite 155 (sequence 1)
- Language
- German
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M E N O R A H 155 V. KURREIN / VOM TABAK UND VOM RAUCHEN (Eine religionsgesetzliche Plauderei.) Abraham Gumbinner, der verdienstvolle Erklärer des Orach chajim, ist wohl der erste, der in der jüdischen Literatur eine Beschreibung des Rauchens gegeben hat. In seinem Werke) ..Magen Abraham" (210, 9) schreibt er: „Man gibt ein Kraut, das Tabak genannt wird, in eine Röhre, zündet es an, zieht den Rauch in den Mund und bläst ihn wieder heraus.'* Unter der Bezeichnung und Schreibweise pX2K"i ,pW,t? ,p21ü ,p2'£ ,p3NI3 wird der Tabak in den jüdischen Schriften deutscher Herkunft, unter "*pX2SC„ tabaco in solchen italienischer, und unter dem Namen tütün, tutinje in denen des Orientes und europäischen Ostens angeführt. Gemäß der ältesten allgemeinen Bezeichnung ,,Tabak trinken" wird das Rauchen als „schesias tabak" oder ,,lutin" schlechthin oder aber mit Unterscheidung von Rauchen und Schnupfen als schesias tabak derech hape „Tabaktrinken durch den Mund", bezw. schesias tabak derech nechiraim „ Tabaktrinken durch die Nase" bezeichnet. — Isak Lampronti, Arzt und Rabbiner in Ferrara, Verfasser des großen talmudischen Reahvörterbuches Pachad Jizchak, gestorben gegen Ende des Jahres 1 756, erzählt ein interessantes Begebnis. Der gelehrte und fromme Rabbiner David Melamed aus Safed besucht ihn eines Tages und bringt ein mit allem Rüstzeug der Gelehrsamkeit und des Scharfsinnes ausgearbeitetes Gutachten mit, in dem bewiesen wird, daß man den Tabak an einer Unschlittkerze anzünden darf. Der Gast erörtert dem Gastgeber den Inhalt seiner Arbeit und als sie mit der wissenschaftlichen Unterhaltung fertig sind, reicht Lampronti zum Rauchen her, indem er dem Gast ein Wachslicht anzündet, damit er seine Pfeife in Brand stecke, während das Unschlittlicht, das zur Beleuchtung dient, von dem besagten Gebrauche ausgeschaltet bleibt. Der Gast ist erstaunt und merkt, daß Lampronti von seinem Gutachten nicht überzeugt ist. Der Gastgeber löscht nun die Unschlittkerze aus, nähert dem vom Dochte aufsteigenden Rauche die brennende Wachskerze, ohne aber die Flamme der brennenden Wachskerze mit der verlöschten Unschlittkerze in direkte Berührung zu bringen, worauf sich diese wieder entzündet. Damit beweist er, daß mit der Flamme und dem Rauche kleinste Unschlitteilchen abgesondert werden, die eben das Entzünden des Dochtes verursachen und die entsprechend beim Anzünden des Tabakes an der Unschlittkerze in denselben gelangen. Nun bringt Lampronti noch eine reine Metallplatte, hält sie in einer gewissen Höhe über die brennende Unschlittkerze und zeigt, daß sie nicht bloß erwärmt, sondern mit einer feinen Fettschicht bedeckt wird. Darauf erklärt sich R. David Melamed für besiegt, zerreißt vor den Augen Lamprontis sein Gutachten und erklärt, das Verbot, den Tabak an einer Unschlittkerze zu entzünden, zu respektieren. Damit war die Frage entschieden, ob man an einer Unschlittkerze den Tabak entzünden dürfe oder nicht und vielleicht sind dadurch die Fidibusse aufgekommen, mit denen man die Pfeifen anzuzünden pflegte, ehe es Zündhölzer gab. Im Gegensatz zu den Religionsgelehrten anderer Religionen haben die Rabbiner den Tabak und das Rauchen nicht als Teufelswerk verschrieen, sondern sich vielmehr mit der Frage beschäftigt, welche Benediktion dem Tabaksgenuß vorangehen müsse. Man muß Gott für jeden Genuß in der richtigen Weise Dank sagen. Daher ist zu entscheiden, ob das Rauchen ein Genuß des Geruch- oder des Geschmacksinnes sei. Ist das letztere der Fall, so liegt die Sache aber so, daß der eingezogene Rauch wieder ausgestoßen wird und es sich nicht anders verhält, als wenn man eine Kostprobe einer Speise auf die Zunge nimmt, dann aber wieder ausspeit, ohne die Speise zu genießen. In solchem Falle bedarf es keines Segensspruches. Kommt aber der Geruchsinn als derjenige, der den Genuß hat, in Betracht, so muß man einen Segenspruch sprechen, da man den Duft des Rauches genießt. Die Rabbiner haben aber außerdem festgestellt, daß der Körper einen Genuß vom Rauchen Hat, da viele Raucher versichern, daß ihnen das Rauchen den Hunger vertreibt und es ihnen ist, wenn sie rauchen, als ob sie gegessen und getrunken hätten (Mag. Abr. 210, 9). Schließlich entschied man sich dahin, daß man für den Tabakgenuß keine Benediktion benötige, da der Tabak im Grunde bitter schmeckt. Daß man im Gotteshause oder während des Gebetes nicht rauchen dürfe, erschien selbstverständlich. Anders verhielt es sich mit der Sitte des Schnupfens. Geschnupft wurde in jeder Gesellschaft und daher auch im Gotteshause, an Werktag und Festtag, am Sabbat wie am Versöhnungstage. Mose Chagis, der Verfasser des Lekethakemach, der 1 790 in Safet gestorben ist, wendet sich gegen den Unfug des Schnupfens im Gotteshause und tritt dafür ein, daß man diese Unsitte beseitigen soll, denn die Schnupfer lassen es an Gottesfurcht fehlen und stören den Gottesdienst, weil sie zu den Nachbaren gehen, ihnen Prisen anbieten, dabei spöttische Bemerkungen machen und Neckereien treiben. „Die Schnupf er", so sagt er, „gehören zu den Leuten, die die Herrlichkeit Gottes nicht schauen werden." „Sic sind Schmeichler, Lügner und Verleumder. Sie schmeicheln einer dem andern, eine Prise anzunehmen; sie lügen oft; wenn einer um eine Prise angegangen wird, so sagt er, daß er seine Dose nicht bei sich habe, um die Prise nicht zu geben; sie verleumden, indem sie die Qualität des Tabakes eines anderen schelten, als schlecht herabsetzen, um für sich und ihre Sorte mehr Käufer zu gewinnen. Das Schlimmste ist aber das Nießen im Gotteshause. Wohl gilt das Nießen während des Gebetes im allgemeinen als Glückszeichen, aber nur dann, wenn es nicht künstlich und willkürlich hervorgebracht wird. Die Schnupfer aber nießen mit Absicht und aus Übermut zu jeder Zeit und in jedem Augenblick infolge dieses Staubes." In diesem Sinne hat die Verordnung gegen den Luxus, die die Gemeinden Hamburg, Altona, Wandsbeck im Jahre 1715 erlassen haben, unter Nr. 41 verfügt: „Schnupftabak oder brasilianischer Tabak ist bei zwei Thaler Strafe in der Synagoge verboten." Da am Sabbat und Versöhnungstage Feuer anzünden oder in Brand erhalten verboten ist, war es selbstverständlich, daß sich die Raucher des geliebten Genusses an diesen Tagen enthalten mußten. Es gab gewiß viele, die diese Entbehrung nicht leicht ertrugen und so braucht es nicht wunderzunehmen, wenn manche auf Mittel und Wege sannen, um sich den Genuß des Rauchens zu verschaffen, ohne das Sabbatgebot verletzen zu müssen. Abraham Alkalay, der Verlasser des schätzbaren Werkes „Sechor l'abraham" erzählt, daß sich die enragierten Raucher des Orients damit zu behelfen suchten, daß sie bereits am Freitag den Rauch in Flaschen füllten, um ihn am Sabbat daraus zu schlürfen, oder daß sie am Sabbat bei ihren nichtjüdischen Nachbarn Besuche machten, sich dort recht stark vorrauchen ließen, um den Rauch einzuatmen und auszustoßen. Dieses letztere Benehmen gab die Juden der Lächerlichkeit preis, weshalb die Rabbiner es wegen Chillul haschem, Entweihung des göttlichen Namens, untersagten. So blieb denn den Verehrern des Tabakes nur mehr der Schnupftabak, um den „Oneg schabbos", das Sabbatvergnügen zu vermehren und die Schnupfer behaupteten, daß er für sie eine Art Arznei darstelle, die sie zu ihrem Wohlbefinden benötigen. Eine Arznei darf man aber am Sabbat nur bei gefährlicher Krankheit anwenden und so gab es Ansichten, die deshalb den Genuß des Schnupftabakes am Sabbat untersagt wissen wollten. Letzteren entsprechend, schreibt der Kizzur Sch'lo: „Es ist verboten, am Sabbat Staub vom Kraute, das man Schnupftabak nennt, in seine Nase zu geben, denn es dient zur Heilung, und Heilkräuter zu zerreiben, ist am Sabbat verboten." Die letztgenannte Begründung erklärt sich dadurch, daß der Schnupftabak noch nicht in der Vollendung wie heute hergestellt wurde, sondern Kügelchen und Knöllchen hatte, die erst zerrieben werden mußten. Schließlich setzten aber die Anhänger des Schnupftabakes, die nicht wenige waren, einen Freibrief für denselben hinsichtlich des Sabbates durch. (Sechor l'abra-