Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1925)
- Article
- Unsere Mutter
- Date
- 1925-06-01
- Page
- Seite 142 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Unsere Mutter Von A. K. (4. Fortsetzung.) 4. Kapitel. WIE MUTTER IHRE TÖCHTER ERZOG. Einmal lernte sie einen Herrn kennen, der ihr bei der Vorstellung verriet, er kenne sie schon. Mutter konnte sich seiner nicht erinnern, er war auch erst vor paar Monaten in unsere Stadt gezogen. Da erzählte er ihr lachend, daß er zweimal zufällig die Badekabine neben der ihrigen benützt — wir bekamen immer die gleiche — und es sich seither immer so eingerichtet hatte, um cl:cselbc Zeit wiederzukommen, so ergötzlich sei ihm die Stunde gewesen, in der Mutter mit ihren Töchtern zu Gericht saß. Wenn wir zusammen ausgingen, mußten zwei voraus, die andere durfte an Mutters Seite gehen. Gewöhnlich war Rosa, die älteste, die Brave, Beneidete. Ich und die jüngere Schwester Henriette grollten. Und einmal fühlten vir uns so stiefmütterlich behandelt, als Mutter uns eine ganze Woche lang immer zusammen vorangehen hieß und Rosa uns triumphierend anblickte, so oft wir uns umwendeten, daß wir beschlossen, das Haus zu verlassen. Ich überzählte unser beider Barschaft und rechnete mir aus, daß wir damit wohl bis zur zweitnächsten Eisenbahnstation, wo wir eine Tante besaßen, reichen würden; anderswohin hätten wir uns auch gar nicht wenden können. Ich bürstete sorgfältig unsere Mäntel aus und muß mich wohl etwas auffällig gebärdet haben; das Herz schlug mir wie ein Schmiedehammer, als Mutter plötzlich sagte: „Anna, du bist die ältere, dir sag' ich's: ihr könnt gehen, wohin es euch beliebt, wenn es euch zuhause nicht mehr behagt, aber eines verbiete ich euch: zu Tante Jeannette zu fahren. Und wiederkommen dürft ihr mir natürlich nicht, merkt euch das!" Spracbs und ging aus dem Zimmer. Wir waren ganz verblüfft, meine Schwester Henriette war sechs, ich acht Jahre alt — einem so strikten Befehl wagten wir nicht zuwiderzuhandeln, und so blieben wir zuhause. Eine ganze Woche lang zerbrachen wir uns den Kopf darüber, wieso Mutter wohl von unserm geheimen Plan Kenntnis erlangt haben konnte — hatte Rosa uns belauscht und verraten? Wir Gänschen! Mutter war streng; das war aber auch notwendig als Gegengewicht zu Vaters Nachsicht. Vor allem wurden wir zu steter Arbeit angehalten, Müßiggang wurde nicht geduldet. Ein Beispiel. Wir aßen gewöhnlich zwischen halb ein Uhr und ein Uhr zu Mittag, je nachdem der Vater nachhausc kam. Um sieben Uhr früh begann in unserer Töchterschule der Unterricht, wir Kinder mußten also um sechs aufstehen. Ich war damals zwölf Jahre alt und hatte um zwölf Uhr fünf Schulstunden hinter mir. Damals gab es noch keine Klagen über Überbürdung, jede Lehrsluncle hatte ihre vollen sechzig Minuten. Um ein Viertel nach zwölf war ich zuhause. Ich räumte meine Bücher weg und griff nach meinem Schiller, den ich leidenschaftlich liebte. „Anna, den Strumpf!" „Schau', Muttcrle, laß mich doch ein bissei lesen!" bat ich; ,,cler Vater muß ja eh' bald kommen!" „Anna, den Strumpf!" wiederholte die Mutter streng; „der Vater kann sich verspäten, es kann auch eine halbe Stunde dauern, bis wir essen, da kannst du eine ganze Ferse stricken." Traurig — und nicht sehr rasch, ich gebe es zu — stellte ich den Band wieder hinein und holte den Strumpf. Und Vater kam richtig erst nach halb eins, und ich hatte eine ganze Ferse gestrickt. Später, als ich es im Stricken zu einer großen hertigkeit gebracht hatte — beim Hasespiclen holte mich niemand ein, und ich konnte beim Lesen eine Ferse stricken und den Strumpf schließen! — war mir das Stricken eine ungeheure hreucle; um so bitterer haßte ich das Strümpfcstopfen. „Überwinde dich," sagte mir Mutter oft, „und tue es auch, wenn du es nicht tun mußt, dann wirst du eine innere Befriedigung haben, und es wird dir nicht mehr so schwer fallen." Und ich überwand mich so, daß ich mich zuweilen, um mich zu erziehen, dazu erbot, auch meiner Schwester die Strümpfe zu stopfen. Doch blieb das Stricken meine liebste Handarbeit. Was wurde aber auch in unserem Hause zusammcngeslrickt! Man bedenke! Jedes Kind hatte ein Dutzend Sommer- und cm Dutzend Winterstrümpfe, ganz abgesehen von den Socken und Strümpfen der Litern. Alle diese Strümpfe wurden von uns gestrickt, angestrickt, gestopft. Bei dieser Gelegenheit erinnere ich mich, wie Mutter stopfte,, wie rasch und geschickt sie die größten Löcher — ohne Stopfholz! — ausbesserte. Ich habe das nie wiedergesehen. Später mußten wir auch beim Ausbessern der Wäsche helfen. Die ganzen Sommerferien gingen damit hin. Eine Linterbrechung gab es am Vormittag, wenn wir Bulterbrot und reichlich Obst dazu bekamen. Nachmittags durften wir ins kalte Bad gehen, täglich, wenn es warm war; fast immer mit Mutter. Wir durften von den Dienstboten niemals auch nur die geringste Handreichung verlangen. Eines Samstagnachmiltags — der Samstag war für uns ein Ruhetag, trotzdem wir vormittags die Schule besuchten — saßen wir gemütlich mit Mutter zusammen, jede in ein Buch vertieft. Das war uns der liebste Tag, denn es war der einzige, an dem wir uns gehen lassen, faullenzen, ein paar Stunden hintereinander lesen durften. Ich las eine Novelle von Björnson und konnte mich nicht davon trennen, aber ich hatte furchtbaren Durst. „Roserle," bat ich, „ich hab' solchen Durst, aber ich kann jetzt nicht a: thören. ich bitl' dich, hol' mir ein Glas Wasser!' Aber Roserle las ein ebenso spannendes Buch und weigerte sich. Ich las seufzend weiter. Nach einigen Minuten sagte Mutter: „Bitte, Anna, hol' mir ein Glas Wasser." Ich stand natürlich sofort auf, und bald war ich wieder da, ein Glas frisches Wasser, vom Brunnen aus dem Hof geholt, in der Hand. „So, jetzt trink!" sagte Mutter. Sonst war das Lesen streng verboten: Wehe uns, wenn Mutter uns dabei erwischte, daß wir Lernen vorschützten, in Wahrheit aber schnell ein paar Seiten verschlangen! Wenn wir mit unseren Aufgaben fertig waren, hatten wir che Pflicht, uns im LIause nützlich zu machen. Mit der Zeit war uns die Überzeugung ins Blut gedrungen, daß es eine 1 odsünde sei, an Wochen-, also an Arbeitstagen, zu lesen. Das wirkte lange nach. Ich war einige Monate verheiratet, als ich einmal ein sehr spannendes englisches Buch las. Es fesselte mich so, daß ich, als ich ins andere Zimmer mußte, das Buch mitnahm und im Gehen weiterlas. Plötzlich ging eine 1 ür, und — erschrocken, versteckte ich das Buch — ich glaubte, Mutter käme und würde mich nun dabei erwischen, wie ich insgeheim ein paar Minuten las. Oft ist das übrigens nicht vorgekommen, denn wir hatten einfach keine Zeit dazu. Schon verhältnismäßig früh halte Mutter es eingeführt, daß wir zwei Ältesten abwechselnd die „Woche" hatten; später kam auch meine um zwei Jahre jüngere Schwester Henriette dazu. Das bedeutete vor allem, daß wir die jüngeren Geschwister versorgen mußten: rechtzeitig wecken, kämmen, waschen, zweites l rühslück (Zehnerbrot) für sie einpacken, dafür sorgen, daß kein Knopf fehlte, kein Lückerl im Strumpf sich zeigte, Jause und Abendessen für sie herrichten, was olt nicht weniger bedeutete, als drei Dutzend Butterbrote schneiden und streichen; später kam dazu: der Köchin herausgeben — die Butter war im Keiler, der große Mehlvorrat aul dem Boden, hell und Spezereien in der „Almer" (Speisekasten) im Vorhaus. Es war viel Arbeit für uns, hat uns aber nicht geschadet. Sonntag