Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1925)
- Article
- Der Anteil der Juden an den Naturwissenschaften
- Date
- 1925-06-01
- Page
- Seite 140 (sequence 1)
- Language
- German
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Wilhelm Löwinger / Der Anteil der Juden an den Naturwissenschaften PROLEGOMENA ZU EINEM THESAURUS BERÜHMTER JUDEN 6. PHYSIKER Ein Märtyrer seiner Überzeugung wurde Leon Arons (1860 bis 1919), aus Berlin, seit 1889 Privatdozent daselbst. Arons bekannte sich zum Sozialismus, war einer der Begründer des Arbeiterbildungswesens in Berlin und wurde 1899 deshalb von der Universität entfernt. Von seinen Entdeckungen ist besonders wichtig die Erfindung der A- Röhren zur Sichtbarmachung elektrischer Wellen und die Herstellung der Quecksilberglühlampe (der sogenannten Hewittschen Lampe). Ein hervorragender Theoretiker auf dem Gebiete der Wärmelehre und Elektrizität ist Leo Graetz (geboren 1856), der Sohn des Historikers Heinrich Graetz, wieder ein Breslauer, seit 1893 Professor in München. Er schrieb große Teile für Winkelmanns kompendiöses ,,Handbuch der Physik", daneben zahllose umfangreiche Werke, besonders „Das Licht und die Farben" (Leipzig 1900). — Äußerst vielseitig ist der Nobelpreisträger von 1908, Gabriel L i p p m a n n (geboren 1 845 ) , ein Luxemburger, Professor an der Sorbonne in Paris. Lippmann schuf das Kapillarelektrometer, erfand die Interferenzmethode zur Herstellung farbiger Bilder, stellte Interferenzphotogramme her und bemühte sich in jüngster Zeit, photographische Fassettenplatten herzustellen, auf denen ohne Objektiv ein Negativ erzeugt wird. Ihm gebührt also der Ruhm des ersten Erfinders der Photographie in natürlichen Farben und der Reliefphotographie. Der Typus des Genies ist Albert Einstein, geboren 1879 in Ulm. Als 24jähriger junger Mann stellte er 1903 das Relativitätsprinzip auf, eine physikalische Theorie, die anfangs von den Fachgelehrten kaum beachtet, bald die gesamte wissenschaftliche Welt in ihren Bann gezwungen hat und deren Wirkung heute noch nicht abzusehen ist. Die persönlichen Schicksale Einsteins sind zu bekannt, als daß sie hier erwähnt zu werden brauchten. Einstein ist aber auch ein tapferer, aufrechter Jude, der den Zusammenhang mit seiner Rasse kräftig betont. Als Physiker ist es ihm gelungen, die Autorität Newtons zu erschüttern. Es würde zu weit gehen, seine Lehre hier eingehender zu erörtern, es möge hier bloß folgendes gesagt sein. Die philosophische Bedeutung der Relativitätstheorie besteht darin, daß die drei erkenntnistheoretischen Grundbegriffe Raum, Zeit und Materie einer Kritik unterzogen werden und neue Bedeutung erhalten. Zuerst untersuchte Einstein den Zeitbegriff (in der speziellen Relativitätstheorie) . Danach hat man zu unterscheiden zwischen Gleichzeitigkeit zweier Ereignisse, die an einem und demselben Orte stattfinden, und Gleichzeitigkeit an verschiedenen Orten. Erstere kann direkt, letztere aber nur in'direkt, nur mit Hilfe von Hypo- (Foitsetzung.) thesen aus beobachteten Wirkungen beobachtet werden. Auf der Relativität der Zeit beruht aber die Relativität des Raumes, zum Beispiel der Länge eines Körpers. Sie hangt von dem Bewegungszustand des Beobachters in bezug auf das zu messende System ab. In der allgemeinen Relativitätstheorie beseitigt Einstein althergebrachte Vorurleilc der Physik. Für ihn ist der Raum unbegrenzt, aber endlich. Infolge der Krümmung ist die Welt räumlich endlich, aber doch ohne Grenzen. Für diesen Raum paßt nicht mehr die Euklidische Geometrie, die nur für starre Körper gilt, sondern eine nichteuklidische Geometrie. Raum und Zeit sind durch Einstein ihrer physikalischen Gegenständlichkeit entkleidet worden und werden damit zu bloßen Ordnungsschemen, zu Formen, deren Inhalt zwar von dem jeweiligen Stand der Physik abhängig sind, die selbst aber gänzlich unabhängig davon sind. So schließt Einstein im Grunde genommen an Kant an, der Raum und Zeit als bloße ,,Formen der Anschauung" betrachtet. Was aber Kant bloß spekulativ ausgesprochen hat, 'das hat Einstein theoretisch begründet. Der Vorwurf einiger deutscher Gelehrter, daß Einstein der Physik den sicheren Boden entzogen hat, ist demnach gänzlich haltlos. Von den vielen Abhandlungen, die über Einsteins Theorien geschrieben wurden, sei hier bloß die sehr einfach und verständlich gefaßte Darstellung von Beer genannt, die auch den mathematisch nicht gebildeten Lesern eine klare Anschauung zu vermitteln vermag. Und nun sei noch einer erwähnt, der Aviatiker Otto L i 1 i e n t h a 1, der Begründer der dynamischen Luftschiffahrt, der schon vor Kreß, Philipps und Maxim seine Versuche anstellte und bei einem solchen 1896 den Tod fand. Lilienthal versuchte den Schwebeflug der Vögel nachzuahmen und es gelang ihm nach jahrelangem Studium der Flugtechnik und dauernder praktischer Übung, einen Raum von 200 bis 300 m Länge im Schwebefluge zu durchmessen. Seine Flugversuche setzte der Ingenieur O. Chanute aus Chicago fort. So gebührt also dem Juden Lilienthal der Ruhm, die moderne Aviatik geschaffen zu haben, eine Tatsache, die sicherlich bloß wenigen bekannt ist. 7. MATHEMATIKER. ASTRONO¬ MEN UND METEOROLOGEN Auch in den mathematischen und astronomischen Wissenschaften lassen sich zahlreiche hervorragende jüdische Gelehrte aufzählen. Da sind vor allem zwei Brüder Cantor zu nennen: Moritz Cantor (1 829 bis 1920), aus Mannheim, seit 1863 Professor in Heidelberg, 1859—1901 Mitherausgeber der „Zeitschrift für Mathematik und Physik". Er ist hauptsächlich Historiker seiner Wissenschaft und schrieb als solcher zahlreiche aufschlußreiche Werke: „Vorlesungen über Geschichte der Mathematik" (3 Bände, Leipzig 1898, bis jetzt das Hauptwerk über diese Materie), „Mathematische Beiträge zum Kulturleben der Völker", „Euklid und sein Jahrhundert", „Die römischen Agrimensoren", „Politische Arithmetik" u. a. Außerdem bearbeitete er die meisten Mathematiker für die große „Allgemeine deutsche Biographie". — Sein Bruder Georg (1845 bis 1918), in Petersburg geboren, seit 1879 Professor in Halle, ist der Begründer der allgemeinen Mannigfaltigkcitslehre, worüber er 1883 ein besonderes Werk veröffentlichte, und von ihm stammt der Begriff der Mächtigkeit und der transfiniten Zahlen. Leopold Kroncckcr (1823 bis 1891), aus Liegnitz, seit 1860 Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften und seit 1 883 Professor der Mathematik an der Berliner Universität, beschäftigte sich vornehmlich mit der Algebra, um deren Systematisierung er sich besonders verdient gemacht hat. Großes Aufsehen in der Fachwelt erregte sein Versuch, die irrationalen Zahlen aus der Analysis auszuschalten. Auch die Determinantentheorie, jenes wichtige Kapitel der höheren Mathematik, verdankt ihm viel. Von bleibender Bedeutung ist u. a. seine Publikation: „Grunclzüge einer rein arithmetischen Theorie der algebraischen Größen" (Berlin 1882). — Theoretiker kat'exochen war auch Luigi Cremona (1830—1903), aus Pavia. Cremona reorganisiefrte das 'technische Schulwesen in Italien, war seit 1879 Senator und 1898 sogar, allerdings nur kurze Zeit, Unterrichtsminisler. Seine Hauptbeschäftigung waren die schwierigsten Probleme der Statik und jeder Fachmann weiß, was die „Cremonasche Transformation" und der „Cremonasche Kräftcplan" bedeuten. Außerdem führte er die darstellende Geometrie in Italiens Schulen ein. Seine Schriften sind noch heute wertvolle Studienbehelfe. Der Stammvater einer Gelehrtenfamilie war der vielseitige Michael C r c i z cnach (1789—1842), ein Mainzer, der sich unvergängliche Verdienste um die soziale und kulturelle Hebung der rheinhessischen Judcrfschaft erworben hat. Er schuf einen Verein zur Heranbildung jüdischer Handwerker, gründete eine Volksschule für die jüdischen Kinder, gab eine Zeitschrift „Zion" in hebräischer Sprache heraus, lauter Dinge, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht so einfach waren. Dieser Mann, der seit 1825 als Prediger und Lehrer an der israelitischen Realschule in Frankfurt a. M. wirkte und der berühmt ist als Verfasser des „Schulchan Aruch, oder enzyklopädische Darstellung des mosaischen Gesetzes" (Frankfurt 1833—40