Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1925)
- Article
- Neue jüdische Musik in Rußland
- Date
- 1925-05-01
- Page
- Seite 113 (sequence 2)
- Language
- German
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M E N O R A H 113 ALEXANDER KREIN Michael Gnessin (geb. 1883) dürfte neben Alexander Krein der bedeutendste Vertreter dieser russisch-jüdischen Musikschule sein. Gnessin ist der Zartere, der Lyrische. Während in Kreins Musik das sieghaft Makkabäische Klang wird, die Trunkenheit des Hoheliedes aufleuchtet, ist die Sinnlichkeit Gnessins stets wie in einen milden, silbernen Glanz getaucht, wie in seinen schönen Liedern, dem „Grabmal Raheis" oder „Die lockigen Haare dein". Es ist die jüdische Trauer, beinahe die jüdische Angst, die bei ihm immer wieder durchbricht. Auch Gnessin hat sich symphonisch betätigt und sogar eine jüdische Oper geschrieben: „Abrahams Jugend." Von Michael Mi In er waren uns Proben seines Schaffens leider nicht zugänglich. Dem zitierten Ssabanjejeff folgend, scheint hier eine dem Russen Mussorgsky verwandte Erscheinung in jüdischer Sphäre erstehen zu wollen. Ein wurzelhafter Jude von allem Anfang an, mitten aus dem Volk heraus, der nicht erst, wie Krein und Gnessin, den Weg zum Jüdischen finden mußte, dem es vielmehr von Kindheit an gegeben war, der sich gar nicht anders ausdrücken konnte. Ohne die üblich strenge theoretische Schulung des modernen Komponisten schwankt seine Musik zwischen elementarer Geniehaftigkeit und ungelenkem Dilettantismus. Seine jüdischen Chöre und viele Lieder sind populär geworden. Die Oper „Die Himmel flammen" ist die erste bewußte jüdisch-musikalische Kundgebung in Opern form. Auch Joseph A c h r o n, obwohl zurzeit nicht in Rußland weilend, ist aus diesem Kreis hervorgewachsen. Noch jung an Jahren ist doch schon heute die Spannweite seines Oeuvre eine imponierende, seine kompositorische Technik eine erstaunlich vielgestaltige. Die originellste Seite seines Talents aber scheint auf das Rhythmische und Klangliche hinzuzielen, wobei für den mit Erfolg konzertierenden Violinspieler die Tendenzen des Virtuosenhaften im allgemeinen und die der Geige entstammenden Möglichkeiten im besonderen inspiratorisch wirken. Einige ganz reizvolle Sachen, wie die „Canzonetta", die die Wahrscheinlichkeit kommender Popularität in sich tragen, ohne ins Niveaulose zu fallen, sind ihm gelungen. Schließlich sei noch Alexander W e p r i k genannt, ein begabter jüngerer Komponist, der am Leipziger Konservatorium studierte, und dessen schwermütige „Totenlieder" für Bratsche und Klavier auch bei uns in Wien vor kurzem zu hören waren. Weprik fungiert überdies als Sekretär der „Gesellschaft zur Förderung jüdischer Musik" in Moskau, deren Bestrebungen zur Erzielung eines internationalen Kentaktes unter den jüdischen Musikern und Musikliebhabern er mit Eifer zu verwirklichen bestrebt ist. Auch diese Zeilen sollten bei diesem schönen Zwecke Hilfe sein. Georg Brandes und Ferdinand Lassalle (Zu Lassalles hundertstem Geburtstage.) VON MARTHA HOFMANN Goethes aus dem Schachte uralter Weisheit emporgcholtos Wort: „War' nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt' es nicht erknmen" — läßt sich wie kaum auf einen anderen Menschen unserer Zeit auf den greisen Georg Brandes anwenden. Wäre sein Geist nicht so hell, so scharf, so feurig, kurz — so sonnenhaft gewesen, nie halte er die großen Sonnen des geistigen Firmaments, nie Goethe und Voltaire, nie Caesar und Lassalle erkannt und verstanden. Dieser durchdringende Denker und intuitive Einfühler ohnegleichen, Georg Brandes, ist durch eine deutliche Affinität zu den klaren, gestaltenden, blendend hellen und erhellenden Geistern der Menschheit hingezogen. Mit subtiler Scharfsichtigkeit des Intellekts wie des Instinkts begabt, gelingt es ihm, in das vitale Zentrum der Persönlichkeit einzudringen. Nicht pragmatisch ist seine Literarhistoric; er gibt in jedem Falle das stets neue, stets interessante Phänomen des Menschen selbst. Eine Fähigkeit psychologischer Durchdringung offenbart sich in diesem skandinavischen Juden, wie sie — von Frankreichs und Rußlands beseelter Romankunst ausstrahlend — im 19. Jahrhundert ganz Europa und nicht zuletzt die sensiblen Geister Dänemarks ergriff und erzog. Kein Wunder, daß gerade Brandes, der feinnervige Jude, der Artgenosse Siegmund Freuds und Arthur Schnitzlers, die tiefe Leidenschaft zur Erkenntnis der treibenden Seelenkräfte im großen Individuum wie in der ganzen Zeit in sich entbrennen iühlte. Nicht die tiefschürfende Seclenforschung Freuds, nicht die analytische Novellislik Schnitzlers sind die ihm adäquaten Formen. Aber gleichwie diese beiden treibt es ihn, unentdeckte, ungedeutete Zusammenhänge und Gruncltriebe des Menschengeistes zu enträtseln. Er tut dies durch eine unvergleichliche Hingabe an das Wesen einzelner Geistesheroen einerseits, an das Antlitz des geistigen Europa seiner Zeit anderseits, dessen Physiognomik er als erster zu schreiben verstellt. Eines der ersten jener Werke, in denen sich die kongeniale, seherische Einführung des großen Literarhistorikers am meisterhaftesten kundgibt, ist die Monographie über Ferdinand Lassalle, bereits 1876, also nicht viel mehr als ein Jahrzehnt nach dem jähen Tode des „Denkers und Kämpfers" erschienen. Brandes hat Lassalle nicht persönlich gekannt, obgleich er nur I 7 Jahre später geboren ist als der geniale Agitator, dessen Geburtstag sich eben zum 100. Male jährte. Bezeichnend ist das Bekenntnis, das Brandes eingangs des Buches ausspricht: „Ich kenne Lassalle so genau, wie man ihn kennen kann, ohne ihn jemals gesehen und gehört zu haben." Darin liegt keine Übertreibung. Nicht nur, daß Brandes mit dem rastlosen Fleiße des Genies, das die ihm zuinnerst zugehörigen Gebiete zu erobern brennt, jedes Wort, jede Silbe, die Lassalle je geschrieben — ob gedruckt oder ungedruckt — in sich aufsog; daß er jeder Aufzeichnung über ihn mit größtem Scharfsinn und Nichtachtung aller Schwierigkeiten nachspürte (und diese Schwierigkeiten waren in der Zeit des verfehmten Sozialismus nicht eben gering*); ihm gelang es auch, auf zahlreichen Reisen durch Deutschland alle ihm erreichbaren Personen aus Lassalles näherer oder fernerer L^mgebung über den Verstorbenen zur Sprache zu bringen und dann all diese meist widerspruchsvollen, abrupten Eindrücke, all das Gelesene und Gehörte, mit wunderbarer Klarheit in sich zu verarbeiten. Er selbst sagt darüber: „Ich habe nun ein paar Jahre lang all diese Urteile und Äußerungen sich in meiner Seele bekämpfen und ausgleichen lassen, während ich aber- und abermals ihren Gegenstand mit demselben ungeschwächten Interesse gründlich studierte, und wenn ich mich jetzt von neuem in dies 1 hema vertiefe, so bilden all jene Anschauungen im Verein mit meinen eigenen früheren und späteren Stimmungen und Eindrücken von ihrem Gegenstand eine eigentümlich vielstimmige Symphonie in meinem Innern." Wir er kennen aus diesen Worten, welch durchaus persönliches, intuitives Verhältnis diesen Autor zu seinem Objekt besitzt, wie er ganz von ihm durchdrungen, ja besessen ist, wie er durch denkbar intensivste *) Vgl. Georg Brandes : Ferdinand Lassalle. Ein literarisches Charakterbild. 2, Auflage, Leipzig 1889, S. 6, Anmerkung.