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Menorah · 1925-05-01 · Heft 5 (Mai 1925) · p. Seite 112

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 5 (Mai 1925)
Article
Neue jüdische Musik in Rußland
Date
1925-05-01
Page
Seite 112 (sequence 1)
Language
German
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112 M E N O R A H Geleitet von Rudolf Reti. Neue jüdische Musik in Rußland VON RUDOLF RETI. Wie in allen geistigen und kulturellen Sphären — in der Wissenschaft, den Künsten, der Technik, neuestens im Sport — stehen auch in der Musik Juden heute mit im Vordergrund. Es ist daher nur natürlich, daß auch ein nicht geringer Teil der namhaften zeitgenössischen Komponisten Rußlands jüdischen Blutes ist. Während aber die jüdischen Komponisten bei uns im Westen — von einzelnen Ausnahmen abgesehen — es weder anstreben, noch ihrem Schaffen nach dazu geeignet sind, als spezifisch jüdische Erscheinungen zu gelten — unbewußt freilich bricht jüdischem Wesen auch bei jedem von ihnen irgendwie durch — ist ein großer Teil der jüdischen Musiker des heutigen Rußland bewußt jüdisch eingestellt, nicht nur im Leben, sondern auch in ihrer Musik selbst. Hier wächst eine nationale Produktion empor, ein neu-jüdischer Musikstil, der seine musikalischen Gestaltungselemente, seine melodische und rhythmische Struktur aus urjüdischen Quellen bezieht, wie er auch seine Texte, Titel und die gedanklichen Grundlagen seines Schaffens jüdischen Vorstellungskreisen entlehnt. Aus doppeltem Grund muß es besonders interessant erscheinen, von dieser russisch-jüdischen Musikergruppe hier zu sprechen. Erstens, weil doch heute jede Nachricht aus der russischen Sphäre, mit der uns so lange Zeit jeder Kontakt versagt war, lockend scheint und aufhorchen macht. Zweitens, weil es sich um jüdische Kunde aus dem Osten handelt, dem eigentlich jüdischen Schicksalszentrum. Sind doch Judentum und Osten zwei, wie früher, so auch heute, zu einander gehörige, einander steigernde und ergänzende Welten. Unter den estlichen aber ist der russische Jude, namentlich der russische Intelligenzjude, ein besonderer Fall für sich. Mit der neuen Heimat, dem Volkstum seiner Umgebung ohne die geringste Preisgabe der eigenen Art, seelisch und intellektuell viel inniger verwachsen, als dies bei den anderen östlichen Juden der Fall ist, konnte hier ein annähernd idealer, harmonischer Typus entstehen, dem weder das nie völlig auszumerzende Ghettogefühl des polnischen Juden noch das trügerische Assimilationsempfinden des jüdischen Westlers eignet. Auswirkungen dieses erfreulichen Zustandes zeigen sich auch in der Musik. * Der Ansatz zur Entstehung einer jüdisch-nationalen Musik fand einen günstigen Boden in der allgemeinen Musiklage am Ausgang des vorigen Jahrhunderts. Die Ausdrucksmittel der klassischen Musikepoche hatten sich überlebt. Auf der Suche nach neuen Strukturelementen gingen die Komponisten der verschiedensten Nationen daran, die fast verschütteten Schätze ihrer alten Volksmusik wieder freizulegen, sie als Baumaterial der neuen Kunstmusik zu verwenden. Daß einem derartigen Vorgang neben seinen nationalen auch in starkem Maße rein musikalische Motive, nämlich eben das Suchen nach neuen Ausdrucksmitteln, zugrunde lagen, beweist gerade das russische Beispiel. Hier waren es die großen russischen, nichtjüdischen Komponisten, die Rimsky- Korssakoff, Glinka, Mussorgski und andere, die als erste zur selben Zeit, da sie eine russische Nationalmusik ins Leben riefen, auch der jüdischen Volksmusik ihr Interesse zuwandten, auf deren geheimnisvolle Schönheiten hinwiesen, zuweilen selbst jüdisch musikalische Vorlagen bearbeiteten. Erst durch deren Beispiel geweckt, begannen sich die Juden selbst ihres musikalischen Besitzes zu besinnen. Deutlich schildert diese Entwicklung Leonid Ssabanjejeff, selbst Komponist, einer der bedeutendsten Musikschriftsteller Rußlands, zugleich der hervorragendste, eindruckvollste Biograph der neu jüdischen Musikbewegung*). Die erste Arbeit war eine historisch-kritische: die alten Quellen mußten gesammelt, von fremden Einflüssen und nachträglichen Zusätzen gereinigt und durch Publikation zugänglich gemacht werden. Als unverfälschteste Quelle — unmittelbarer noch als die Volkslieder — erwies sich ein Teil der Synagogalmusik, die „Tropen", jene eigentümlichen, tausendgestaltigen Melismen, in denen der Bibeltext seit uralten Zeiten im Tempel vorgetragen wird. Um die wissenschaftliche Durcharbeitung dieses und des Volksliedmaterials erwarb sich Zevi Idelsohn in Palästina, um seine Verbreitung und Popularisierung die Russen Engel und Schklar, auch Wolfsohn in Wien und viele andere, Verdienste. Doch litten die Bearbeitungen dieser Zeit noch an dem Umstand, daß man den vergeblichen Versuch machte, eine fremdartige Melodik in die durch die große klassische Musikperiode zur zweiten Natur gewordene tonikale Harmonik einpressen zu wollen. Erst die Freiheit der modernen Musikauffassving hat eine stilgemäßere Ausdeutung des alten Melodien- und Rhythmenbestandes ermöglicht, seine Überführung und Wiedergeburt in eine neujüdische Kunstmusik. Während im Westen der in diesen Blättern bereits ausführlich gewürdigte Ernest Bloch als beinahe singulärer Fall, aber vielleicht glänzendster Vertreter dieser Entwicklung angesehen werden muß, ist aus ihr in Rußland eine große, zahlreiche Erscheinungen umfassende Musikbewegung emporgewachsen. Einige, wenn auch skizzenhafte Porträts ihrer bedeutendsten Repräsentanten mögen zeigen, um welch wertvolle, lebendige Kräfte hier das Judentum ebenso wie die Musik bereichert wurden. Zwei Brüder: Grigory (geb. 1881) und Alexander Kr ein (geb. 1883). Beide waren schon bekannte Komponisten, ehe sie „jüdisch" wurden. Allmählich vollzieht sich die Wandlung, bei AJexander in weit stärkerem, bewußterem Maße als bei Grigory. Anfangs steht ihr Schaffen, wie das der meisten russischen Komponisten ihrer Zeit stark unter dem Einfluß der Franzosen, namentlich Debussys. So entsteht zahlreiche Kammermusik, Klavierstücke, Lieder, darunter die „Peintures vocales" Grigory Kreins auf bloßen Vokalen ohne Text vorzutragenden Gesängen. Heute scheint Alexander Krein, der bald auf symphonisches Gebiet übergeht, der intensiver Hervorgetretene, und nun tauchen bereits die national gefärbten, charakteristischen Titel auf: eine symphonische Kantate „Kaddisch", eine symphonische Dichtung „Salome" u. a. Außerdem schreibt er Musik zu den jüdischen Dramen „Sabatai Zewi" von Zulawsky und „Der ewige Jude" von Pinski. L. Ssabanjejeff: Die jüdisch-nationale Schule in der Musik. Verlag der Gesellschaft für jüdische Musik. Moskau 1924._ Modeneuheiten in Herrenj^SS pi| Kann & Fried u»S40 Regien zu billigsten Preisen bei vm u

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