Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1925)
- Article
- Der Maler Fritz Groß
- Date
- 1925-05-01
- Page
- Seite 104 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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104 MENORAH mungsvollen" Landschaft verbundenen Stilisierung streift schon bedenklich an die in Wien übliche dekorative Kunst, an die eklektisch modernisierten Schwinclschen Gefilde. Es ist zu „schön". In manchen seiner Blätter fehlt jede Komposition, sie sind ehrlich einfach von einer naiven Offenherzigkeit, höchst erquicklich. Wo er zu stilisieren anfängt, hört er auf, interessant zu sein. Im Porträt, „dem Prüfstein des Malers", kommt die Dringlichkeit seiner Entscheidung vom Wienerischen weg besonders stark zum Vorschein. Einige seiner Porträtarbeiten, und nur diese zeigen die Linie in die positive Richtung, sind „unbekümmert", großzügig, freihändig, auf Details wenig bedacht, daher kräftig und lebendig, die anderen, sind trotz unverkennbarer Qualitäten, steif gearbeitet, beinahe pedantisch immer „virtuos", aber starr, von braven Hemmungen zu sehr beherrscht. Seltener sind die Blätter, in denen er sich dem Wiener Stil ganz ausliefert, wie in einigen Aktzeichnungen und Porträtbildern. Reminiszenzen an Toulouse-Lautrec, leider auch an Klimt und seine Nachahmer, verbinden sich hier mit einer noch immer starken und gewissenhaften Linienführung, in deren Dienst auch seine Farben noch stehen. Dies auf die bearbeiteten Themata zurückzuführen, geht nicht an, das Thema darf noch so sehr süßlich oder „dekorativ" sein, deren künstlerische Darstellung nicht. Da gibt es noch etwas, wovon sich Groß befreien muß, um zum freien Tempo seiner Landschafts¬ und Straßenskizzen auch hier zu gelangen. Er muß Akte und Porträts so malen wie seine Landschaften, und mehr, als ob sie Landschaften wären, um den ihm innewohnenden Kräften, ganz zum Durchbruch zu verhelfen und auch die letzten Spuren der wienerischen Lyrismen ledig zu werden. * .3 FRITZ GROSS KUNSTHISTORIKER DR. POLLHAMMER Privatbesitz Wien Groß vernachlässigt entweder ganz die Komposition oder er leiht sie, vorläufig noch, von der Dekoration, der wienerischen. Er muß aber diese in den Dingen selbst sehen und aus ihrer eigenen Harmonie aufbauen. Er komponiert entweder überhaupt nicht oder, vorläufig noch, nach dem Wiener Rezept. Anstatt wie es seine Zeichnung an sich ist: sachlich. Die „aufgebauten" Porträts sind daher trotz des Aufwandes seine schwächsten Leistungen. Hier greift noch seine bedeutende Erudition auf dem Gebiete der Malerei und ihrer Geschichte störend ein. Die Verwendung der Ölfarbe verlangt reife Meisterschaft, sie setzt voraus das echte malerische Temperament, Phantasie, koloristisches und kompositionelles Sehen: sie zeigt daher die eigentliche Bewährung. Die öde dilettantische Art, wie in Wien seit Jahrzehnten mit der Ölfarbe umgegangen wird, macht eine Wiederholung dieser uralten Grundsätze gewiß nicht überflüssig. — Cezanne, vielleicht auch Renoir u. a. müssen für die Farbengebung Großens oft herhalten, er stützt sich noch selten auf eigenes Sehen. Er schreitet schon aber sehr tapfer zu einem eigenen koloristischen Sehen. Leicht ist es nicht, gerade die besten Zeichner haben diesen Übergang nicht ungefährdet passiert. Insbesondere bei den Deutschen, sogar die großen Meister seit Dürer und den Holbeins bis zu den Romantikern und Impressionisten. Die einen liehen die Farben aus Italien, die anderen bei den Franzosen und haben es doch selten zu vermeiden verstanden, daß die Farbe nicht zu einer Dienerin der Zeichnung herabsinkt, anstatt daß sie selbständig die Zeichnung sich Untertan zu machen hätte, um wirklich Farbenbild zu sein, und nicht wenn auch noch so prächtig kolorierte Zeichnung (womit nur festgestellt und keinesfalls gewertet wird). Wie es darum bei den Juden steht, ist in diesen Anfängen der jüdischen Malerei, die sich in Rußland (Paris) vorbereiten, schwer zu sagen. Denn unbedenklich reklamiere ich Fritz Groß für die jüdische Malerei, deren Begründer ich in Chagall, Rybak und einigen anderen sehe, nicht weil sie „jüdische Sujets" (die übrigens auch einem jüdischen Maler, wie jedem anderen nicht verboten sind, ohne daß sie für seine Zugehörigkeit zur jüdischen Malerei Bestimmendes aussagen könnten) gelegentlich behandeln, sondern, weil sie aus einer fast gemeinsamen Ideologie und Kunstüberzeugung ihrem Wesen gestatten, sich frei, nicht eingereiht in einer Schule oder Richtung, (wie Camille Pissaro, Max Liebermann, Israels usw., deren Judentum für deren Malerei eine Zufälligkeit, bestimmend aber ihre Zugehörigkeit zu den Schulen die sie mitrepräsentieren, wurde) zu entfalten. Von den Arbeiten dieser Gruppe, wenn sie anders ihr Versprechen einlöst, wird erst der Begriff „Jüdische Malerei" abstrahiert, geschaffen! Das Verhängnis der Pseudokünstler war, daß sie umgekehrt vorgingen. Und weil Groß ein Maler ist, nur deswegen, halte ich ihn unter den vielen, die sich in Wien so nennen — für den ersten, der es wirklich verdient, j ü d i s c h e r Maler genannt zu werden. Schade, daß er in einer solch kunstwidrigen Atmosphäre zur geistigen Vereinsamung verurteilt sein muß. Die Wirksamkeit eines kollektiven Arbeitens in den Anfangsstadien einer Gruppenentwicklung ist von größter positiver Bedeutung. Die jüdische Schule hat jetzt in Paris ihre Zelte (sie wandert, wie die Juden überhaupt) aufgeschlagen. Zu diesen hauptsächlich russischen und polnischen Juden gehört auch Fritz Groß, trotz seiner Abstammung aus einem Grenzgebiet zwischen Ost und West. Aus dieser Herkunft erklärt es sich, daß er sowohl an der ostjüdischen Ursprünglichkeit wie an der westjüdischen, geisttötenden Anpassungsfähigkeit teilnimmt. Der innere und äußere Einfluß Wiens muß ihm verderblich werden, er sollte sich ihm durch Flucht entziehen. Weil er zu den Seltenen in Wien gehört, bei deren Arbeiten man aus Verlegenheit nicht höflich sein muß durfte ich all das erwähnen und an seine Arbeiten den ernsten Maßstab anlegen, der nur für die Beurteilung wirklicher Künstler vorbehalten bleibt. Damit aus dem öden, aussichtslosen Dilettantentum Wiens ein urwüchsiges Malertemperament, im Gegensatz zu seiner Umgebung trotz letzter Spuren von Abhängigkeit, die abgestreift werden müssen, deutlich abgehoben werden soll. Ich fasse mich äußerst vorsichtig, wenn ich schließe: Fritz Groß gehört zu den fünf, sechs jüdischen Malern, die, wenn anders die Zeit dazu reif ist, eine jüdische Malerei zu begründen fähig wären. -r -r