Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1925)
- Article
- Der Maler Fritz Groß
- Date
- 1925-05-01
- Page
- Seite 103 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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MENORAH 103 „Originalität und Eigenart", die sich von selbst einzustellen haben, aus dem Wege gehen, um zu genesen.? Instinktiv wählt jetzt jede Begabung, sofern handwerkliche Voraussetzungen und Kraft zum Leben vorhanden sind, diesen Weg. Bei Fritz Groß sind sie reichlich vorhanden, und wie jede ursprüngliche Kraft hat er ohne theoretische Überlegungen, trotz Hemmungen der Atmosphäre und gewiß vorhandenen Fertigkeiten nach der verkommenen Richtung hin, den Weg des Lebens beschritten. * Die Wiener Malerei kann in drei Gruppen erfaßt werden: I. Genremalerei in einem Ausläuferlum der Auffassungen der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, die trotz allerlei „moderner" Gebärden als solche erkannt werden muß — neben einem abgestandenen akademischen Kitschismus oder bestenfalls pedantischer Belanglosigkeit. Diese Gruppe wird in Wien noch immer, trotz Bestreitung „Mißgünstiger" als die eigentlich repräsentative betrachtet. Sic ist es für Wien! 2. Dann kommt die moderne Malerei, die sich im Nachahmen „von Schiele bis Klimt" sehr wohl fühlt und dabei zuweilen gar nicht übel gedeiht. Wenn aber selbst Schiele (bei all den Qualitäten seines letzten Entwicklungsstadiums) der verderblichen Wiener Luft erlag (von Klimt gar nicht zu reden!) — was soll man von den unendlich unbedeutenderen Nachahmern sagen? 3. Die sehr selbstbewußt auftretende „jüngste Malerei": Futurismus, Expressionismus, Dadaismus, Konstruktivismus — eklektisch ins Süßlich-Wienerische und Kitschig-Dekorative hinüberexperimentiert. Alle drei Gruppen unterscheiden sich in Wien voneinander nur ganz unwesentlich, alle erstreben dekorative Schmachteffekte, sind süßlich, kraftlos, ohne Originalität: Kunstgewerbe — ein Ausdruck der kunsttötenden Atmosphäre Wiens. Wie gewöhnlich und überall malen die Juden in Wien genau so wie ihre nichtjüdische Umgebung. Und so sehen wir auch bei ihnen einige in den jüdischen Stadtbezirken sehr berühmte akademische Kitschiers ,,alten Stiles", eine Menge kraftloser und dilettantischer „Genremaler", eine Unzahl „Moderner", die über die Anfangsgründe des malerischen Handwerks nicht hinaus sind und dies mit verschiedenen „schönen", „Klimtschen" oder ,,abstrakten" Behelfen zu verschleiern suchen. Sehr selten finden wir unter ihnen ernst zu nehmende Malerarbeiler (das muß ein wirklicher Maler immer sein) — eher schon einige, die vielleicht ehrlich angefangen haben, es aber nicht mehr oder noch nicht treffen, weil sie, Kinder der Übergangszeit, verbildet sind und ohne Kraft, sich zu entscheiden. Fritz Groß aber trifft es. Er ist ein kräftiger, temperamentvoller, fast robuster Zeichner. Der Stift sitzt ihm fest in der Hand und wie jeder gute Maler kann er sich am Zeichnen gar nicht genug tun. Für seine reifsten Sachen halte ich — trotz des scheinbaren Paradoxons — seine „flüchtig" und sicher hingeworfenen „Skizzen", in denen er Straße und Menschen in lebhafter Bewegung festzuhalten sucht. Diese Art hat er seit seinen Anfängen, neben vielen anderen Versuchen, nie mehr aufgegeben, immer wieder kehrt er zu ihr zurück. Einige sind von einer Vollendung, wie sie auch einem Max Liebermann nicht zu oft gelingt. Sie weisen neben französischem Raffinement deutsche Gründlichkeit und handwerkliche Sicherheit in der Linienführung auf. Diese strenge und ausgesparte Art der Fixierung scheint, trotz guter und gesunder Einflüsse aus den besten Quellen, doch in der Eigenart Fritz Großens begründet zu sein, womit nicht gesagt sein will, daß ein starres Festhalten an ihr nicht zur sich wiederholenden Manier ausarten könnte, genau so wie ein im Wesen dieser Art fortschreitende Entwicklung zu einer sehr bedeutsamen Vollendung führen kann. Seine Marinen und Landschaften (Zeichnungen), an denen er hartnäckig mit außerordentlichem Fleiß arbeitet, zeigen oft außerordentliche Qualitäten, so die in der letzten Graphikschau des Hagenbunds ausgestellten Marinen aus Ragusa und ein Aquarell „Die Badenden" (letzteres mit deutlichen Anklängen an Cezanne). Sie sind handfest und sachlich gearbeitet, streifen in ihrer naturalistischen Strenge fast an Trockenheit, so sehr weichen sie jeder „Phantasie" aus — was hier positiv gewertet sein will. Er verläßt sich darauf, daß „Eigenart und Stimmung", sofern sie ihm beschieden sind, sich aus der ehrlichen Arbeit von selbst einstellen werden. In anderen Blättern macht sich aber zuweilen der verderbliche Einfluß Wiens geltend, nämlich dort wo Groß die Realität verläßt und sich in die Richtung des phantastisch Umgebogenen, richtiger, der verstandesmäßigen Komposition begibt. Dann wird sogar dieser kräftige Künstler süßlich dekorativ, wienerisch-harmlos, wo er sich bemüht, „Stimmung" von außenher hineinzutragen, anstatt sie aus den Dingen herauszuholen. Von den zwei Städtebildern im Hagenbund ist die alte Gasse aus Ragusa mit Barockkirche unbedacht und fast brutal angepackt (wie übrigens auch die Marinen), aber gut; das Bild aus Mostar, „Die Brücke", in der leichten mit einer „stim-