Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1925)
- Article
- Ein Besuch bei den Juden Hollands
- Date
- 1925-05-01
- Page
- Seite 99 (sequence 1)
- Language
- German
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MENORAH Illv^trierte Monatxtchrift FVelDie Jvdis-che Familie _WIEK— PRANKFVRT A.M«_ III. JAHRGANG__MAI 1925_NR. 5 Ein Besuch bei denjuden Hollands VON RABBINER Dr. DAVID FEUCHTWANG Ein Besuch bei der jüdischen Großgemeinde Amsterdams ist immer interessant und lehrreich. In Westeuropa gibt es keine stärkere, von gleichem oder ähnlichem Stolze und Selbstbewußtsein erfüllte jüdische Gemeinschaft. Ihre Hochblüte beginnt mit der Rückkehr des Hauses Oranje im Jahre 1813. Die Gemeinde der Portugiesen, für die Jakob Tira'do im Jahre 1598 die erste Synagoge erbaut hatte, und die 1675 ihr prachtvolles Gotteshaus erhielt, das heute noch besteht, zählt nur ungefähr 5000 Seelen. Die Aschkenazim etwa 65.000. Die „Hochdeutsche Gemeinde*', ursprünglich klein und unbedeutend, wuchs durch den gewaltigen Zuzug aus Deutschland und Polen und überflügelte die „Sephardim" rasch, so daß sie bereits 1671 die ,,Große Synagoge" erbauen konnte. Das heutige jüdische Amsterdam ist fast ausschließlich von der Aschkenazim- Gemeinde repräsentiert. Sie ist nach allen Richtungen ausgezeichnet organisiert und verfügt über den vollkommenen Apparat, mit dem eine so altehrwürdige jüdische Gemeinschaft ausgestattet sein muß. Noch immer geht, wenn auch nicht in alter Kraft und Stärke, ein einheitlich-religiöser Zug durch das Ganze. Holland kennt kein offizielles Reformjudentum. Alle Institute sind streng jüdisch geführt. Das gilt als selbstverständlich. Vom kleinsten ,,Minjan** bis zu den größten Synagogen ist alies konservativ. Religionsschulcn, Spitäler, Waisenhäuser, Versorgungs- und Siechenhäuser, Sanatorien, Rabbinerseminar sind von diesem Geiste getragen. Jeder Butterstollen, jeder Kaeseleib, jede Milchflasche, Keksrolle, kurz alle Lebensmittel tragen den Rabbinatsstempel. Für das üppigste rituelle Leben ist glänzend gesorgt. Noch immer sind die größeren Synagogen an Sabbaten und Festen von Andächtigen gefüllt. Der Hauptgottesdienst geht mit großer Feierlichkeit vor sich. Das äußere Bild ist für den oberflächlichen Beschauer ein stets unverändert schönes und gut jüdisches. Diesen Eindruck empfing ich auch bei meinem jüngsten Besuche im Dezember-Jänner 1924/25. Das innere, geistige, kulturelle Leben hatte sich den großen Zeitbewegungen bis vor etwa 1 0 bis 15 Jahren kaum angeschlossen. Die Jugend folgte entweder dem Trägheitsgesetze und blieb so, wie die Alten waren und sind, oder wurde indifferent. Für jüdisches Kulturleben im modernen Sinne war wenig gesorgt. Geistige Regsamkeit und Beweglichkeit, belebende Auffrischung und kraftverjüngende Impulse wurden selten wahrnehmbar. Die frische Brise, die so kräftig vom Meere her bläst, fand kein Komplement in ausgreifender, gründlicher Kulturerziehung, Massenbclebung. Es war ein dauernder Status quo ante mit der Devise ,,quieta non movere". Das ist ohne Zweifel bis zu einem gewissen Grade ein gesunder Zustand, der unüberlegtem Reformunfug Halt gebot und das streng religiöse Leben vor Umsturz und Einsturz bewahrte. Es sammelte sich aber viel Grundwasser an. Der religiöse Mechanismus arbeitet scheinbar tadellos. Es fehlte aber das geistige Band. Man stützte und verlieft sich allzusehr auf den aufgespeicherten religiösen Vorrat der Vergangenheit, den ausgezeichnete Menschen in Weisheit gesammelt hatten und zehrte von diesem Kapital, das wohl Zinsen trug, aber nicht wesentlich vermehrt wurde, so daß der Ertrag für die immer wachsenden Bedürfnisse nicht mehr langte. Gewiß Es ist wunderschön, erhebend und erfreulich, wenn das religiöse Gesetz so treu und von so vielen beobachtet wird; wenn selbst in der herrlichen Diamantenbörse arn Nachmittag gebetet wird und Chanukkalichter entzündet werden, und dieses von einem frommen, hochangesehenen Juden geleitete, schmucke Haus der Kaufmannschaft am Sabbat streng geschlossen ist, wie hunderte jüdische Kauflaeden. So soll es ja sein. — Die so zahlreichen jungen Menschen der Gemeinde verlangten aber noch mehr. Und es kam. E. pur si muove. Der heiße Drang zu erneutem — nicht im veralteten Sinne reformierten — wiederbelebten Judentume macht sich überall geltend, und ohne extreme jüdisch-nationale Übertreibung oder falsch gerichtete Politik, erfaßte der gesunde Teil der modern-jüdischen Nationalbewegung auch die Amsterdamer jüdische Jugend und bringt gesunde hrische in die Gemeinde. Das konnte ich deutlich in den Chanukkahlagen bemerken, die ich dort verlebte. Da gab es an allen Ecken und Enden wunderschöne Feste der Jugend. Tausende Kinder fanden sich ein; hebräisches Spiel erfreute das Auge, hebräisches Lied ergötzte Herz und Ohr, und selbst in der strengfrommen ,.Großen Synagoge" wurden feierliche, prächtige Abenclgottesdienste abgehalten, zu denen das Volk in Massen strömte. Prachtvolle Chöre wurden gesungen, wie ich sie vordem in Amsterdam nicht gehört hatte. Gelehrte Herren ließen sich herbei, vor Jünglingen und Mädchen historische Betrachtungen anzustellen. Und nicht nur in gehobener Festesstimmung und bei religiös-feierlichen Anlässen geschieht das, sondern in zahlreichen Jugendvereinen, in denen fleißig Hebräisch gelernt, Geschichte und Literaturgeschichte gelehrt wird. Das tut dem holländischen Judentum durchaus not. Es fehlt daran überall gar sehr. Noch aber ist mit Recht clcr Stolz auf den alten Adel der jüdischen Gemeinde wach. ,,Maquorn Aleph", so nennen die Juden Amsterdams ihre Kchillah. Man versteht es, wenn man durch die Judenquartiere geht und besonders dann, wenn man che kraftvolle Äußerung dieses Gefühls bei besonderen Anlässen beobachtet. Ein DIE GROSSE SYNAGOGE (AMSTERDAM) IM STIFTUNGS¬ JAHR 1671