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Menorah · 1925-04-01 · Heft 4 (April 1925) · p. Seite 86

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 4 (April 1925)
Article
Das Mädchen von Kinereth
Date
1925-04-01
Page
Seite 86 (sequence 3)
Language
German
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86 M E N O R A H „Ein Sturm zieht durch die Lande." Jawohl, es stürmt draußen. Ein wilder West ist aufgestanden, er zieht von den Bergen Galiläas brausend nieder, die Tore seufzen, die Pforten stöhnen, in den Giebeln brüllt es und die Hunde heulen jämmerlich ob des ungewohnten Hexensabbaths. Schläfst du, kleines Mädel, in deiner zitternden Bretterhütte auf freiem Felde, die im Sturme bebt, die der pfauchende Wind erfüllt? Hörst du mein Lied? Mein Lied ist ein Hauch und der Sturm ist ein Hauch. Hülle dich warm, huschle dich eng und fürchte nichts. Unter festem Dache sind wir, zwischen starken Mauern, du ruhest in gemachlosem Brettergefüge, über deinen müden Leib zieht der Wind. Krachend tost er die Dächer hinan, ein dumpfer Schlag — berstend weicht ein Fenster — dann klirrt es scharf auf, die Decke fliegt vom Leibe--unser Fenster ist der Gewalt des Sturmes gewichen! Einen Tisch her und ans Fenster gerückt, darauf unsere Koffer, dazwischen ein Brett, nun hält's wieder dicht. Du aber, kleines Mädel in deiner Hütte, vermagst du zu ruhen? Wir wachen dem Tage entgegen und harren des Lichtes. * Als man uns den Tee brachte und dazu, was die Farm an Gaben wohlgeratener Kühe hervorbringt, waren unsere Freunde von gestern längst bei ihrer Arbeit. Dann kam der Abschied. Unser Gepäck wurde an den See gebracht, wo ein Boot unserer wartete, ein Fahrzeug, groß genug eine ganze Herde übers Wasser zu bringen. — — — Leiser Wellenschlag, sachtes Gleiten, sanftes Schaukeln, Zug um Zug hinaus in den See. Sachte und doch viel zu rasch, denn es ist die letzte Stunde in diesem alten-neuen Lande der Heimat. Das Boot gleitet immer weiter nach Osten, bis daß wir den ganzen See überblicken. Einst kränzte eine Girlande lieblicher Orte dieses köstliche Gewässer, an dem jede Stätte durch seltsame Legenden weltenweit seinen Namen bekannt machte. Uns Juden entstand in Tiberias, das vor den Blicken sich von Hügel und Wasser löst, die Mischna, die Kodifizierung der mündlichen Rechtstradition, die Grundlage des Talmud, der die Mischna glossiert. Auch die sogenannte jerusalemitische Version des talmudischen Werkes ist in Tiberias niedergeschrieben worden. An den Ufern des Sees ruhen Rabbi Akiba, Rabbi Jochanan ben Sakai, um die Größten der Großen zu nennen. Etwa 1 000 Jahre später lebten noch hier Heroen der Lehre, des großen Maimonides Vater, zu dessen Gebeinen der Sohn seine sterblichen Reste hieher zur Ruhe bringen ließ. Sie kamen von weither, von Kairo, wo der berühmte jüdische Philosoph, der zugleich einer der ersten Ärzte seiner Zeit war, am Kalifenhofe seine Kunst übte. Wie ein Traumbild schwebt das alles an uns vorüber, Vergangenheit, Gegenwart und die Zeit dazwischen. Der Geist aber sucht forschend das Geheimnis der Zukunft zu entschleiern. Werden wir neues Leben hieher verpflanzen? Werden wir? Heiße Wasser quellen aus dem Boden und bieten den Bresthaften Heilung, der See spendet linde Bäder, köstliche Lüfte würzen die Tage, kühlende Winde streifen zur Nacht, der besiedelte Boden würde dem Fieber Wöhren, das sich noch meldet. Werden wir diese Siedelungen schaffen, hier, wo alles schläft, alles träumt? Heilige Stille weitum. Nur hie und da schnellen flinke Fische aus dem See und fallen zurück in ihr perlmutterfarbenes Wasserschloß. Lautes Rufen weckt aus Sehnen und Träumen. Das Boot stößt ans Ufer, wir eilen zur Bahnstation Samach, dem Zuge zu, der nach Damaskus fährt. „Der Wind hat die Tore des Himmels geöffnet", meinte der Bootsmann. Und während der Zug sich in Bewegung setzt, schießt der Regen aus den offenen Wolkenschleusen in Strömen hernieder. Lange stehen wir noch am Fenster und spähen durch die Wasserfäden hinüber nach dem Hügel von Kinereth. Oh, du kleines Mädel, Symbol des erwachenden Volkes! Peitscht der Regen dein gerötet Gesicht? Ereiltest du die Hütte und ruhst in ihrem aufgeweichten Boden? Unser Wort erreicht dich nicht und doch rufen wir laut hinaus: „Jeworechecho!" Und nun erklingt meines Liedes letzte Strophe. Wo immer du heute weilen magst, du liebste Schwester, schöne Erinnerung an die Zeit der frühen Pioniere, du hast nicht vergebens gearbeitet und gelitten, denn deinem Beispiel erwuchs wahrlich der Segen Gottes und von Dan bis Berscheba ist das Land voll von deinesgleichen. ALEXANDER EBENESER / DAS WADI W. Wenn in den Bethäusern man den Omer zählt, vierzigneun Tage. Dann glüht im Lande Israel der heiße Wind, den man den „Fünfziger" nennt, dann dorrt das Grün des Winters, welkt die Blütenpracht des Frühlings, reift der Weizen und die Gerste gelb, der Pferdebohne Stauden, Blätter, Schoten werden schwarz, auch die sauren, ätzenden Kichererbsen gilben und werden genießbar. Die Fellachenfrauen und die Knechte der Effendi reißen das Getreide mit stumpfen Sicheln, die Mähmaschinen der Judenbauern rasseln nach dem Doppelgespann, Weiße Schafe mit feisten runden Schwänzen, schwarze Ziegen mit langen Hängeohren rupfen die Stoppeln und die wilden Gräser, die aus den Tiefen mit laagen Wurzeln die verborgene Feuchtigkeit saugen. Bis das Land kahl wird, der Boden sich spaltet, die Erde zu Staub verkrümelt. Freudlos stapft über die wellige Ebene, wer des Weges ziehen muß. Verstummt sind die Lieder wandernder Chaluzim; der leichteste Rucksack drückt schwer. Der Stock, den er sonst keck zwischen dem linken Ellenbogen über die rechte Schulter, wo er die erhobene Hand fand, schränkte, dient dem Fellachenjungen nun zur Stütze während des mühseligen Marsches. Da hebt sich eine Bodenwelle höher und senkt sich tiefer und — im Tale ein roter Streifen, soweit das Auge reicht. Oleander blüht aus niedrigem Gesträuch am dünnen Bächlein. Zwischen großen Steinen, hängenden Zweigen füllt sich ein kleines Becken, genug zum Bade für die Chaluzim. Ein reiner kühler Quell entspringt am Grunde des Tales, dicht ober dem Bächlein. Der Fellachenjunge netzt das Gesicht, gurgelnd reinigt er die Kehle und trinkt tief und anhaltend. Ermüdet hockt er auf einem schwarzen Felsblock, spuckt den Speichel, den das süße Wasser nach langem Durste hervorgerufen, trinkt nochmals und schreitet seufzend weiter. Die Chaluzim aber, nach dem Bade, finden Genossen, die einen Gemüsegarten bearbeiten und wässern; die laden sie in die weißen Häuschen mit den roten Dächern zu Gast.

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