Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 4 (April 1925)
- Article
- Das Mädchen von Kinereth
- Date
- 1925-04-01
- Page
- Seite 85 (sequence 2)
- Language
- German
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MENORAH 85 So beginnen die Kolonisten ihre Arbeit in Palästina. ,,Wenn es regnet," erzählte die russische Mutter, „wir stehen im Wasser!" „Man vertrinkt nicht", repliziert die Tochter. „Haben wir das gebraucht", jammert die arme Frau fast unter Tränen. Nun trösteten wir. Ich erzählte, daß die Kolonisten in Judäa Ähnliches erduldet hätten und nun als wohlhabende Gutsbesitzer auf ihrem Boden leben, fröhlich und glücklich in blühenden Dörfern sitzen und nur noch mit Stolz von ihren harten Anfangszeiten erzählen, von denen ich einiges zehn Jahre früher selbst erlebt hatte. Da leuchteten die fieberroten Augen des Mädchens in einem Gefühle höchsten Glückes. „Siehste Mutter, siehste Mutter, du wirst mir's noch danken, danken wirst du mir, daß ich nicht hab' wollen in Rußland bleiben." Das war im Jahre 1910. Damals ahnten wir nicht, wie sehr diese Mutter in wenigen Jahren Ursache haben wird, ihrem herrlichen, tapferen, kleinen Mädchen zu danken. Vorläufig dankten wir diesem prachtvollen Kinde und wir lobten das Schicksal, das uns so gnädig geführt, und dankten der Vorsehung, die uns den letzten Abend in Palästina verklärt hatte. Für den ersten Kongreß gab ich seinerzeit dem Künstler die Idee des Gegensatzes zwischen den Juden an der Klagemauer und den Juden am Pfluge. Wenn sich doch ein jüdischer Künstler fände, den Frauenvereinen ein Bild zu schaffen mit unserer jungen Freundin von Kinereth und als Gegenstück hiezu einige elegante jüdische Damen, schmuckbehangen, sorgfältig entkleidet, wie sie in einem Christkindibazar Bilder verkaufen für die Ausrüstung einer Heidenmission. Doch nein, das war nur in einer Anwandlung bitteren Scherzes hingeschrieben. Ich weiß ein besseres Bild. Eine arme Näherin, die bei Lampenschein ihr dürftiges Brot auf der Maschine zusammenklappert als Gegenstück zu einem Mädchen aus Judäa oder Galiläa, das auf dem Felde ackert oder die Sichel führt. Und wenn mir auch kein Maler mein herbes, braunes Mädel verewigt, ich trage doch sein Bild mit mir und singe ihm ein Lied so trotzig, so herb und doch so schlicht, wie dieses Judenkind. Und nun kommt Frau Abrahamsohn, die Nährmutter von Kinereth, sie lockt mit dicker Milch, frischen Eiern, mit Butter und Käse neben gebackenen Lachsforellen, die der See freigebig spendet. Und während der kleine Ofen, der im Freien steht, seine prasselnden Töne zu uns schickt, singen die Arbeiter in ihrer Küche traurige Lieder, Lieder, die zum Weinen reizen. Ich aber will fröhlich sein, weil das Bild dieses tapferen Mädels uns heimbegleitet. Wir sitzen bald am Tische der Sänger, wir sitzen bescheiden und lauschen und schweigen. Wir schämen uns vor diesen Helden, die sich selbst nicht kennen, die in ihrer Bescheidenheit unsere ' Herzen verwunden, denn morgen verlassen wir Palästina, sie aber bleiben, arbeiten und dulden. Auch das kleine Mädchen bleibt, arbeitet, arbeitet, windet sich stundenlang im Fieber, schluckt die bittere Rinde des Chinabaumes und lacht und lacht. Wenn sie aber lacht, warum sollen wir trauern? Ein lustig Lied, meine Brüder. Solange es Judensöhne gibt, deren Rücken der Mutter Schemel ist, solange kleine Mädchen Haus und Hof verlassen, um den Boden Palästinas urbar zu machen, so lange soll Lein Jude an seinem Volke verzweifeln. Singt, meine Brüder, singt ein trotzig Lied!