Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 4 (April 1925)
- Article
- Von der Chibath Zion (Zionsliebe) des Ramban
- Date
- 1925-04-01
- Page
- Seite 78 (sequence 3)
- Language
- German
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78 M E N O R A H Palästina war demnach nur eine Konsequenz seiner Gesinnung. Daß die durchgemachte Aufregung während und nach der Disputation gegen Pablo Christiani, ihn in diesem Entschluß befestigt hatte, daß er die immer mehr zutage tretende Erniedrigung und Bedrückung der Juden nicht länger ertragen wollte, ist nur natürlich und verändert nicht die Hauptmotive seines Entschlusses. In seiner Schilderung über die Zustände in Erez Israel sagt nämlich Nachmanides unter anderem: ,,G elobte Stadt. Früher warst du voll Freude; heute sehe ich wie deine Einwohner seufzen und so ging in Erfüllung das Wort Gottes: Ich werde das Land veröden lassen, daß sich darüber eure Freunde entsetzen, sie, die darin wohnen. Ich bin der Mann, der das Elend geschaut hat. Ich habe mich von meinem Tische entfernt, ich habe abgesondert von mir Freunde und Genossen . . . Abgesondert von meinen Freunden bin ich, in der Wüste, im Nachtlager der Wanderer. Ich verließ mein Haus, verließ meinen Besitz, meine Seele ließ ich dort zurück, meinen Lebensodem bei meinen Söhnen und Töchtern. Mein Sinnen wird immer auf diese gerichtet sein. Dieverletzte Ehre einesWeisen gleichtdem Bisse eines Basiliske n*). Für meine Freunde bin ich in Finsternis geraten. Alles das nehme ich leichten Herzens hin, um alle Pracht, die ich gesehen habe, zu verachten, denn ich ziehe es vor, einen Tag in Deinen Hallen zu sein, Deinen zerstörten Tempel zu sehen und das verwüstete Heiligtum und seine Steine zu küssen und den Staub zu herzen. Ich ziehe es vor, auf den wüsten Stätten zu weinen, denn Deine Asche ist für meinen Mund Honigwabe und ich iammere mit betrübtem Gemüt und finde im Weinen Beruhigung, denn sobald ich meine Stimme erhebe und meine Kleider zerreiße, finde ich eine Erleichterung. Am 9. Tage im Monat Elul des Jahres 5027 betrat ich die zerstörte und verwüstete Stadt . . Grätz schließt aus dieser Stelle, daß die Auswanderung Nachmanides eine unfreiwillige gewesen sei, denn so klafft kein Pilger, der seine Sehnsucht nach dem heiligen Boden befriedigt hat, so klagt vielmehr ein Verbannter, der die Heimat verlassen mußte. Ich glaube nicht irre zu gehen, wenn ich sage, daß Grätz mit seiner Behauptung Unrecht habe. Denn ein gewisses Maß von Tragik und Sentimentalität ist bei jeder Auswanderung vorhanden, um so mehr bei dem gefühlvollen Greise Nachmanides. Wird übrigens nicht auch der große Dichter lehuda Halevi von einem ähnlichen Gefühle hingerissen? Dennoch war seine Auswanderung gewiß keine aufgezwungene. Keinesfalls aber wäre der Spott einiger Zeitgenossen am Platze gewesen, die durch bösartige Bemerkungen die Reise des Ramban verhöhnten, wenn es sich um eine Verbannung handeln würde, um die Bestrafung der Verteidigung einer gerechten, allen Juden am Herzen liegenden Sache. Ferner ist noch eine Stelle aus einer seiner Reden heranzuziehen, in der Nachmani von den Pflichten gegenüber Erez Israel spricht und dann betont: Das Wohnen in Erez Israel ist gleichwiegend allen Geboten, die« war die Ursache, daß ich meine Heimat, mein Haus und Erbteil verlassen habe und einem Raben gleich meinen Söhnen und Töchtern unbarmherzig blieb . . . Grätz erwähnt zwar vorübergehend diese Stelle, legt ihr aber keine Bedeutung bei. Es liegt aber wirklich kein Grund vor. Nachmanides nicht zu glauben. Dies alles beweist zur Genüge, daß Nachmanides freiwillig, wenn auch wehmütig die großen Opfer zu diesem immerhin bewunderungswürdigen Entschluß trug. Jetzt erst zeigt sich Nachmani, ein 73jähriger Greis, als tatkräftiger Mann voll Energie. In Erez Israel fand er auch Zeit, seinen Bibelkommentar zu beenden und die Kraft zur Gründung einer großen Lehrschule. Palästina war kurz vor der Ankunft Nachmanides der Tummelplatz verschiedener Völker, die das Land arg verwüsteten. Als Nachmani im Jahr 1267 nach Jerusalem kam, fand er dort nur Ruinen vor und das Land war von Juden fast ganz verlassen. In einem der Briefe an seinen Sohn Nachman schildert er gramerfüllt den damaligen Zustand des Landes. Dieser interessante Brief lautet: ,,Gott segne Dich mein Sohn Nachman. Möge Dir das Heil Jerusalems gegönnt sein und schaue Du Kinder Deiner Kinder. Dein Tisch gleiche dem Tische unseres Patriarchen Abraham. *) Pirke Aboth II, 15. Diesen Brief schreibe ich Dir in der heiligen Stadt Jerusalem. Lob und Preis dem Horte meines Heiles, daß es mir geglückt war, am 9. Tage des Monats Elul wohlbehalten hier anzukommen. Ich verblieb hier bis zum Tage nach Jörn Kippur. Nun bin ich entschlossen, nach Hebron zu gehen, wo sich die Grabstätten unserer Patriarchen befinden, um mich über diese Gräber betend hinzustrecken und mir dort ein Grab auszuhauen. Was aber soll ich über das Land mitteilen? Denn groß ist die Verlassenheit und unermeßlich die Verwüstung. Als allgemeine Regel gilt: Je heiliger eine Stätte, desto größer ist ihre Verödung; Jerusalem mehr verwüstet als das übrige Judäa und dieses mehr als Galiläa. Trotz dieser Verwüstung aber ist es ein gesegnetes Land. Es (Jerusalem) hat 2000 Einwohner, darunter 300 Christen, die dem Schwerte des Sultans entronnen sind. Juden sind dort keine, denn als die Tataren gekommen sind, sind jene entflohen. Ein Teil wurde ermordet. N u r z w e i Brüder wohnen dort, die das Geschäft der Färberei ausüben. In ihrem Hause versammeln sich an Samstagen andere Juden zum Gottesdienste. Diesen sprach ich Mut zu. Wir fanden ein ödes Haus mit Marmorsäulen und schönen Gewölben und nahmen dasselbe als Synagoge in Besitz. Denn die Stadt ist öde, undwervondenRuinenBesitzergreift, dem gehören sie. Wir spendeten zum Zwecke der Ausbesserung dieses Gebäudes und schickten Boten nach Sichern, um die Thorarollen Jerusalems zurückzubringen, die Rollen, die man beim Einfall der Tataren dorthin brachte. Man ist jetzt in Jeruralem daran, eine Synagoge zu errichten, in der man beten wird. Denn ständig kommen gegenwärtig viele Männer und Frauen aus Damaskus, Aleppo und anderen Ortschaften nach Jerusalem, um die Stätte des Heiligtums zu sehen und daselbst zu klagen. Der Ewige aber, der mich für würdig befunden hat, die Stadt in ihrer Verwüstung zu sehen, er möge mich auch beglücken, sie wieder aufgebaut und hergestellt zu sehen . . In diesem und in dem anderen Briefe sehen wir den vor Gram gebeugten Mann fast zu heroischer Größe emporsteigen. Nachmani beklagt den traurigen Zustand der Heiligen Stadt und des Landes, aber er läßt nicht seinem Kummer allzu freien Lauf, er legt nicht verzagt die Hände in den Schoß. Kaum einige Tage erst in Jerusalem weilend, nimmt er ein leerstehendes Haus in Besitz und restauriert es; die verödeten Stätten werden bevölkert und die verlassenen Wege wieder von Juden belebt. Nachmani hatte offene Augen für die geographischen und sonstigen Zustände des Landes und benützte diese Kenntnis auch bei der Beendigung seines Bibelkommentars. In dem Briefe, in dem er seine Eindrücke über Erez Israel niederlegte, berichtet er auch über eine alte, jüdische Münze, die man gefunden hatte. „Gelobt sei der Ewige, daß es mir gegönnt war nach Akko zu kommen. Dort sah ich im Besitze der Vornehmen des Landes eine silberne Münze. Auf der einen Seite war ein blühender Mandelstock eingraviert, auf der anderen eine Art Gefäß, ferner führte die Münze eine deutliche Inschrift auf den Rändern. Man zeigte sie den Kuthäern und diese verstanden es, die Schrift zu entziffern. Denn es war die jüdische Schrift, die ja auch die Kuthäer, wie es im Talmud Sanhedrim heißt, benützten. Sie lasen an der einen Seite „Schekel ha-schkalim (soll richtig heißen Schekel Israels); auf der Kehrseite der Münze aber Jeruscholaim ha-kdoscha (das heilige Jerusalem) Nachmanides hielt auch weiterhin, bis zu seinem Tode (1 270), Verbindung mit seiner Heimatsgemeinde, und verstand es, Sehnsucht und Interesse für Erez Israel zu wecken. Seine Bemühungen waren von großem Erfolge gekrönt, bald strömten von allen Seiten jüdische Pilger nach Jerusalem. Die inzwischen gegründete Hochschule zog viele Jünger an, wodurch wieder neues Leben die verödete Stadt durchpulste. Nachmanides war ein Philosoph des Lebens, scheinbar voller Gegensätze, wie ja auch das Leben reich an Gegensätzen ist und doch reifte er zu einer in sich geschlossenen, vollkommen harmonischen Persönlichkeit. Ihm ist es zu danken, daß im jüdischen Jischuw Erez Israel keine nennenswerte Unterbrechung eingetreten ist und die historische Kette niemals unterbrochen wurde.