Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 3 (März 1925)
- Article
- Von den Katzen, die nicht mausen wollten
- Date
- 1925-03-01
- Page
- Seite 71 (sequence 1)
- Language
- German
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MENOR AH 71 W^Wl^^.^ V. WsMMm Von den Katzen, die nicht mausen wollten Von MAX NORD AU* Fortsetzung und Schild.', Miese ging ganz sachte, um sie nicht durch hurtige Bewegungen zu erschrecken, auf sie zu strich ihr mit der Samtpfote über den Rücken, leckte ihr mit der rauhen Zunge leicht die Schnauze und sagte: ,,An mein Herz, Bruder, dies ist der schönste Tag meines Lebens." Der Maus zitterte zwar das Herz im Leibe, sie ließ sich aber nichts merken, sondern ertrug tapfer die Liebkosung der Katze und erwiderte sie sogar schüchtern. Bei diesem Anblick brachen die Mäuse in Hochrufe aus und eine ganze Anzahl näherte sich mutig den Katzen. Wenige Augenblicke drängten sich ältere und junge Mäuse in fröhlichem Getümmel um die fünf Katzen, tauschten mit ihnen Umarmungen und Küsse aus, zogen mit ihnen jauchzend im Speicher hin und her und riefen den Ängstlichen, die dem neuen Schauspiel vorsichtig aus ihren Schlupflöchern zusahen, übermütig zu: Alles heraus, Memmen! Die Katzen sind unsere besten Freunde! Ihr beleidigt sie durch eure Zurückhaltung! Es leben die Katzen! Hoch die Brüderlichkeit!" Das dauerte eine Weile, dann nahm eine der jungen Mause das Wort: ,,Liebe Brüder und Schwestern: Liebe um Liebe! Treue um Treue! Haben die Katzen ihr altes Unrecht eingesehen, so wollen "wir es ihnen ohne Vorbehalt verzeihen. Wir tragen ihnen nichts nach und künftig wollen wir ein Herz xmcl eine Seele sein. Laßt uns sie zu Ehrenmäusen ernennen. Der Unterschied der Abstammung sei vergessen. Ihre fremde Herkunft sei ihnen unter uns nie vorgeworfen. Wir wollen unseren Ehrenmäusen immer brüderlich begegnen und ihnen volles Bürgerrecht unter uns einräumen." Purr und Murr sahen einander betroffen an, Miese aber rief begeistert: „Wir werden stets bestrebt sein, uns des Namens von Ehrenmäusen würdig zu erweisen." Eine alte Maus warnte vor Übereilung und verlangte, daß die Ehrenmäuse sich die Krallen abnagen sollten, che sie zum Bürgerrecht im Mäusevolke zugelassen würden, aber die jungen Mäuse schrien den rückschrittlichen Sauertopf nieder, warfen ihm sein Mißtrauen vor, riefen ihm zu, er solle sich schämen, das Mäusevolk dürfe sich von den Katzen an Großmut nicht überbieten lassen, es müsse Schuldbekenntnis und Reue der Katzen in vornehmer Gesinnung empfangen, und der Antrag auf Verleihung des Bürgerrechtes an die Katzen wurde mit gewaltiger Mehrheit angenommen. „Und nun", riefen einige junge Mäuse, „wollen wir diese geschichtliche Stunde durch ein großes Festmahl feiern. Kommt, liebe Ehrenmäusc, wir teilen brüderlich mit euch, was wir haben." Diese Einladung gefiel den Katzen sehr wohl, am meisten Purr, dem der Magen knurrte, da seine gewohnte Essenstunde *) Aus: Märchen, seiner Moxa von ihrem vierten bis zu ihrem zwölften Lebensjahre erzählt. Otto Hendel Vorlag, Berlin. Preis: Halbleinen 6 M., Ganzleinen 7 M. schon lange vorbei war. Er sah sich mit großen Augen um, fegte mit dem Schwänze hin und her und fragte erwartungsvoll: „Wo gibt es etwas zu schnabulieren?" Die Mäuse piepsten lustig und eine erwiderte: „Siehst du es denn nicht? Du hast ja alles in Hülle und Fülle vor dir." Purr witterte und äugte nach allen Seiten und sagte ärgerlich: „Ich rieche nichts und ich sehe nichts." Die Maus antwortete: „Ist es möglich! Du stehst vor einem Berge des schönsten Weizens, clu siehst, wie unser ganzes Volk schmaust, und du findest nichts, um deinen Hunger zu stillen?" Purr machte böse Augen und begann zu pfauchen. „Du willst mich wohl zum Narren halten", murrte er. Miese legte sich ins Mittel. „Lieber Volksgenosse", sagte sie zu der Maus, „mit eurem Weizen können wir nichts anfangen. Das ist für uns kein Essen." „Da seht mal die Kostverächter!" rief eine vorlaute Maus. „Ihr wißt nicht, was gut ist", fiel eine andere ein. „Was möchtet ihr eigentlich? Wohl ein junges Mäuschen?" ließ sich eine dritte schnippisch vernehmen. Andere Mäuse verwiesen ihnen jedoch diese unfreundlichen Reden und bemerkten, zu den Katzen gewendet: „Verzeiht diese Flegeleien und laßt sie euch nicht nahegehen. Alle verständigen Mäuse mißbilligen sie. Wir kennen euern Geschmack noch nicht. Was eßt ihr, wenn ihr den Weizen nicht mögt?" „Könnten wir vielleicht etwas Ochsenlunge haben?" fragte Miese. Die Mäuse sahen einander an und antworteten: „Ochsenlunge? Was ist das? Das kennen wir nicht." „Oder ein wenig Milch?" meinte Liese. „Mäuse trinken nicht. Hier gibt es keine Milch", lautete die Antwort. „Wollt ihr vielleicht Nüsse haben? Das ist das köstlichste, was es gibt; wir haben nicht viel davon, aber wir geben es euch grn." „Nüsse? Nein", erwiderte Hinz; „mit Nüssen spielt man, aber man ißt sie doch nicht." Die Mäuse lächelten. Eine bemerkte: „Wenn ihr vielleicht Speck vorzieht —" „Speck! Vortrefflich! Her damit!" riefen alle fünf Katzen zu gleicher Zeit und richteten erfreut ihre Schwänze kerzengerade auf. Die Mäuse schafften eifrig Spcckwürfelchen herbei, über die die Katzen mit solcher Hast hcrfieln, daß die Mäuse erschraken und in ihre Löcher liefen. Im Nu war alles verschlungen und Purr schrie: „Noch!" Die Mäuse, die entsetzt zugesehen hatten, antworteten: „Ist es möglich! Das war unser ganzer Wintervorrat. Und ihr habt ihn auf einen Sitz aufgefressen?" „Hütet eure Zungen, ihr Flegel!" brauste Murr auf. Miese beschwichtigte ihn und bemerkte, zu den Mäusen gewandt: „Nichts für ungut. Wir waren vom weiten Weg etwas PURIMVERKLEIDUNG" ausgehungert. Und um die Wahrheit zu sagen, wir sind es noch. Wenn ihr uns vielleicht sagen wollt, wo man diesen schönen Speck findet —■" Es kam lange Zeit keine Antwort. Die Mäuse steckten die Köpfe zusammen und llüsterten miteinander. Schließlich ließ sich eine alte vernehmen: „Im Bauernhaus drüben ist eine Kammer. Die hängt voll Speckseiten!" „Schnell! Laßt uns hinüberlaufen!" rief Purr. „Gemach", erwiderte die alte Maus. „Das geht nicht so. Ihr könnt überhaupt nicht hinein, denn die Tür ist geschlossen. Wir haben einen Gang in die Kammer gegraben, aber der ist für euch zu eng." „So tut uns den Gefallen und geht selbst hinüber, um uns noch etwas Speck zu holen", sagte Miese. „Wir werden uns hüten", riefen wohl zehn Mäuse auf einmal. „In der Speckkammer gehen zwei niederträchtige Katzen um und wir können uns nur hineinwagen, wenn diese blutigen Mörder ausgegangen sind." Die Katzen machten eigentümliche Gesichter, als sie so von ihrer Sippe sprechen hörten. Eine Maus bemerkte es und sagte rasch: „Ihr seht, wir erweisen euch die Ehre, euch vollkommen als Mäuse anzusehen. Ein hartes Wort gegen Katzen kann euch nicht beleidigen, denn ihr habt ja mit diesen elenden Banditen nichts mehr gemein." „Das ist wahr", sagte Miese. „Aber ich dachte, ihr würdet uns zuliebe etwas milder von den Katzen denken und zugeben, daß sie nicht alle elende Banditen sind." „Ihr werdet doch das scheußliche Katzcnvolk nicht verteidigen wollen, ihr, die wir eben zu Ehrenmäusen ernannt haben?" schrien aufgebracht einige Mäuse. Miese sah, daß die Unterhaltung eine üble Wendung zu nehmen drohte, und schwieg lieber. Inzwischen hatten die Mäuse ihren Schmaus beendet, zogen sich satt und vergnügt in ihre Löcher zurück und wünschten von dort den Katzen gute Nacht. Diese blieben allein im Speicher zurück, schauten