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Menorah · 1925-03-01 · Heft 3 (März 1925) · p. Seite 70

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 3 (März 1925)
Article
Unsere Mutter
Date
1925-03-01
Page
Seite 70 (sequence 2)
Language
German
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70 MENORAH sie das Bedürfnis nach Schlaf hatte, denn sie wurde natürlich nie geweckt. Als sie eines Nachts bis zwei Uhr wach waren — es war knapp vor der Hochzeit — wettete ihr Verlobter mit ihr, daß sie bis mittags nicht aufwachen würde. Sie verlor die Wette, aber sie weinte wie ein Kind, als sie sie verlor. Sic war drei Monate über sechzehn Jahre alt, als sie heiratete! Die Hochzeitsreise ging zu Wagen — damals gab es noch keine Eisenbahn in jenen Regionen — über Brody und Lemberg nach Wien. Darauf freute sie sich kindisch. Erst nach drei Monaten — ein paar Wochen hatte der Vater den Liebling noch in Berdyczew zurückgehalten; er schien zu ahnen, daß er sie nie wiedersehen würde — kam das junge Paar in B. an. Und in welche Verhältnisse! Die Familie des Mannes hatte eine Wohnung gemietet und eingerichtet — drei Stübchen und eine Küche! Ganz nett und gemütlich, aber welch ein Gegensatz zu dem reichen Heim, aus dem sie kam! Klara war betreten, aber sie sagte kein Wort; doch überkam sie ein tiefes Heimweh, eine unendliche Sehnsucht nach ihrem zärtlichen Vater. Die Schwestern ihres Mannes waren alle sehr fleißige, tüchtige Mädchen, die — man denke! — zu jener Zeit sogar selbständig ein Engrosgeschäft leiteten. Eine von ihnen besorgte den Haushalt. Es waren brave Menschen, aber in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, an Arbeit gewohnt; sie kannten weder Zerstreuung, noch Luxus. Als die Aussteuer ausgepackt wurde und die seidenen Kleider, die feine, spitzenbesetzte Wäsche zum Vorschein kam, wurden ihre Gesichter immer länger und länger. „Wer wird ihr das waschen und bügeln?" flüsterte eine der anderen zu und Klara verstand und schwieg mit zuckenden Lippen. Im Juni des Jahres 56 hatte sie geheiratet, im Aoril 57 kam ihr erstes Kind zur Welt, ein Knabe. Das erlebte der Vater in Berdvczew noch. Er konnte bei seinem Alter die lange, beschwerliche Reise nicht mehr machen, aber er lud Tochter und Schwiegersohn und Enkelkind zu längerem Aufenthalt ein. „Bringt nur ruhig die Amme mit," schrieb er; „ihr wißt ja, es ist reichl'ch Platz." Aber es war keine Amme da, die junge Frau nährte ihr Kind allein; der Arzt sowohl, als die Schwägerinnen hatten das für selbstverständlich gehalten. Das Stillen nahm die zarte iunge Frau so her, daß der Arzt gegen eine Reise war — sie wurde also auf den nächsten Sommer verschoben. Im nächsten Sommer war der alte Herr bereits tot und der zweite Junge, der im November zur Welt kam, wurde schon nach ihm benannt. Mutter erzählte uns oft, welch harte Enttäuschung es ihr gewesen sei, daß sie den geliebten Vater nie wiedergesehen hatte, nie wieder in ihre Heimat zurückgekehrt war. Aber wie wäre das möglich gewesen? Und nun, da der Vater nicht mehr lebte, hätte es ja auch keinen rechten Sinn mehr gehabt und anderthalb Jahre später war das dritte Kind da, ein Mädchen. Und so ging es fort, bis das Dutzend voll war. Sie muß ihrer Mutter ähnlich gesehen haben, die sie so früh verlor: sie war brünett, hatte herrliche schwarze Augen, eine längliche schmale Nase. Etwas übermittelgroß, schlank, wurde sie auch im Alter nie stark und bewahrte sich bis zuletzt eine große Anmut im Wesen und in ihren Bewegungen. Mutter hatte wundervolle Augen. Wie Mommsen, wie Goethe im Alter. Als ihr Haar schon weiß war, die Augen aber immer noch jung und frisch blickten — sie nahm einmal ein Dienstmädchen auf, das treuherzig erklärte, sie habe noch nie so schöne „junge" Augen gesehen bei schneeweißem Haar — arbeitete ich einmal mit meinem Manne im Large Room des Britischen Museums in London. Da kam ein alter Herr herein mit schneeweißem Haar, einer kühnen Nase und wundervollen Augen und setzte sich mir gegenüber. Ein Raunen und Flüstern ging durch den Saal, in dem es sonst immer mäuschenstill war. „Mommsen!" drang es an mein Ohr. Ich aber betrachtete wie gebannt mein Gegenüber und konnte den Blick nicht mehr von ihm wenden: die Augen meiner Mutter blickten mich aus seinem Gesicht an. Mein Mann saß neben mir und auch sein Blick fiel zuweilen auf den großen Gelehrten. Als wir mittags hinaustraten, fragte ich meinen Mann, an wen ihn wohl Mommsen erinnert habe. „An Mutter," antwortete er; „eine fabelhafte Ähnlichkeit." Mutter besaß keinen Funken weiblicher Eitelkeit. Nie habe ich sie auch nur eine Minute lang vor dem Spiegel verweilen sehen. Immer betonte sie uns gegenüber, ein Mädchen müsse stets nett und sauber sein, aber Eitelkeit sei läppisch und ihr in der Seele zuwider. Als wir Töchter erwachsen und verheiratet waren, suchten wir sie dazu zu bewegen, ein weißes Kleid oder einen runden Hut zu tragen. Das war vergebliche Mühe. Sie trug immer einen kleinen Frauenhut, immer ganz dunkle Kleider. Wir führten ihr andere Frauen an, die älter waren und jugendlicher gekleidet als sie, es nützte alles nichts. Zu unserem Schmerze. Wir waren so unbändig stolz auf sie. Sie begriff nicht, daß es Frauen gab, die sich für jünger ausgaben. Man hielt sie gar oft für unsere Schwester. Einst geriet sie im Wartezimmer eines Wiener Professors, wo sie mit ihrem ältesten Sohne wartete, mit einer Dame ins Gespräch, die sie fragte, ob ihr Begleiter ihr Mann sei. Darauf antwortete sie schelmisch: „Mein Mann? Nein, mein Vater!" Wenn man sie fragte, wie alt sie sei, sagte sie sicher immer ein paar Jahre mehr, und wenn wir uns darüber ärgerten und ihr Vorwürfe machten, so erwiderte sie lachend: „Mit einer solchen Kinderschar müßte ich mich ja schämen, zu sagen, daß ich erst dreißig Jahre alt bin." Mutter hatte eine prägnante Ausdrucksweise, die stets den Nagel auf den Kopf traf; sie las viel, interessierte sich sehr für Politik, sprach ein gutes Deutsch, wenn auch nicht ganz akzentfrei. Das merkte man besonders am H, das sie wie alle Russen wegließ, wo es gesprochen werden sollte und hinzufügte, wohin es nicht gehörte. Aber wir Kinder waren so verliebt in sie, daß wir natürlich auch das reizend fanden, und oft neckten Avir sie, indem wir zum Beispiel sagten: „Mutterle, geh' doch mit uns ins Herzbrünnel," wobei wir das H noch besonders betonten. Es hieß nämlich ,,Erzbrünner'. Oder wir fragten, ob wir nicht zu „Echt" gehen sollten, um Kohlen zu bestellen. Der Mann hieß „Hecht". Da lachte sie jedesmal, drohte uns zuweilen auch mit dem Finger ob unserer Respektlosigkeit. Sie war streng gegen uns Kinder, aber auch gegen ihre Enkel, wenn auch gegen diese schon etwas nachsichtiger. Urenkel hat sie leider nicht mehr erlebt: zwei Monate nach ihrem Tode kam unser erstes Enkelkind, Hannah Klara, zur Welt. Wie hat sie sich auf dieses Kind gefreut! Und als ich ihr einmal sagte: „Hoffentlich wird es ein Mädchen, dann lassen wir vier, du, ich, Paula und das Kind, uns zusammen photographicren, und du, Mutterle, wirst die Schönste sein!" Da lachte sie, wehrte aber ab, wie immer, wenn man ihr eine Artigkeit sagte. (Fortsetzung folgt.)

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