Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 3 (März 1925)
- Article
- Unsere Mutter
- Date
- 1925-03-01
- Page
- Seite 69 (sequence 1)
- Language
- German
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M E N O R A H 69 js 10 zaj Unsere Mutter Von A. K. Ihm, der meinem Lehen erst Sinn und Inhalt gnh. VORWORT. Unsere Mutter war keine berühmte Frau, keine Künstlerin, keine Wohltäterin der Menschheit. Aber sie hatte einen durchdringenden, klaren Verstand, einen starken Geist, ein goldenes Herz: sie war im vollsten Sinne des Wortes eine Persönlichkeit. Als sie einst auf der Reise von Bansin nach Bielitz erkrankte und in das Breslauer Krankenhaus gebracht wurde, erhielt sie vom Primarius den Namen „Maria Theresia". Und als sie starb, da schrieb ein Professor meinem Manne, auf diese Frau müsse man die Worte Horaz' anwenden: „Aufgebaut hab' ich ein Werk, dauernder als Erz und höher als Paläste und Pyramiden." Jahrelang habe ich mich mit dem Plane getragen, dieses Leben zu schreiben, dessen Inhalt fast nur Mühe und Arbeit gewesen, das aber die höchste und schönste Erfüllung des Erdendaseins war. Ich habe es aus der Fülle meines Herzens geschrieben, es hat mir unsägliche Befriedigung gewährt, es war für mich eine Fahrt nach der Jugend. Wenn es mir gelungen ist, auch andere Frauen, andere Mütter, andere Töchter für dieses reiche Leben zu interessieren, dann ist meine Aufgabe erfüllt*). I . Kapitel. AUS DEN KINDERSCHUHEN IN DIE EHE. Klara wurde im Jahre 1840 als das jüngste Kind des wohlhabenden Kaufmannes Moses Meier Schwarzberg in Berdyczew geboren. Oft erzählte sie uns Kindern, welch wunderschöner, hochgewachsener Mann ihr Vater gewesen sei: breitschulterig, blond, mit rosiger Hautfarbe, mit strahlenden blauen Augen. Und voller Humor, nie übellaunig. Er hatte zwei Frauen gehabt; von den fünfzehn Kindern, die beide ihm geschenkt hatten, waren nur vier übrig geblieben. 1. Ch. Braunstein, wahrscheinlich eine Verwandte Trolzkijs, der ursprüglich denselben Namen führte; 2. Sofie, die Gattin des Spediteurs Carl Sch. in Leipzig; 3. aus zweiter Ehe: Osias, der einzige ♦) Die Veröffentlichung dieser bisher angedruckten Biographie erfolgt in einer Reihe von in sich geschlossenen Kapiteln, die in regelmäßiger Folge in der Menorah er- Sohn, der in seiner Vaterstadt blieb und das Geschäft des Vaters übernahm; 4. Klara, unsere Mutter. Ihr Vater vergötterte sie, war maßlos stolz auf ihre Schönheit und Klugheit. Allen Leute, mit denen er zusammentraf, erzählte er eine Episode aus dem Leben des Kindes, „MEINE MUTTER" als es fünf Jahre alt war. Er brachte eine Handvoll neugeprägter glänzender Silberrubel nach Hause und sagte zu Klara: ,,Du bekommst einen davon, wenn du dir ein ganz klein wenig mit der brennenden Zigarre den Finger anrühren lassen willst." Das Kind war sofort einverstanden. Ei kam mit der Zigarre nahe, sie zog die Hand nicht zurück. „Klara, ich bin schon ganz nahe!" warnte er sie. „Macht nichts", lautete die Antwort. „Jetzt wird's aber wirklich Ernst", drängte der Vater. Sie zuckte nicht mit der Wimper. Natürlich warf er die Zigarre weg, umarmte und küßte sie und schenkte ihr die ganze Handvoll neuer Rubel. Aber er fragte sie nachher, wie es denn nur möglich gewesen sei, daß sie keine Angst ausgestanden habe. „Weil ich gewußt hab*, du tust mir nichts!" antwortete das Kind. Das hörte Vater, als er das erstemal mit unserem Großvater in geschäftliche Beziehung trat. Als junges Mädchen durfte sie tun und lassen, was sie wollte. Nur nicht viel lernen durfte sie, um sich nicht übermäßig anzustrengen, und so gipfelte ihre Bildung darin, daß sie den Monolog aus „Maria Stuart", „Eilende Wolken, Segler der Lüfte", vortragen, ein paar französische Redensarten anwenden, eine hübsche Weiß- oder Perlenstickerei anfertigen konnte. Sonst war sie absolut unwissend, im Haushalt vollständig unerfahren. Man ließ sie zu Hause nicht einmal ein Stükchcn Schwarzbrot essen, <ius lauter Angst, sie könnte sich den Magen verderben — wie hätte man ihr da gestatten sollen, sich in Küche und Keller umzusehen! Sie erzählte uns, wie sie manchmal auf ein Stück Schwarzbrot Lust hatte, es aber nie bekam. Da bestach sie die Köchin mit einem blanken Rubel und erhielt ein „Scherzel" dafür — so entwickelte sich ein schwunghafter Handel zwischen ihr und der Köchin. Sie trug nur Seidenkleider, schon als ganz junges Mädchen. Einmal bekam sie von ihrem Vater ein prachtvolles gesticktes japanisches Seidentuch. Sie ging zu einer Freundin, um es ihr zu zeigen; dann spielten sie im Garten und achtlos hängte sie das kostbare Tuch auf den Zaun. Als sie nach Hause wollte, war es weg, gestohlen. Sic machte sich nicht viel daraus, sondern sagte es einfach dem Vater, der ihr natürlich ein neues versprach. Es war damals noch nicht Sitte, sich allwöchentlich von der Zunahme eines Säuglings zu überzeugen; der kleine Osias aber wurde im ersten Lebensjahr allmonatlich gewogen und das ganze erste Jahr hindurch eine Summe an Arme verteilt, die seiner Zunahme in Silber gleichkam. Am Freitag abend war ein langer, langer Tisch gedeckt und jeder Arme durfte kommen, niedersitzen und essen. Die Mutter starb, als Klara zwölf Jahre alt war. Sie erzählte uns oft, wie die ganze Straße voll war von jammernden Weibern, die am Begräbnistage ihre Wohltäterin betrauerten. Als Klara heranwuchs, war ihr junges Leben eine Kette von Zerstreuungen; sie fuhr fast täglich aus, machte jeden Tag einen Besuch oder empfing ihre Freundinnen. Pflichten gab es keine, Arbeit noch weniger. Sic hat uns selber eingestanden, daß sie keine Ahnung davon hatte, wie man zum Beispiel Kaffee kochte; Tee wurde im Zimmer auf dem Samowar gemacht, den verstand sie zu bereiten. Sonst nichts. Welch ein Kind sie war, als sie bereits verlobt war, davon mag folgende Episode Zeugnis geben. Sie schlief, wenn sie cpät zu Bett ging, am folgenden Tage, solange