Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 3 (März 1925)
- Article
- Der Anteil der Juden an den Naturwissenschaften
- Date
- 1925-03-01
- Page
- Seite 67 (sequence 1)
- Language
- German
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MENORAH c * ^lm^3<£azä-M" -^/,!*n ' J Wilhelm Löwinger / Der Anteil der Juden an den Naturwissenschaften PROLEGOMENA ZU EINEM THESAURUS BERÜHMTER JUDEN (Fortsetzung.) 4. CHEMIE. Welche Bedeutung die deutsche Farbsloffchemie für den deutschen Exporthandel besitzt, ist eine allgemein bekannte Tatsache. Weniger bekannt ist es, daß der erste, dem die synthetische (künstliche) Darstellung des Alizarins gelang, der Jude Karl Liebermann (1842—-1914) war. Liebermann, ein geborener Berliner, Professor der Chemie zu Berlin und Präsident der deutschen chemischen Gesellschaft, der 1869 mit G r a c b e zusammen die erwähnte bedeutungsvolle Entdeckung machte, arbeitete auch noch über che Alkaloicle, die Kochenille, Opiansäure, Zimtsäure. E,r hat die organische Chemie um eine Reihe wertvoller Entdeckungen bereichert. — Ebenso verdient um die Chemie war M at t h i a s Eugen Oskai; Liebreich (1839 bis 1908), ein Königsberger, der Bruder des berühmten Augenarztes Richard Liebreich. Auch Oskar war ursprünglich Mediziner, ging dann zur Pharmakologie über und machte mehrere wertvolle Entdeckungen. So wies er das Protagon, einen Stickstoff- und phosphorhaltigen Körper, als die wesentlichste Substanz des Gehirns nach, entdeckte die Eigenschaft des „toten Raumes" bei chemischen Reaktionen, die schlafbringende und schmerzstillende Wirkung des Chloralhydrats und vieles andere. Sein Hauptwerk ist die große ,,Enzvklopädie der Therapie" (1895 ii.). — Für die Sodaindustrie in England wurde der Brcslauer Georg Lunge (geboren 1839) voji hoher Bedeutung. — Heinrich Gustav Magnus (1802—1870), ein Berliner, der Bruder des Malers Eduard Magnus, Professor der Physik und Technologie in Berlin, bereicherte che Chemie und Physik mit einer großen Reihe vortrefflicher Untersuchungen. So bestimmte er den Ausdehnungskoeffizienten mehrerer Gase, die Spannkralt der Dämpfe, konstruierte ein Thermometer für Temperaturbestimmungen in Bohrlöchern, arbeitete über Magnetismus, Thermoelektrizität, Hydraulik, Elektrolyse, untersuchte die Absorptionsfähigkeit des Blutes für Sauerstoff und Kohlensäure usw. Er war ein Vertreter der experimentellen Forschung, deren Bedeutung gegenüber der Spekulation er stets vertrat. — Auch V i ktor Meyer (1848—1897), Professor der Chemie in Heidelberg, und Adolf P i u n c r (geboren 1842) sind noch erwähnenswert. Besonders bedeutend ist aber Richard Will stätter, 1872 in Karlsruhe geboren, seit 1896 Dozent und später Professor in Müiuhen. I c> I 5 ohielt er für seine Verdienste urn die Chemie den Nobelpreis und — 1924 — das consilium abdicandi von den Münchener nationaldeutschen Z.eloten, eine Affäre, die dann anscheinend — nicht zu besonderer Ehre für seine Feinde — beigelegt wurde. Willsiätter, ein au! rechter Mann, durch und durch Gelehrter, arbeitete über die Konstitution und Synthese der .Alkaloicle, besonders Atropin und Kokain, über Chinone und Farbstoffe, zyklische Kohlenwasserstoffe, Chlorophyll und andere tierische und pflanzliche Pigmente. Unduldsamkeit deutscher Judenfeinde und Nobelpreis — che Nachwelt wird richten! PROFESSOR RICHARD WILLSTÄDTER 5. ANATOMEN, PHYSIOLOGEN UND ÄRZTE. Der Senior unter den jüdischen Physiologen der neueren Zeit war Gabriel Gustav V a 1 e n t i n, ein «ebürtiger Breslauer, der 1810 bis 1883 lebte. 'Er war zuerst praktischer Arzt in seiner Heimat, erhielt aber 1836 die Professur für Physiologie an der Universität in Bern. In Deutschland hatte sich Alexander von Humboldt vergeblich bemüht, ihm ein Lehramt zu verschaffen. Sein Ffauptarbeitsgcbiet war die Physiologie der Verdauung, des Stoffwechsels, des tätigen Muskels und anderer ähnlicher Vorgänge. Für seine Publikation ,,Historiae evolulionis systematis museuiaris prolusio" erhielt er einen Preis von der — Pariser Akademie der Wissenschaften. Von seinen sonstigen zahlreichen Schriften war das ..Lehrbuch der Physiologie des Menschen" (in 2. Auflage, Braunschweig 1830) lange Zeit beliebt. Am wichtigsten von Valentins Entdeckungen ist diejenige der Himmerbewegung des Epithels. Ein äußerst vielseitiger Forscher war M o r i t /. Schiff (1823 bis 1896), ein Frankfurter, der ebenfalls als Professor in der Schweiz endete. Daß er wissenschaftliche Werke in deutscher, französischer und italienischer Sprache schrieb, sei bloß nebenbei erwähnt. Er arbeitete hauptsächlich über Veränderung der Nerven bei Degeneration und Regeneration, über che Funktion des Kückenmarkes, die Erregbarkeit des Kleinhirns, Übertragung von Sinnesreizen aul da:- Gehirn, weiter über Funktion der Miiz. Gallenbildung und andere. Von seinen Vv crken sind seine „Untersuchungen zur Physiologie des Nervensystems" (Frankfurt 1853) grundlegend geworden. Wundt würdigt in seinen ,.Grundzügen der phvsiologischen Psvchologic" (5. Auflage, Leipzig 1903) Schiffs Verdienste cmgehendst.—Weiler sind zu erwähnen die beiden H e i d <• n h a i n, Vater und Solin. Rudolf Heidenhain (1834 bis 1897), wieder ein Breslauer — die Stadt Breslau brachte, wie man sieht, eine ganz erkleckliche Anzahl hervorragender Juden hervor — war Physiolog, seit 1839 Professor der Physiologie und Histologie in Breslau. Er lieferte besonders Untersuchungen über die Wärmeentwicklung in den Muskeln und über die Absonclerimgs\ orgänge in den Drüsen und gab, von zahlreichen Publikationen abgesehen, die ,.Studien des Physiologischen Instituts zu Breslau" (4 Bände, Leipzig 1861 bis 1868) heraus. Sein Sohn Martin, geboren 1864, ist Anatom und seit 1899 Professor in Tübingen und arbeitete hauptsächlich über Zellen und Drüsen, zuletzt auch über Chemie der Färbungen. Von seinen Werken sind „Über Kern und Protoplasma" (Leipzig 1892) und „Über chemische Umse tzungen zwischen Eiweißkörpem und Anilinfarben" (Bonn 1902) epochemachend geworden. — Julius B e r nstein (1839 bis 1917), aus Berlin, war 1873 bis 1911 Professor der Physiologie in Halle und Leiter des dortigen physiologischen Instituts. Er war der Sohn des bekannten Ghettodichters und naturwissenschaftlichen Schriftstellers Aaron Bernstein (Pseudonym A. Rebenslein). Bernsteins Verdienst war es, zuerst über die elektrischen Ströme m den Nerven gearbeitet zu haben. Sem Hauptwerk ist ein ausgezeichnetes ..Lehrbuch der Physiologie". Über ihn schrieb der bekannte Wiener Naturforscher Erich 1 schermak vor wenigen Jahren eine seine Verdienste um die Physiologie würdigende Monographie. Von den anderen seien noch der Gehirnphvsiolog H e r m a n n Münk (1839 bis 1912), sein Bruder 1 mmanuel Münk (1832 hv, 1903), gleichfalls Phvsiolog und Isidor Rosenthal (18 36 bis 1 9 I 5 ), ein als Autorität auf dem Gebiete der Nervenphysiologie geltender Gelehrter, erwähnt. Alle diese Gelehrten bekleideten Lehrkanzeln an deutschen Universitäten —-- o tempora, o mores! Wollte ich nun noch alle bedeutenden Ärzte jüdischer Nation erwähnen, so w ürde