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Menorah · 1925-03-01 · Heft 3 (März 1925) · p. Seite 66

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 3 (März 1925)
Article
Gilgul
Date
1925-03-01
Page
Seite 66 (sequence 2)
Language
German
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66 M E N O R A H in dem die Gäste des Hauses empfangen wurden, und das Studierzimmer.4' „Mag sein, daß sich alles so verhält", sprach Reb Joel nachdenklich. „Ihr müßt mir Einlaß in das Haus verschaffen", fuhr Elieser fort. „Ich werde bei der Gemeinde den Schlüssel bekommen, dann kannst du alle Räume besichtigen", erwiderte Reb Joel. XXXI Nur mühsam gelang es den beiden Männern, Elieser fortzuziehen. Reb Joel führte Elieser zu einem Vorstandsmitglied der Judengemeinde, der etwas mehr von dem Besitzer des Hauses zu erzählen wußte. „Der Mann, der einst dieses Haus bewohnte, war ein großer Arzt und Gelehrter. Er stammte aus der Pfalz und sein Name war Jakob Germann. Die Juden dieser Stadt waren stolz auf ihn und in wichtigen Talmudfragen holten sie stets seinen Rat ein. In der Kabbala und in der Agada war er wie kein Zweiter bewandert. Sein Ruf drang bald auch zu den Andersgläubigen und der Erzbischof wurde auf ihn aufmerksam. Da Germann ein guter Arzt war, protegierte ihn der Erzbischof bei Hofe und Germann wurde Leibarzt des Fürsten. Dadurch gewann er eine einflußreiche Stellung im öffentlichen Leben. Bald verkehrte er nur noch in christlichen Kreisen und nach einiger Zeit kehrte er sich ab von seinem Glauben und nahm die Taufe. Doch nicht genug damit, verfolgte er jetzt seine früheren Glaubensbrüder. Der Erzbischof erkannte seine hohe Begabung und verschaffte ihm ein Kirchenamt. Germann versuchte nun mit aller Gewalt, die Juden zum Christentum zu bekehren und den Juden dieser Stadt widerfuhr viel Leid durch ihn . . ." Der Erzähler schwieg eine Weile und fuhr dann fort: „Ich weiß nur noch, daß er eines frühzeitigen unnatürlichen Todes starb und daß durch Gottes Fügung viel Unheil von den Juden abgewendet wurde. Seine Familie in der Pfalz, die unserem Glauben treu geblieben war, schenkte sein Haus der hiesigen Judengemeinde, doch blieb es bis zum heutigen Tage unbewohnt, denn die Gemeinde weigert sich, die Erbschaft nach dem Abtrünnigen anzutreten." „Dann wird sich wohl auch im Innern des Hauses nichts geändert haben?" fragte Elieser, als der Mann seine Erzählung schloß. „Im Hause ist kein Stuhl vom Platz gerückt worden", erwiderte der Gemeindeälteste. „Es ist alles, so wrie es war. Ein Diener der Gemeinde staubt von Zeit zu Zeit die Möbel und Bücher ab, sonst betritt kein Mensch das Haus. Wenn Ihr Näheres über Jakob Germann erfahren wollt, müßt Ihr ältere Leute fragen." Die drei Männer entfernten sich, und da es vor dem Abendgebet war, begaben sie sich in das alte Bethaus in der Judengasse. Nach dem Gebet trat Reb Joel zu einem Talmudgelehrten heran und sprach: „Könnt Ihr uns Näheres vom Leben und von der Abkehr Jakob Germanns erzählen?" „Als Kind habe ich oft den Namen dieses Abtrünnigen gehört", erwiderte der Gelehrte. „Die Strafe Gottes hat ihn zur rechten Zeit ereilt. Ich will Euch zu einem Manne führen, der sein Zeitgenosse war. Dort werdet Ihr mehr erfahren." Und der Gelehrte geleitete die drei Männer zu einem ehrwürdigen Greise. „Ich habe Jakob Germann in seinen letzten Lebenstagen gesehen", sprach der Alte. „Ich war damals ein Knabe und er im schönsten Mannesalter. Leibhaftig sehe ich ihn vor mir und seine Stimme klingt mir noch im Ohre. Er konnte zu Herzen sprechen, daß man von seinen Worten ganz eingenommen war. Seine Geschichte ist mir wohlbekannt." Der Greis lud die Männer zum Sitzen ein und begann seine Erzählung. XXXII „Als unser alter Rabbi erfuhr, daß Germann seinen Glauben abschwören sollte, schickte er eine Botschaft an ihn, in der er ihn von der Sündhaftigkeit seines Tuns zu überzeugen suchte. »Ein Glied an unserem Körper bist Du und wir wollen Dich retten«, schrieb er ihm. »Kehre zurück vom bösen Weg und es wird Dir verziehen werden, denn Gott ist ein gnädiger Richter. Ein Reuiger ist mehr wert als zehn Gerechte.« Aber der Leibarzt kehrte sich nicht daran und nahm die Taufe. Doch nicht genug damit, suchte er seinen früheren Glauben zu verunglimpfen. Vor allem richtete sich sein Haß gegen den Talmud und er suchte die Kirchenältesten zu überzeugen, daß der Talmud vernichtet werden müsse. Seine Anklagen fanden Gehör und es erschien ein Gesetz, das die Büttel berechtigte, in alle jüdischen Häuser einzudringen und die Talmudfolianten fortzuschleppen. An allen Orten wurden Scheiterhaufen errichtet, auf denen die heiligen Talmudbücher vor versammeltem Volke verbrannt wurden. Doch nicht genug damit, Germann wollte auch die Talmudlehre schmähen und er bestimmte den Erzbischof, daß er die Juden zu einer Disputation einladen solle. Die Juden wurden gezwungen, ihre Vertreter zu senden, und so versammelten sich denn eines Tages im großen Saale der erzbischoflichen Kathedrale in Lemberg sämtliche Geistliche, ferner die polnischen Adeligen mit ihren Frauen, um der Disputation zuzuhören. Auf der einen Seite des Saales saßen die Talmudverächter mit ihrem Anführer Jakob Germann, auf der anderen die jüdischen Rabbiner, in. weiße Sterbekleider und Gebetmäntel gehüllt. Auf ein Zeichen des Erzbischofs, der den Vorsitz führte, ergriff Germann das Wort, um seine Anklagerede gegen den Talmud zu halten, während vor dem Kloster ein Scheiterhaufen, aus unzähligen Talmudbüchern gebildet, brannte. Durch die Fenster konnte man die Flammen zum Himmel auflodern sehen." „Verzeiht", rief Elieser. „Wart Ihr bei der Disputation anwesend?" „Ich saß im Saale, an der Seite meines Vaters", erwiderte der Alte. „Der große Saal war bis auf das letzte Plätzchen gefüllt", sprach Elieser wie für sich. „In einen reichverzierten Mantel gehüllt, saß der Kirchenfürst obenan und um ihn viele, viele Würfe denträger. Deutlich konnte man im Saal den Feuerschein sehen. * Die jüdischen Redner suchten die Versammlung von der Reinheit und dem tiefen Gehalt des Talmuds zu überzeugen, sie wurden jedoch niedergeschrien." „So war es", bestätigte der Greis. „Man hat Euch genau berichtet. An den Mienen seiner Anhänger erkannte Germann, daß seine Worte Eindruck machten. Als er seine Rede schloß, sprachen einige Rabbiner, doch mußten sie bald erkennen, daß ihre Worte in den Wind gesprochen waren. Schmährufe gegen unsere heilige Lehre wurden ihnen entgegengerufen und sie mußten verstummen. Es sah so aus, als wenn der Sieg auf Seite der Talmudgegner wäre. Doch auf ein Zeichen des Vorsitzenden trat unser alter Rabbiner vor und mit fließenden Worten suchte er den Talmud zu verteidigen. Er begann mit dem hebräischen Satz: »B'chol Dor wodor omdim ulenu lechalosenu, w'hakodausch boruch hu mazilenu mijodom!« (Von Generation zu Generation trachten sie uns zu vernichten, aber Gott, der Allmächtige, errettet uns von jedem Unglück.) (Schluß folgO Frühjahrsneuheiten in hochfeinen Herren- und Damenstoffen, zu noch sehr günstigen Preisen, bei Kann & Fried WIEN, VI, Linke .Wieuzeile 40 (Im Hofe).

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