Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 3 (März 1925)
- Article
- Gilgul
- Date
- 1925-03-01
- Page
- Seite 65 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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M E N O R A H 65 HERMANN BLUMENTHAL / GILGUL Nachdruck verboten Wir hefern allen Abonnen Romanes ..Gilgul" broschiert zu, einsendung des Betrages. Ein Roman aus dieser und jener Welt Copyright by Interterritorialer Verlag ,,Renaissance", Wien '9. Fortsetzung» Vcrzugsfirei schienene Buchausgabe des on Mark V— gegen Vor- „Wohl dem, der den Worten des Weisen lauschen kann**, sprach ein zweiter Mann. Elieser horchte auf und sprach zu sich selbst: „Nah scheint das Ziel zu sein." Viele Zadikim, die ihren Weg nach Brody nahmen, kamen jetzt nach Ulaschkowce. Elieser suchte ihre Gesellschaft auf und hörte ihren Gesprächen zu. Eines Morgens vernahm er im Bethaus, wie ein Zadik zum anderen sagte: „Ich wohne auf dem Dorfe und keine Kunde von der Versammlung der Chassidim drang zu mir, doch plötzlich kam es über mich wie ein Befehl, den Bai Schern aufzusuchen und ich machte mich zur selben Stunde auf den Weg." „Auch mir erging es ähnlich", sprach der zweite Zadik. „Ich lebte in der Einsamkeit und studierte. Da las ich eine Stelle, die ich mir nicht erklären konnte. Nur der Bai Schern selbst könnte mir diese schwierige Stelle deuten, sagte ich mir und verließ mein Haus. Erst auf dem Wege traf ich andere Chassidim, die mir von der Versammlung berichteten." Als Elieser diese Worte hörte, sprach er zu Naftali: „Auch ich will nach Brody, wohin sich diese frommen Männer begeben." Freudig rief Naftali aus: „So willst du endlich die Gaukler verlassen? Du tust recht daran." „Ich habe ihnen genug gedient", sprach Elieser. „Im Hause des Reb Joel wirst du Ruhe und Frieden wiederfinden", sagte Naftali. „Ich fühle es, meine Wanderung ist zvi Ende", erwiderte Elieser. Und die Freunde schlössen sich den Zadikim an, die ihren Weg nach Brody nahmen. XXX Die Freistadt Brody war zu jener Zeit eine blühende Handelsstadt mit großen Geschäften und schonen Häusern. Hier war das Tor zum nahen Osten, durch das die Waren aus Deutschland und Österreich nach dem russischen Reich geführt wurden und zu allen Tagesstunden konnte man vcllbeladene Wagen durch die Verkehrsstraßen fahren sehen. Elieser suchte sich auf dem Wege die Stadt auszumalen, und als er Brody erreichte, war er erstaunt, wie sehr die Stadt, die er nun zu Gesicht bekam, jener glich, die er sich im Geiste vorgestellt hatte. Ihm war, als wenn er vor langer Zeit in diesen Gassen heimisch gewesen wäre, und als sie vor dem Dominikanerkloster mit den hohen Mauern und Basteien standen, war der Eindruck des Erkennens so stark, daß er lange Zeit keinen anderen Gedanken fassen konnte als den: „Nichts Fremdes begegnet mir in dieser Stadt. Es ist als wenn ich vor kurzem hier gewesen wäre und doch weiß ich, daß ich nie im Leben hier geweilt habe." Verträumt schritt er an der Seite Naftalis zum Hause Reb Joels. Es traf sich gut, daß Reb Joel zu Hause war. Freudig umarmte er Elieser und sprach: „Ich wußte, daß du eines Tages zu mir zurückkehren wirst und wartete auf dich." „Sieh, Elieser, Gott hat mich mit Reichtümern gesegnet, aber ich bin alt", sprach er. „Alles was ich besitze, ist dein, denn wie einen Sohn liebe ich dich. Bleibe bei mir, als wenn du mein Sohn wärest." Dann führte er die Freunde in seinem Hause umher. Vom Balkon des Hauses blickten sie auf die Stadt, die sich zu ihren Füßen ausbreitete. Da sagte Elieser: „Ich möchte in diesen Gassen heimisch werden. Wollt Ihr mich in der Stadt herumführen und mir alles Sehenswerte zeigen?" Reb Joel erklärte sich gern hiezu bereit. Am nächsten Morgen geleitete Reb Joel die Freunde durch die Stadt und machte sie mit den wichtigsten Gebäuden bekannt. Dann begaben sie sich in das Versammlungslokal der Chassidim. Aus allen Teilen des Landes waren Anhänger der neuen Sekte nach Brody gekommen und man wartete nur die Ankunft des Bai Schein ab, der den Vorsitz in der Versammlung führen sollte. Die Männer verbrachten indes ihre freie Zeit damit, schwierige Talmudstellen aufzulösen. Die drei Männer machten sich bald wieder auf den Weg. Reb Joel unterhielt sich mit Naftali, während Elieser schweigend einherschritt. Nach einiger Zeit gelangten sie in eine stille Gasse, die fern vom Verkehr lag. Es war eine vornehme Gasse, mit Bäumen bepflanzt; schweigsame Paläste mit Arabesken verziert, von Blumengärten umgeben, reihten sich aneinander. Da schreckte plötzlich Elieser aus seinen Gedanken auf, und blickte mit weitaufgerissenen Augen um sich: „Reb Joel", rief er. „Wo sind wir? Ich kenne diese Gasse." „Es ist eine Gasse der Vornehmen", erwiderte Reb Joel. „Altangesehene Familien haben hier seit vielen Jahren ihren Wohnsitz." „Niemals war ich hier und doch habe ich diese Gasse schon gesehen", murmelte Elieser. „Und ein Haus muß hier sein, einstöckig, mit sechs Fenstern Gassenfront und zwei Steinlöwen vor dem Eingang." Elieser durcheilte die Gasse und hielt vor einem prächtigen Hause an. Ein Zittern ging beim Anblick des Hauses durch seinen Körper. „Hier", rief er und packte die Hand Reb Joels, der ihm gefolgt war. „Hier ist das Haus, das ich Euch beschrieben und das ich schon als Kind in meinen Träumen gesehen habe. Wem gehört dieses Haus?" Reb Joel erwiderte: „Das Haus gehört der Judengemeinde, doch ist es unbewohnt. Der frühere Besitzer ist schon lange tot. Er war königlicher Leibarzt, und nach seinem Tode wurde es von der Familie der Juder gemeinde vermacht." „Ich muß ins Haus", rief Elieser. Er näherte sich dem Tore, ergriff den Türklopfer und schlug an das Tor, doch nichts regte sich. „Kein lebendes Wesen ist im Hause", sagte Reb Joel. „Komm, ich werde dich zu Leuten führen, die dir Näheres über das Haus sagen können." Doch Elieser rührte sich nicht von der Stelle. Immer wieder starrte er zu den geschlossenen Läden empor und murmelte: „Eine Kupferlampe muß in der Vorhalle hängen und die Wände der Halle sind mit Tierbildern bemalt. Im ersten Stock sind die Wohnzimmer, der schwarze Saal, das weinrote Zimmer, HUBNERS KURSALON-RESTAURANT KF FÜR HOCHZEITEN, BANKETTE UND DINERS STEHEN HERRLICHE SÄLE ZUR KOSTENLOSEN VERFÜGUNG TÄGLICH 5-UHR-TEE MIT TANZ. TELEPHON NR. 758 \