Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 3 (März 1925)
- Article
- Legende aus dem Ghetto
- Date
- 1925-03-01
- Page
- Seite 64 (sequence 5)
- Language
- German
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64 MENORAH Da kam ein Stöhnen aus der Brust des hohen Rabbi. Und er sprach das Wort, das den Zauber löste, und das Kind floh zurück in die Heimat der Seelen. * Der hohe Rabbi aber verließ sein Haus und ging einsam durch die nächtlichen Gassen des Ghettos hinab zum Fluß und dem Ufer entlang, an den Fischerhütten vorüber, bis er zur steinernen Brücke kam. Dort unter der steinernen Brücke stand ein Rosenstrauch, der trug eine rote Rose, und an seiner Seite wuchs ein Rosmarin aus der Erde, und sie hielten einander so eng umschlungen, daß die Blätter der Rose die weiße Blüte des Rosmarins berührten. Der hohe Rabbi bückte sich und grub den Rosmarin aus der Erde. Dann nahm er den Bann von dem Haupte des Weibes, das die Ehe gebrochen hatte. Schwarze Wolken jagten über den Himmel, das bleiche Licht des Mondes hing an den Pfeilern und Bogen der steinernen Brücke. Der hohe Rabbi trat an das Ufer und warf den Rosmarin hinab in den Fluß, daß er dahintrieb mit den Wellen und in den rauschenden Tiefen versank. # In dieser Nacht erlosch die Pest in den Gassen der Judenstadt. In dieser Nacht starb in ihrem Haus auf dem Dreibrunnenplatz die schöne Esther, die Frau des Juden Meisl. In dieser Nacht fuhr auf seiner Burg zu Prag des römischen Reiches Kaiser, Rudolf II., mit einem Schrei aus seinem Traum. V. Kurrein / Purim-Gemara Gemara ist die landläufige Bezeichnung für den Talmud, jenes Werk, das in seiner imposanten Größe die ernste Arbeit des jüdischen Geistes vieler Jahrhunderte darstellt. Das Suchen und Ringen der Lehrhäuser Israels nach Wahrheit und Erkenntnis, Scharfsinn und Wissen der Lehrer und Schüler ist darin aufgespeichert. „Gemara" und „Purim" sind zwei Gegensätze. Hier Heiterkeit und ungebundene Lebensfreude, dort Ernst und strenge Wissenschaft. Am Purim ruhten die Forscher von ihrer Arbeit aus, und die -vom angestrengten Denken gefurchten Stirnen glätteten sich in frohem Lachen. Vereinigt bedeuten die beiden Wörter „Purim-Gemara" die Umwandlung der ernsten Lehrhalle zur fröhlichen Sitzung beim Purimmahle. Purim-Gemara ist eine heitere Parodie auf Wissenschaft und Forschung, bei der Gelehrte und Ungelehrte nicht ernst bleiben konnten. „Masechet Purim" oder der Traktat Purim betitelt sich das Schriftchen, das ein oder mehrere witzige Talmudjünger verfaßt haben. Sie haben Sprache, Art und Weise der talmudischen Lehrmethode, die Terminologie und den behandelten Stoff talmudischer Diskussion so glücklich und launisch auf das heitere Purimfest angewendet, daß ihre Leistung eine unzerstörbare Lachgabe bleibt, solange nur noch etwas Kenntnis des Talmuds vorhanden ist. Der Verfasser nennt sich „Der große Trunkenbold Loch vom Faße" und steckt so gleichsam unter der Maske des Purimfestes, die er nicht lüftet. Als der erste Autor einer solchen Parodie gilt der bekannte Arzt Kalonymus ben Kalonymus, Maestro Calo genannt, der aus der Provence stammte, 1 320 in Rom war und durch seinen „Eben Bochan" (Prüfstein) und Iggereth baale Chajim (Vorzüge des Menschen vor dem Tiere) bekannt ist. Einen kleinen Ausschnitt aus dem II. Abschnitt der Ausgabe Sulzbach lassen wir folgen: Abschnitt II: „Alle sind verpflichtet zu trinken." Misch na: Alle sind verpflichtet zu trinken, sowohl Männer als Frauen und Knechte und Mägde. Rabbi Trunkenbold lehrt: Auch Haustiere, wilde Tiere und Geflügel. Gemara: „Alle sind verpflichtet zu trinken." Woher ist dies herausgelernt? R. Faß lehrte: Es steht im Bibelverse (Est. 9, 28) „Und diese Tage sollen in Erinnerung gehalten und gefeiert werden", „in Erinnerung gehalten werden" geschieht nur durch Wein, denn es heißt beim Sabbatgebot „Halte in Erinnerung den Sabbattag, ihn zu heiligen"; wie also „das in Erinnerung halten", das hier für den Sabbattag verlangt wird, durch den Wein (Kiddusch) geschieht, so muß auch „das in Erinnerung halten", das für das Purimfest verlangt wird, durch Wein geschehen. Rabbi Krug sagte aber: Um dies zu beweisen, bedarf es nicht erst eines Bibelverses, sondern es folgt durch einen logischen Schluß hinsichtlich des Pessachfestes, und zwar: „Wenn schon Pessach, das doch nur eine Errettung von der Knechtschaft in die Freiheit bedeutet, verpflichtet, Wein zu trinken (vier Becher am Sederabend), so muß Purim, das eine Errettung aus Todesgefahr zum Leben darstellt, um so mehr zur Pflicht machen, Wein zu trinken. Nun sagt die Gemara: Ob es sich nach jenem oder nach diesem Gelehrten verhält, jedenfalls läßt sich daraus nur die Pflicht des Trinkens herauslernen, woher folgert man die Pflicht, sich zu betrinken? Meint man mit der ersten Lehrmeinung, die sagt: „Und diese Tage sollen in „Erinnerung gehalten und gefeiert werden", so hätte richtig genügt der Ausdruck „in Erinnerung gehalten", der auf Weintrinken hinweist, weil aber steht „und gefeiert werden", so folgt daraus trinken und sich betrinken. Hingegen die zweite Lehrmeinung, R. Krug, steht auf dem Standpunkt, daß man nur „trinken" herauslernen muß, für die Pflicht sich zu betrinken, braucht er keinen Bibelvers, sondern das ist für ihn ein Vernunftschluß. R. Krug lehrte: Komm und sieh! Überall, wo du in der Schrift von einer Rettung liest, findest du Rettung und sich betrinken. Und das wissen wir von Noah und Lot. Noah wurde aus der Sintflut gerettet und es heißt von ihm „er trank von dem Weine und betrank sich". Lot wurde aus der Zerstörung Sodoms gerettet und es heißt von ihm: „sie gaben ihrem Vater Wein zu trinken" und darauf heißt es: „und er wußte nicht vom Liegen und Aufstehen". Dagegen wendet die Gemara ein: Wenn es sich so verhält, wie R. Krug lehrt, dann müßte die Pflicht, sich zu betrinken, auch für Pessach gelten. Darauf wird geantwortet: Nein, Pessach ist anders. Pessach ist nur eine Rettung aus der Knechtschaft (nicht aus Lebensgefahr). — Ferner lehrte R. Krug: Jener Tag, an dem Noah den Wein trank, war Purim, denn hier heißt es (Gen. 9, 20) ,,Noach fing an" und dort im Buche Esther 9, 16 ,,und Noach (Ruhe) vor ihren Feinden". Wie also in diesem Falle von Purim die Rede ist, so ist es auch in jenem. Ferner lehrte R. Krug: Jener Tag, an dem Lot Wein getrunken, war Purim; und wenn es sich auch nicht beweisen läßt, so kann man doch einen Hinweis auf diese Tatsache anführen, denn das Wort „emesch", das bei Lot vorkommt, deckt sich im Zahlenwert mit „hapurim". R. Trunkenbold lehrte eingangs: „Alle sind verpflichtet zu trinken" — „auch Haustiere, wilde Tiere und Geflügel". — Was ist nun der Unterschied in der Auffassung des eingangs angeführten Lehrsatzes und R. Trunkenbold, der den Zusatz hinsichtlich der Tiere macht? Die erste Lehrmeinung .sagt: es steht geschrieben Est. 9, 27: „Die Juden bestätigten und nahmen auf sich und auf ihre Nachkommenschaft . . . diese zwei Tage zu halten." Weil hier steht „ihre Nachkommenschaft", so ist das Vieh ausgeschlossen. R. Trunkenbold hingegen sagt: Es steht in dem Verse auch „und alle, die sich ihnen anschlössen". Dieser Ausdruck schließt Haustiere, wilde Tiere und Geflügel ein. Hingegen lernt der Gelehrte der ersten Lehrmeinung aus diesem Ausdruck, daß auch die Proselyten in der Pflicht, an Purim zu trinken, inbegriffen sind. Die Rabbinen haben vorgetragen: „Wer sich an Purim betrinkt, hat das Glück, daß er einen prächtigen Weinstock in seiner Schönheit schaut." Ferner haben sie gelehrt: „Immerhin verkaufe der Mensch, was er besitzt und kaufe sich Wein für Purim." R. Trunkenbold erzählt: „Einmal war ich unterwegs; es war Purim und ich hatte keinen Wein, um zu trinken. Darob grämte ich mich gar sehr und es ereignete sich mir ein Wunder: ich geriet zufällig in eine Höhle und es war die Höhle von Lot und ich fand darin einen Krug voll mit Wein, daß ich mir einen Rausch antrank." Als R. Trunkenbold starb, kam ihm Lct entgegen und sprach: „Heil dir, mein Sohn. Heil dir!"