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Menorah · 1925-03-01 · Heft 3 (März 1925) · p. Seite 63

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 3 (März 1925)
Article
Legende aus dem Ghetto
Date
1925-03-01
Page
Seite 63 (sequence 4)
Language
German
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M E N O R A M DER JUDENFRIEDHOF IN PRAG loren. Ein Dieb war in ihre Fleischbank eingedrungen und hatte mit ihrem Gut gehaust als ein Übeltäter. Soviel er konnte, hatte er von dem Fleisch mit sich fortgeschleppt, und was übrig geblieben war, das war besudelt. Auch damals hatte der hohe Rabbi die Gemeinde zusammengerufen und den Dieb ermahnt, er möge bekennen und den Schaden gutmachen nach seinen Kräften. Doch da der Dieb schwieg und im Bösen verharrte, hatte der hohe Rabbi den großen Bann über ihn verhängt, der ihn und sein Geschlecht ausstieß aus der Gemeinschaft der Kinder Gottes. In der Nacht darauf aber war ein Hund vor des hohen Rabbi Haus gestanden, der hatte laut geheult und nicht aufgehört mit seinem Jammern, und so furchtbar anzuhören war seine Klage gewesen, daß der hohe Rabbi den Dieb in ihm erkannte und den Bann von ihm nahm. — Wenn also die Gewalt des Bannes so groß ist — sagte sich der hohe Rabbi —, daß selbst die Kreatur ihn nicht erträgt, in deren dunkle Seele kein Leuchten der Erkenntnis Gottes dringt, wie soll es möglich sein, daß diese Ehebrecherin fortlebt unter der Last des Fluches und nicht vor mich hintritt und ihre Sünde bekennt, eh noch der Tag vorüber ist. — Aber die Stunden liefen, die Nacht kam und ging dahin, und der hohe Rabbi hatte vergeblich gewartet. Da rief er seinen schweigenden Diener, das Werk seiner Hände, der den Namen Gottes zwischen den Lippen trug, und hieß ihn, den Koppel-Bär und den Jeckele-Narr in den Gassen suchen, denn er bedurfte ihrer. Und als sie kamen, sagte er zu ihnen: „Wenn der Tag verweht und die Schatten fliehen, werdet ihr wiederum auf den Friedhof gehen, und du, Jeckele-Narr, wirst auf deiner Geige eines von den Liedern spielen, die die Kinder a.n den Tagen des Laubhüttenfestes singen. Und die Geister der Verstorbenen werden dich hören, denn sie bleiben sieben Tage lang durch die irdischen Melodien verbunden mit dieser Welt. Dann kehrt ihr hierher zurück und du, Jeckele-Narr, hörst nicht auf, zu spielen. Sowie ihr aber diese Kammer betreten habt, sollt ihr sie sogleich wieder verlassen, und hütet euch, zurückzublicken. Denn das, was ich zu tun begehre, ist ein Geheimnis, das den Flammenden gehört, die auch genannt sind die Throne, die Räder, die Mächte und die Scharen, und eure Augen sollen es nicht sehen." Sie gingen und taten nach seinem Befehl. Jeckele spielte auf seiner Geige die fröhlichen Weisen des Laubhüttenfestes und Koppel-Bär machte seine Sprünge, und so gingen sie zwischen den Gräbern des Friedhofs und zurück durch die einsamen Gassen, und hinter ihnen schwebte ein Leuchten, das stieg mit ihnen die Treppe hinaxif und trat mit ihnen in die Kammer des hohen Rabbi. Sowie sie aber die Kammer verlassen hatten, sprach der hohe Rabbi das verbotene Wort aus, das geschrieben steht im Buch der Finsternisse, das Wort, das die Felsen erbeben macht und die Berge entwurzelt, das Wort, das die Toten zurück ins Leben ruft. Da stand das Kind vor ihm in irdischer Gestalt und war von Fleisch und Blut und sein Leuchten war erloschen. Und es warf sich zur Eide nieder und weinte und bat und klagte und wollte zurück in den Garlen der Toten. „Ich lasse dich nicht zurück in die Wahrheit und in die Ewigkeit," sagte der hohe Rabbi, ,,und du mußt von neuem beginnen das irdische Leben, es sei denn, daß du mir Antwort gibst auf meine Frage. Im Namen dessen, der der Einzige ist und der Alleinige, im Namen dessen, der war und der sein wird, beschwöre ich dich: Sprich und bekenne, wer jene Sünde begangen hat, um derentwillen das große Sterben über die Stadt gekommen ist." Das Kind senkte den Blick zur Erde und schüttelte den Kopf. „Wer jene Sünde begangen hat," sagte es, „um derentwillen uns Gott zu sich rief, das weiß ich nicht, und auch der Diener des Herrn weiß es nicht, der über uns gesetzt ist. Das weiß nächst Gott nur einer und der bist du."

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