Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 3 (März 1925)
- Article
- Legende aus dem Ghetto
- Date
- 1925-03-01
- Page
- Seite 61 (sequence 2)
- Language
- German
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M E N O R A H 61 Und nun, da sie erkannten, daß es die andere Welt war, die sich ihren Augen offenbarte, kam das Entsetzen über sie und sie wandten sich und liefen, sie sprangen über die Steine und stießen an die Äste, sie fielen nieder und rafften sich auf, sie liefen um ihr Leben und blieben nicht stehen, eh sie nicht wieder draußen auf der Gasse waren. Dort erst blickte sich Jeckele-Narr nach seinem Gefährten um. „Koppel-Bär!" fragte er und die Zähne schlugen ihm aneinander. „Lebst du noch und bist du da?" „Ich lebe und lobpreise meinen Schöpfer", kam Koppel-Bärs Stimme aus der Dunkelheit. „Wahrlich, die Hand des Todes ist über mir gewesen." Und daran, daß sie beide am Leben geblieben waren, erkannten sie den Willen Gottes, daß sie Zeugnis ablegen sollten von dem, was sie gesehen hatten. Eine Weile standen sie flüsternd im Dunkeln und dann gingen sie und suchten den verborgenen König in seinem Haus, den hohen Rabbi, der kundig war der Sprache der Toten, der die Stimmen der Tiefe hörte und die furchtbaren Zeichen Gottes zu deuten vermochte. Er saß in seiner Kammer über das Buch der Geheimnisse gebeugt, das genannt wird Indraraba oder die große Versammlung. Verloren in die Unermeßlichkeit der Zahlen, der Zeichen und der wirkenden Mächte, hörte er die Schritte der Eintretenden nicht, und erst als sie ihn grüßten: „Friede dem heiligen Licht'/' kehrte seine Seele aus der Geisterferne zurück in die irdische Welt. Und nun, da die Augen des hohen Rabbi auf sie gerichtet waren, begannen die beiden zu sprechen, sie riefen Gott an und priesen seine Macht, und Jeckele-Narr berichtete, atemlos und mit fliegenden Worten, wie ihn das Lispeln und Flüstern, das Flimmern und Leuchten zwischen den Holunderbäumen des Friedhofes erschreckt hatte, was er zu Koppel-Bär gesagt und welche Antwort er bekommen hatte, und daß sie dann, als der Mond sich verbarg, der Gestalten der toten Kinder gewahr geworden waren, die im Geisterreigen über den Gräbern schwebten. Der hohe Rabbi, der in den dunkeln Nächten die zweiunddreißig verborgenen Wege der Weisheit gegangen war und in magischer Verwandlung die sieben Tore des Erkennens durchschritten hatte — der hohe Rabbi verstand das Zeichen Gottes. Er wußte nun, daß in den Gassen der Judenstadt ein Sünder lebte, der in seiner Verborgenheit immer wieder von neuem frevelte, Tag um Tag. Und um dieses Sünders willen war das große Sterben über die Stadt gekommen und um dieses Sünders willen fanden die Seelen der Kinder keinen Frieden in ihrem Grab. Schweigend blickte der hohe Rabbi vor sich hin. Dann erhob er sich und verließ die Kammer, und als er wiederkam, hatte er in der Rechten eine Schüssel mit Grütze und zwei Fladen und in der Linken eine kleine Schale von getriebenem Silber, in der war gewürztes Apfelmus, die süße Speise des Osterfestes. „Greift zu und eßt", sagte er und wies auf die Grütze und die Fladen. „Und wenn ihr euch gesättigt habt, so nehmt diese Schale mit süßer Speise und geht zurück zu den Gräbern der Kinder." Sie erschraken, als sie hörten, daß sie ein zweites Mal auf den Friedhof sollten. Doch der hohe Rabbi fuhr fort: „Fürchtet euch nicht. Der, durch dessen Wort die Welt entstanden ist, hat die Macht über die Lebenden und die Toten und sein Ratschluß allein besteht. Ihr werdet bei den Gräbern sitzen und warten, bis eines von den Kindern sich euch nähert und von der süßen Speise zu kosten begehrt, denn die Geister der Verstorbenen haben die irdische Nahrung noch nicht vergessen. Ihr aber erfaßt mit beiden hländen den Saum seines Kleides und lragt im Namen dessen, der der Ursprung ist und das Ende, um welcher Sünde willen das große Sterben über diese Stadt gekommen ist." Und er sprach über sie die Worte des Priestersegens. Da wich die Angst von ihnen und sie erhoben sich und gingen, entschlossen, dem Gebot des hohen Rabbi zu gehorchen. %' Sie saßen zwischen den Gräbern an die Friedhofsmauer gelehnt, und vor ihnen stand auf der feuchten Erde die Schale mit dem gewürzten Apfelmus. Rings um sie her war Stille und tiefe Dunkelheit, kein Grashalm regte sich, kein Lichtschein kam vom wolkenbedeckten Himmel. Und während sie saßen und warteten, kam wiederum die Angst über sie, und Koppel-Bär begann mit sich selbst zu reden, denn er konnte die Stille nicht länger ertragen. „Ich wollt', ich hält' ein Groschenlicht", sagte er. „Ich mag nicht hier im Dunkeln sitzen. Es sollt' heut Vollmond sein, aber ich seh' ihn nicht, da hat sicherlich ein Hahn gekräht und der Mond ist davon. Jetzt wär' es besser, zu sitzen daheim hinter dem Ofen. Aus der Erd' kommt ein Frost, der kriecht in meinen Rock, der Frost, der ist mein Feind. Jeckele-Narr, friert dich auch, ich IM GHETTO VON VENEDIG