Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 3 (März 1925)
- Article
- Legende aus dem Ghetto
- Date
- 1925-03-01
- Page
- Seite 60 (sequence 1)
- Language
- German
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60 MENORAH LEO PERUTZ / LEGENDE AUS DEM GHETTO Im Herbst des Jahres 1589, als in der Prager Judenstadt das große Kindersterben wütete, gingen zwei armselige Spaßmacher, ergraute Männer, die davon ihr Leben fristeten, daß sie bei den Hochzeitsfesten die Gäste belustigten, durch die Belelesgasse, die vom Nicolasplatz zum Judenfriedhof führte. Es dunkelte. Sie waren ganz schwach vor Hunger, beide, denn seit zwei Tagen hatten sie nicht viel mehr als ein paar Bissen Brot gegessen. Die Zeiten waren schlimm für Spaßmacher. Denn in diesen Tagen, da der Zorn Gottes über die unschuldigen Kinder gekommen war, gab es keine Hochzeiten und keine Freudenfeste in der Judenstadt. Der eine von den beiden, Koppel-Bär, hatte schon eine Woche vorher seinen zottigen Pelz, in dem er, als wildes Tier verkleidet, seine drolligen Sprünge machte, zum Geldverleiher Markus Koprivy getragen. Der andere, Jeckele-Narr, hatte seine silbernen Schellen verpfändet. Jetzt besaßen sie nichts als ihre Kleider und ihre Schuhe, und Jeckele-Narr hatte auch noch seine Geige, für die wollte der Pfandleiher nichts geben. Sie gingen langsam, denn noch war es nicht völlig dunkel geworden, und sie wollten nicht gesehen werden, wenn sie den Friedhof betraten. So viele Jahre hindurch hatten sie sich mit ehrlicher Arbeit das Brot für alle Tage und den Bedarf des Sabbats verdient, und nun stand es so mit ihnen, daß sie des Nachts auf den Grabsteinen nach Kupferpfennigen suchen mußten, die die frommen Besucher des Friedhofes bisweilen für die Armen zurückließen. Als sie an das Ende der Belelesgasse gekommen waren und die Friedhofsmauer zu ihrer Linken sahen, blieb Jeckele-Narr stehen und deutete auf die Tür des Flickschusters Gerson Chalel. „Sicherlich," sagte er, „ist des Schusters Blümchen noch wach. Ich will ihr aufspielen das Lied: .Sechs Jahre erst zähl' ich, das Herz ist mir fröhlich1, so wird sie zur Tür herauskommen und auf der Gasse tanzen." Koppel-Bär wachte auf aus seinem Traum von einer warmen Rettichsuppe mit kleinen Fleischbrccken darin. „Du bist ein Narr", brummte er. „Wenn der Messias kommt und die Kranken heilt — du wirst ein Narr bleiben. Was schert mich des Schusters Blümchen? Was soll mir ihr Tanzen? Ich bin krank vor Hunger in allen meinen Gliedern." „Wenn du bist krank vor Hunger, so nimm ein Messer, schleif es und häng dich auf", sagte Jeckele-Narr, und dann nahm er seine Geige vom Rücken und begann zu spielen. Aber soviel er auch spielte, des Schusters Töchterchen wollte nicht kommen. Jeckele-Narr ließ die Geige sinken und dachte nach. Dann ging er über die Gasse und blickte durch das offene Fenster in des Schusters Stube. Sie war dunkel und leer, die Stube, aber aus der Kammer kam ein Lichtschein, und Jeckele-Narr sah den Schuster und sein Weib, die saßen auf niederen Schemeln einander gegenüber und sangen die Sterbegebete für ihr Kind Blümchen, das sie am Tag zuvor begraben hatten. „Sie ist tot", sagte Jeckele-Narr. „So ist denn der Schuster auch vom Himmel herab auf die harte Erd' gefallen. Ich habe nichts und möchte doch alles dafür geben, nur daß sie noch am Leben wär\ So klein war sie und doch war es mir, wenn ich sie sah, als war' die Welt in ihrem Aug'. Fünf Jahre war sie alt und muß nun auch die kalte Erde kauen." „Wenn der Tod zu Markt geht, kauft er alles", murmelte Koppel-Bär. „Nichts ist ihm zu klein, nichts zu gering." Und mit leiser Stimme sagten sie, indes sie weitergingen, die Worte aus dem Psalm des Königs David vcr sich hin: „— Nun, da du ruhest im Schatten der Allmacht, kann dir kein Unheil widerfahren. Denn Er gebietet den himmlischen Geistern, und sie werden dich auf deinem Weg geleiten und sie werden dich auf ihren Händen tragen, daß dir kein Stein an deine Füße stoße —" Jetzt war es völlig Nacht geworden. Am Himmel stand zwischen dunkeln Regenwolken ein bleicher Mond. So still war es in den Gassen, daß man vom Flusse her das Rauschen des Wassers hörte. Ängstlich und voll Scheu, als ob das, was sie zu tun im Sinne hatten, wider Gottes Gebot wär\ traten sie durch das enge Tor in den Garten der Toten. * Er lag im Mondlicht, schweigend und regungslos wie der geheimnisdunkle Strom Sambathjon, dessen Wellen stillestehen am Tage des Herrn. Die weißen und die grauen Steine standen aneinandergelehnt, als ob sie allein die Last ihrer Jahre nicht zu ertragen vermöchten. Die Bäume streckten ihre entlaubten Äste wie in verstörter Klage zu den Wolken des Himmels empcr. Jeckele-Narr ging voran und Koppel-Bär folgte ihm wie ein Schatten- Sie gingen den schmalen Pfad zwischen den Jasminbüschen und den Hollunderbäumen, bis sie zu dem verwitterten Stein des Rabbi Abigdor gelangten. Hier, auf dem Grabe des großen Heiligen, dessen Name ein Licht war in der Finsternis der Verbannung, fand Jeckele-Narr einen platten Mainzer Pfennig und einen Kupferdreier und zwei welsche Heller. Nun ging er weiter, dorthin, wo unter einem Ahornbaum der Grabstein des Rabbi Gedalja stand, des hochberühmten Arztes. Plötzlich aber blieb Jeckele-Narr stehen und haschte nach dem Arm seines Gefährten. „Horch!" flüsterte er. „Wir sind nicht allein. Hörst du nicht ein Huschen und ein Raunen?" „Narr!" sagte Koppel-Bär, der gerade einen krummen böhmischen Groschen gefunden und zu sich gesteckt hatte. „Narr! Der Wind treibt die verwelkten Blätter über die Erd'." „Koppel-Bär!" flüsterte Jeckele-Narr. „Siehst du nicht dort an der Mauer ein Flimmern und ein Leuchten?" „Wenn du ein Narr bist," brummte Koppel-Bär, „so sauf Lssig und reit auf Stecken und melk' die Ziegenbock', aber mich laß zufrieden. Was du siehst, das sind die weißen Steine, die glänzen im Mondlicht." Da aber verschwand mit einemmal der Mond am Himmel hinter dunkeln Wolken, und nun sah Koppel-Bär, daß es nicht die weißen Steine waren, nein, dort hart an der Friedhofsmauer schwebten leuchtende Gestalten in den Lüften, Kinder in langen weißen Hemdchen, die hielten einander an den Händen und wiegten sich im Tanz über den frischen Gräbern. Und über ihnen rtand, unsichtbar dem menschlichen Aug', der Engel Gottes, der als Hüter über sie bestellt war. „Möge Gott sich meiner erbarmen!" stöhnte Koppel-Bär. „Jeckele-Narr! Siehst du auch, was ich seh?" „Gepriesen sei der Schöpfer der Welt, er allein tut Wunder", flüsterte Jeckele-Narr. „Ich sehe Blümele, das Täubchen, die Unschuld, und die beiden Kinder meines Nachbars, die vor sieben Tagen gestorben sind, seh ich auch."