Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 3 (März 1925)
- Article
- Gottesdienst und Kunst im Judentum
- Date
- 1925-03-01
- Page
- Seite 52 (sequence 2)
- Language
- German
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52 M E N O R A H gottesdienstliche Veranstaltung durch die Kunst. Auf die Kunst im Gottesdienst verzichten, heißt auf eine Steigerung der Anbetung Gottes verzichten. Das gilt auch für das Judentum, und die Grenzen, die es der Kunst setzt und setzen muß, weil es sie nur dann anerkennt, wenn sie an sich Gottesdienst ist, ändern nichts daran. Das Judentum gesteht der Kunst nicht den Anspruch zu, Höchstes und Unabhängiges, von jeder Rücksicht Freies zu sein. Aber sie kennt die Gnade ihrer Macht und die Macht ihrer Gnade und will sie nicht missen, darf sie nicht missen wollen. Das Judentum hat dies auch nie getan — am allerwenigsten im Altertum. Wohl hat es sich von seinem Standpunkt aus der bildenden Kunst nur sehr wenig bedient. Und auch der Baukunst nicht, wovon noch gesprochen werden soll. Aber niemand wird behaupten wollen, daß es auf die Hilfe der zwei anderen großen Künste, Dichtung und Musik, verzichtete und diese in seinem Bereiche nicht die höchste Blüte erreichten: Das Buch der Psalmen liegt vor aller Welt offen da und Tempelmusik und Gesang der Leviten sind unbestreitbare geschichtliche Tatsachen. Auch im Mittelalter waren diese zwei Künste — von der Musik allerdings nur der Gesang, weil die Instrumentalmusik erst wieder im Tempel aufleben soll — die vielgepflegten Mittel zur Steigerung der Andacht der Gläubigen. Und so war es auch später bis in die neueste Zeit hinein. Neue synagogale Dichtung konnte es zwar wenig mehr geben. Aber die alte und mittelalterliche behielten ihre beherrschende Stellung im Gottesdienste. Und unter dem Einflüsse des Chassidismus wurde im Osten der Gesang zu einem der wesentlichen Elemente eines innigen religiösen Lebens. Nun ist aber in neuester Zeit das Judentum vor zwei neue und ernste Probleme religiöser Kunst gestellt worden — vor das eine durch den modernen Kunstsnobismus, vor das andere durch das Suchen neuer religiös-künstlerischer Möglichkeiten. Auf der einen Seite geht es um die Abwendung einer Gefahr, die dem Judentum durch eine angeblich religiöse Kunst droht, auf der andern Seite um neue künstlerische Steigerungen der Gottesverehrung. Die Gefahr ist langsam, anfangs ganz unmerkbar, heraufgekommen, hat sich immer mehr verdichtet und ist jetzt für sehr große Teile der Judenheit eigentlich keine Gefahr mehr, sondern bereits das eingetretene Unglück selbst. Und dieses heißt, volkstümlich ausgedrückt: Chasonus-Judentum, in gewählterer Sprache: Die Synagoge als Konzertsaal oder, will man mit dem Begriffe auch die sonstige Mache mit umfassen: Die Synagoge als Thealer. Statt daß der Gesang die Andachtsbereiten aus dem Alltag zu Gott emporführen hilft, lockt er die Gleichgültigen und Andachtsverächter ins Bethaus, um ihnen dort ein ganz und gar nicht andächtiges Vergnügen zu verschaffen und verführt er die Andachtsbereiten, jenen gleich zu werden. Es ist klar, daß hiefür nicht die religiösen Gesänge selbst verantwortlich gemacht werden können, die doch einst von tiefgläubigen Menschen geschaffen wurden, sondern daß die Stimmung der Zeit daran Schuld trägt, die, der Versenkung ins Göttliche abgeneigt, einen Avohlfeilen Kunstenthusiasmus, ein leeres Amateurbehagen vorzieht. Und es ist ebenso klar, daß dagegen nichts Wesentliches unternommen werden kann, solange die Zeitstimmung nicht im Weichen ist. Zum Glück scheint sie damit schon begonnen zu haben. Im Gegensatz zu der eben behandelten Verfallserscheinung stehen jene Wünsche und tastenden Versuche, die sich in der Richtung einer baukünstlerischen Entfaltung bewegen. Schon das mißglückte Experiment der im maurischen Stil gebauten Synagogen, wie es hauptsächlich in Westeuropa angestellt wurde, ging aus einer unbewußten Regung der Unzufriedenheit mit den stillos oder gotisch oder romanisch gebauten Bethäusern hervor; war ein, wenn auch noch unartikulierter Schrei nach einem Gotteshause, das schon an sich jüdischer Gottesdienst sein soll. Nur daß man, ohnmächtig, einen das eigene Wesen ausdrückenden Stil zu schaffen, wenigstens den eines fremden Wesens wählte, das man dem eigenen irgendwie verwandt glaubte. Das Experiment ist abgetan. Man ist in der Praxis meist wieder zu den gotischen und romanischen Synagogen zurückgekehrt — bloß daß die entschuldigende Naivität des jüdischen Mittelalters fehlt und die Lust, assimiliert zu tun, kräftig durchschimmert. Oder man versucht es in heilloser Verlegenheit mit allerlei sezessionistischen und ägyptoiden Formen — wobei allerdings, wenn ein jüdischer Baumeister der Schuldtragende ist, manchmal auch so etwas wie der anerkennenswerte Ehrgeiz, original Jüdisches zu schaffen, dahinterstecken mag. Doch fern von alledem gibt es jetzt in vielen Herzen und Hirnen ein heißes und strenges Verlangen nach dem, was not tut und ein helles Wissen davon. Eine Sehnsucht ist geboren: Oh, würde doch endlich einmal wahr, daß Israels Gottesliebe und Gottesverknüpftheit auch in den Bauwerken sich offenbaren, die der Anbetung Gottes gewidmet sind, daß sich die Inbrunst der Beter mit der Inbrunst vermähle, die der Künstler in den Linien und Wölbungen des Gotteshauses verewigte! Ob die Sehnsucht erfüllt werden wird? Die bisherigen geschichtlichen Tatsachen sprechen dagegen. Von den ältesten Zeilen an: Das Volk konnte für den Tempel, den ihm nach Maßen und Zahlen die Bibel vorschrieb, den Stil nicht schaffen und Fremde mußten geholt werden, den Tempel zu bauen. Aber anderes spricht dafür: daß es im Grunde keine Kunst gibt, die dem Wesen des jüdischen Volkes mehr entspricht als die Architektur, die Kunst der steinernen Weltmelodie, der stummen Offenbarung, des starren Feuers. Und wenn es dennoch gerade in ihr zu nichts es gebracht hat, sowohl hauptsächlich deshalb, weil es so viel von seiner Energie und seinem Trotz, im Altertum auf den inneren Kampf um den einzigen Gott, in spätem Zeiten auf die Behauptung der Thorageistigkeit in Nöten und Stürmen aller Art aufbrauchte, daß es davon nicht genug hatte, um diese Kämpfe auch noch in der trotzigsten, stillsten und steilsten Kunst zum Ausdruck zu bringen und zum Siege zu führen. Doch haben sich ja die Voraussetzungen jetzt gründlich geändert: Unser innerer Kampf um den einzigen Gott ist seit Ausgang des Altertums ausgekämpft und, wenn wir unsere heute wahrlich nicht mehr von der Vielgötterei, sondern von der Gottesleugnung bedrohte Geistigkeit festigen und sichern wollen, so sind wir geradezu darauf angewiesen, jede neue Möglichkeit, Gott und unsere Erwählung den Seelen sozusagen anschaulich zu machen, um jede neue Form von Gottesanbetung zu ringen. Und erstehen uns nur einmal Künstler, die nicht mehr bloß in ihr verlorenes Judentum fremdäugig hineinlugen, sondern in ihm leben, beten und glühen und uns aus diesem Leben und Gebet und aus dieser Glut heraus schaffen wollen und können, so wird nichts im Wege stehen, daß das Volk der monumentalsten Weltanschauung und die monumentalste Kunst sich vereinigen. Solche Künstler aber: der junge Tag des gläubigen Judentums — jung ebenso für die Treugebliebenen wie für die Zurückkehrenden — wird sie uns bringen.