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Menorah · 1925-02-01 · Heft 2 (Februar 1925) · p. Seite 47

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 2 (Februar 1925)
Article
Von den Katzen, die nicht mausen wollten
Date
1925-02-01
Page
Seite 47 (sequence 1)
Language
German
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MENO R A 11 47 Von den Katzen, die In einer alten Bücherei lebte einmal eine Katze, die angestellt war, die Bücher und ihre Ledereinbände von den Angriffen der Mäusezähne zu behüten. Sie stammte von einer langen Reihe Vorfahren ab, die alle dasselbe Amt bekleidet hatten. Sie war die Mutter von fünf reizenden Kätzchen, einem schwarzen, das hieß Miese, einem weißen, das hieß Liese, einem schwarz und weiß gescheckten, das hieß Purr, einem braun und gelb gefleckten, daß hieß Murr, und einem schwarz und grau gemaserten, das hieß Hinz. Purr und Murr und Hinz waren Kater, die anderen Katzen. Die Geschwister waren im Schulalter und hatten bei ihrer Mutter täglich vorun'd nachmittags je eine Stunde Unterricht. Sie konnten bereits purren und spinnen, fauchen und miauen, katzbuckeln und Samtpfoten machen, sich das Fell putzen und mit angefeuchteter Pfote das Gesicht waschen. Jetzt begann ihre Mutter sie in die höhere Wissenschaft einzuführen, sie lehrte sie nämlich Mäuse fangen. Das war gar nicht leicht. Denn hinter und unter den Büchergestellen gab es eine Menge Hohlräume, die den Mäusen als Schlupfwinkel und Schliefgänge dienten, wo ihnen keine ausgewachsene Katze und nicht einmal ein Kätzchen beikommen konnte. Die Jagd konnte nur im freien Mittelraum mit Erfolg geübt werden. Da hieß es geduldig lauern, bis eine Maus sich hervorwagte, und sie mit einem einzigen Satz erhaschen, ehe sie in ihr Versteck zurückhuschen konnte. Die Kätzchen mußten lernen, sich rasch zu entschließen und im Hui zuzufahren. Denn wenn sie nur den kleinsten Augenblick zögerten, war ihnen die Beute entwischt. Eines Vormittags war der Unterricht eben in vollem Gang. Mutter und Kinder hatten einer Maus nachgesetzt, sie war aber an dem dicken Purr vorbeigewischt und unter ein Büchergestell entkommen, ohne daß der schwerfällige Bursche es verhindert hatte. Für diese Ungeschicklichkeit bestrafte ihn die Mutter mit einigen Ohrfeigen und die Schwestern Miese und Liese verspotteten ihn als einen Tolpatsch. Nach einiger Zeit steckte wieder eine Maus, dieselbe oder eine andere, die spitze Schnauze unter einem Bücherbord hervor und äugte um sich. Die Mutter und Lehrerin erblickte sie sofort mit ihren scharfen Augen und winkte ihren Jungen, sich unbeweglich zu halten. Da alles still blieb, wagte die Maus sich aus Leichtsinn oder Übermut vollends heraus. Wie ein Blitz war die alte Katze zwischen der Maus und dem Büchergestell und schnitt ihr den Rückweg ab. Gleichzeitig miaute sie ihren Jungen den Befehl zu: ,,Nun alle los!" Es begann ein tolles Laufen und Springen, die Maus, die sich nicht anders helfen konnte, rannte an den Büchern hinauf, die Kätzchen setzten ihr nach und sie taten es mit solchem Eifer, daß sie einen nachlässig aufgehäuften *) Aus: Märchen, seiner M;ixa von ihrem vierten bis zu ihrem zwölften Lebensjahre erzählt. Otto Hendel Verla». Berlin. Preis: Halbleinen 6 M., Ganzleinen 7 M. nicht mausen wollten Bücherstoß aus dem Gleichgewicht brachten. Er fiel mit Gepolter vom Bord auf den Boden und hinter ihm kam ein Mäusenest zum Vorschein, wo zehn halbwüchsige Mäuschen durcheinander wimmelten und sich vergebens durch wilde Flucht zu retten suchten. Die Mutter betäubte sie mit schwindelig schnellen Pfotenhieben und verteilte sie zuckend und zappelnd an ihre Jungen, damit sie mit ihnen spielten, ehe sie ihnen mit Zähnen und Klauen den Garaus machten. Von dem Gepiepse, das die Mäuschen in ihrer Todesangst ausstießen, herbeigerufen, ließ ihre Mutter sich hinter der stehengebliebenen Bücherreihe erblicken. Sie konnte nur entsetzt schreien, jedoch ihren Kleinen nicht helfen. Als sie indes das Gemetzel mitansehen mußte, wurde ihr das grausame Schauspiel zu viel. Sie eilte wie von Sinnen auf das nächste Mäuschen zu, das Purr eben mit seinen plumpen Pfoten rechts und links ohrfeigte und lief der alten Katze gerade in die Krallen. Ein jauchzendes Miau, ein Tatzenschlag, und die Mäusemutter lag tot neben ihren zehn toten Kindern. Die Katze ordnete alle in eine Reihe, rief den Bibliothekar herbei, um ihm ihre Jagdbeute zu zeigen, und entließ dann ihre Jungen, um ein längeres Schläfchen zu halten. Die jungen Katzen ahmten das Beispiel ihrer Mutter nicht nach. Sie begaben sich nicht zur Ruhe, sondern versammelten sich in einer Ecke der Bücherei und da begann Miese: „Die armen Mäuschen! Es sind eigentlich doch recht niedliche Tierchen!" „Unsinn!" brummte Purr. ,,Wie kann man Mäuse niedlich finden!" ,,Du bist ein Kannibal!" zischte Liese ärgerlich. „Hat 'dir denn die Mutter gar nicht leid getan, die ihren Kleinen so tapfer beispringen wollte?" Purr schwieg verlegen und Murr murmelte: „Das ist wahr. Die Mutter war eine kleine Heldin. Schade um sie." „Ich muß sagen," ließ sich Hinz vernehmen, „ich bin gar nicht stolz auf das, was wir getan haben. Es ist eigentlich eine Feigheit, daß wir, die so groß und stark und behend und mit Zähnen und Klauen fürchterlich bewaffnet sind, über che schwachen wehrlosen Geschöpfe herfallen." „Wir sollten uns schämen", sagte Liese. Miese nahm wieder das Wort. „Wir haben es alle gesehen. Das Schauspiel wird mich lange verfolgen. Da lag das friedliche Nest vor uns. Die zehn Geschwister ruhten glücklich nebeneinander und freuten sich ihres jungen Lebens. Die Liebe ihrer Mutter wachte über ihnen. Plötzlich brach das Verderben über sie herein. Wir mordeten und metzelten. Nun sind Mutter und Kinder dahin, das Nest ist verwüstet. Warum begehen wir solche Greueltaten? Mit welchem Recht? Zu welchem Zweck?" „Bravo! Du sprichst mir aus der Seele!" lief der lebhafte Hinz. Er bewunderte seine Schwester sehr. Sie war auch die klügste, beredteste und gebildetste von allen. Sie war nicht umsonst in einer Bücherei geboren und erzogen, sie rühmte sich nicht umsonst einer unabsehbaren Reihe gelehrter Ahnen. Sie stand hoch über den Dach- und Kellerkatzen und versprach, eine Zierde des Katzengeschlechtcs zu werden. „Ich könnte weinen, wenn ich an die Mäuschen denke", sagte Liese. „Ich tue es nicht wieder", erklärte Hinz entschlossen. „Aber wenn Mutter befiehlt", wandte Purr ein. „Wir sind keine Kinder mehr", fiel Miese ihm heftig ins Wort, „wir dürfen und sollen nach unserer eigenen Einsicht handeln. Das werden wir Mutter offen sagen." In der Tat, als die alte Katze nachmittags ihre Jungen zur Schulstunde herbeirief, trat Miese dreist vor sie hin und sagte: „Mutter, wir haben beschlossen, nicht mehr zu mausen." Die Katze traute ihren Ohren nicht. Sie legte sie ärgerlich zurück und erwiderte: „Ihr habt beschlossen? Ei, das klingt ja wunderschön! Faulenzen ist freilich bequemer. Nun antreten. Sonst gibt es Ohrfeigen." Miese ließ sich nicht einschüchtern. „Uns ist es nicht um das Faulenzen zu tun. Wir wollen nur nicht wieder das Verbrechen begehen, eine zahlreihe unschuldige Mäusefamilie hinzumorden." „Hin — zu -— morden!" wiederholte die alte Katze und stammelte vor Verblüffung: „Solltest du plötzlich verrückt geworden sein?" „Ich glaube, ich bin nie vernünftiger gewesen als jetzt", sagte Miese ruhig, doch fest. „Wir sind übereingekommen, künftig Frieden zu halten mit den Mäusen. Ihr Leben und Eigentum soll uns heilig sein." Die Katze konnte sich noch immer nicht fassen. „Seid ihr meine Kleinen oder Wechselbälge? So hat noch nie eine richtige Katze gesprochen. Wir sind dazu da, um Mäuse zu fangen, und das werdet ihr auch tun, oder ich werde euch kuranzen." „Das bestreite ich, daß wir dazu da sind", erwiderte Miese keck. „Wir sind dazu da, einander zu lieben. Auch die Mäuse sind unsere Brüder, wie alles, was lebt und und sich des Lebens freut." „Was! Die Mäuse sollen meine Bruder sein? Da hört alles auf." Die Katze war nicht geduldig. Sic machte einen Satz zu Miese, um sie zu züchtigen, das Kätzchen wich aber der drohenden Pfote aus, lief in die Ecke und rief von dort trotzig: „Es lebe die Gerechtigkeit! Es lebe die Brüderlichkeit!" Die Mutter versuchte es mit Überreden und Bitten. „Kinder, der dumme Spaß hat lange genug gedauert. Verlieren wir keine Zeit mehr. An die Arbeit! Ich will euch zu tüchtigen Katzen heranbilden. Ihr sollt gute Mäusejäger werden wie eure Mutter und alle eure Vorfahren bis in unvordenkliche Zeiten zurück." „Was kümmert es uns, was unsere Vorfahren getan haben!" gab Miese verstockt zurück. „Wir brechen mit dem alten Schlendrian. Wir sind Fortschrittskatzen." Die Geschwister schnurrten beifällig. Die Alte warf ihnen zornige Blicke zu. „Forlschrittskatzen! Das Wort scheint euch zu gefallen, ihr Dummköpfe. Ihr dünkt euch wohl sehr viel klüger als eure alte beschränkte Mutter. Habt ihr euch denn auch Von MAX NORDAU*;

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