Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1925)
- Article
- An der Universität
- Date
- 1925-02-01
- Page
- Seite 45 (sequence 1)
- Language
- German
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M E N O R A H 45 I^j^^L TS JS 1? Ujr jeC JU T An der Universität (Oxford) Von D. L. ADLER „Darf ich hereinkommen, Lena, oder bist du beschäftigt?" ,,Nicht allzusehr. Komm nur herein."" Lena Shapero schloß die „Politeia" des Aristoteles mit einem Knall und wandte sich der Freundin zu. „Es freut mich, dafs du kommst, Dorothy", sagte sie. „Ich arbeite an einem Aufsatz für morgen und habe absolut keine Lust mehr. Erzähle mir lieber etwas." Dorothy Severn schloß die Tür und setzte sich auf einen Schemel aus schwarzem Atlas am leeren Kamin. Schwarz war in diesem Semester tot-schick: sogar die Decke auf Lenas Sofabett war schwarz mit Goldrand, zum Entzücken der Besitzerin. „Ich hab' die Arbeit satt," meinte Dorothy. „Wir wollen ein wenig hinausrudern." Lena antwortete nicht gleich. Nach dem Tee durften die Studentinnen eigentlich erst im dritten Studienjahr auf den Fluß hinaus, aber sie hatte jetzt den Aristoteles lange genug gelesen und war außerdem abgespannt von dem persönlichen Problem, welches sich in ihr Oxford-Leben hineingedrängt hatte, und sie sogar in der Nacht wach hielt. Und clie Sonne, die durch das offene Fenster ins Zimmer flutete, war so recht einladend. „Eigentlich nicht," meinte sie und fügte dann lachend hinzu: „Na, ich komm schon! Wart* einen Augenblick, ich muß mich umziehen. Und such' doch mal meine Kuchendose; da unten im Schrank, irgendwo hinter den Schuhen. Etwas Kuchen muß noch da sein." Sie schlüpfte aus der Bluse heraus und zog sich einen weißen Wollsweater über den Kopf mit den kurz geschnittenen schwarzen Haaren, während Dorothy im Schrank herumstöberte. „Da ist der Kuchen," sagte sie und verpackte ihn in einem Kuvert. „Ick habe auch noch Kirschen in meinem Zimmer. Ich will sie holen und auch gleich mein Ausgabenbuch vom Christlichen Verein. Mit Zahlen kann ich im Boot noch am besten fertig werden. Also, ich hole dich am Boothaus ab." Dorothy war Schatzmeisterin des Christlichen Studentinnenvereines und ihre Freundinnen behaupteten, daß sie ihr Leben mit Rechnen verbringe. Sie verließ das Zimmer und Lena sammelte Kissen, einen Roman, den Aristoteles und ein Schreibheft für den hall etwaiger Eingebung; dann schlich sie, angenehm schuldbewußt, hinaus in den blühenden Garten. Dorothy erschien ein paar Minuten später und die beiden Mädchen kletterten in einen Puiit* lösten die Kette und glitten hinaus, am College*'r'-Garten vorbei. Lena nahm die Bootstange und stellte sich an das Ende des Bootes; der weiße Sweater schmiegte sich bei ihren leichten Bewegungen an den schlanken Leib. Kräftig ließ sie das Boot vorwärtsgleiten, hindurch unter der Wölbung der Magdalenenbrücke, und weiter zwischen schattigen Ufern; endlich hielt sie und befestigte die Kette an die Wurzeln eines alten Baumes, dessen Zweige das Wasser berührten. Befriedigt legte sie sich auf die Kissen nieder und sah den Sonnenstrahlen zu, die auf dem grünen Wasser tanzten und das seidenweiche Haar ihrer Freundin vergoldeten. Die beiden Mädchen lagen eine Weile schweigend und knabberten Kuchen und Kirschen. Endlich schlug Dorothy energisch ihr Ausgabenbuch auf und vertiefte sich in ihre Zahlen. Lena aber tat nichts: ihre dunklen Brauen waren zusammengezogen. Plötzlich sah Dorothy auf: „Lena, warum liest du nicht? Was hast du?" „Nichts." „Doch, es ist etwas nicht in Ordnung. Du bist den ganzen Tag schon so still. Was fehlt dir, mein Lieb?" Lena zögerte. „Ich weiß nicht recht, ob ich es dir sagen kann." „Ich dachte, du sagst mir alles." Dorothys Stimme klang leicht gekränkt. „Ja, sonst auch immer. Aber dies ist so merwürdig. Na — — Dolly, hast du den komischen kleinen Studenten gesehen, der mir in der Bibliothek gegenüber saß, die letzten paar Tage?" Die beiden Mädchen arbeiteten meist gemeinsam in der Universitätsbibliothek; Dorothy wußte also wer gemeint war. Sie nickte: „Sehr dunkel und häßlich. Wie ein kleiner Teddy-Bär. Was ist mit ihm?" „Er ist jüdisch." „Und wenn schon?" „Ich — — bin's auch." Lenas Judentum wurde ihren Freundinnen so selten aufgedrängt, daß Dorothy ganz erschrocken aufblickte. Lena fuhr fort: „Er heißt Orlowsky. Er sprach mich gestern an, als ich aus einer Vorlesung kam." Sie tauchte die Hand ins Wasser, das leise gegen das Boot plätscherte, und spielte mit den Tropfen. Dann fügte sie hinzu: „Er war eigentlich nicht sehr höflich." „Das macht ja nichts," tröstete Dorothy. „So ein kleiner Wurm!" „Das ist ungerecht von dir. Er ist Ausländer und die haben eben andere Manieren. * Langes Boot mit flachem Boden. ** Wohnhaus der Studentinnen, resp. Studenten. Er hat mich schon ein paar Mal angesprochen." „Was will er?" „Ich soll irgend einem jüdischen Verein beitreten. Wahrscheinlich wollte er gamicht unhöflich sein. Er sagte, er glaubte, ich müßte wohl wissen, ob ich Jüdin sein wollte oder nicht. Als ob das an mir liegt! Als ob man wählen könnte, ob man jüdisch oder englisch sein will!" „Aber du bist doch beides, nicht wahr? Und ihn geht es doch nichts an." „Nein. Aber er nimmt es so ernst-- eigentlich ist er rührend. Wahrscheinlich wollen die anderen Studenten in seinem College nichts von ihm wissen: das wäre doch hart. Jedenfalls bin ich Jüdin. Ich gehe ja nicht zur Andacht und ich gehöre doch auch nicht zum Christlichen Verein." Das hatte sie immer gewissermaßen als Opfer empfunden, denn ihre Freundinnen waren sämtlich Mitglieder dieses Vereines, und es wurden dort Debatten und Vorträge gehalten über Fragen, die sie interessierten. „Du handelst ganz richtig, Lena," sagte Dorothy. „Mach* dir keine Sorgen. Stell' dir vor, ein Student käme zu mir und behauptete, ich wäre keine gute Christin. Der würde was erleben!" Sie lachte, aber Lena war noch nicht beruhigt. „Es ist nicht ganz dasselbe," behauptete sie. „Judentum ist doch auch Rasse." „Und wenn auch? Heute kümmert sich kein Mensch mehr um die Rasse. Meine Mutter war Irländerin, so daß ich eigentlich nur halb Engländerin bin, aber ich mache mir keine Sorgen darum." „Es ist ein Unterschied, Dolly." Lena setzte sich aufrecht hin und trocknete die Finger an ihrem Taschentuch. „Ich kann es dir nicht erklären, aber es ist ein Unterschied. Ich bin nicht so wie du." „Kein Mensch ist so wie ein anderer. Denk' doch, wenn wir so wären wie die schreckliche Mary Smith!" „Sei doch nicht so albern! Ich spreche von Rassenunterschied. Ich habe mehr Ähnlichkeit mit dem sonderbaren Jungen als mit dir." Dorothy lachte und Lena wiederholte ungeduldig: „Sei doch ernst! Es ist so." „Entschuldige Liebling, aber du siehst so komisch und würdevoll aus, wie du so da sitzt und dich jüdisch fühlst und behauptest, daß du einen inneren Zusammenhang hast mit fremden jungen Männern. Ganz ehrlich, Lena, ich weiß nicht, was du eigentlich willst." „Ich glaube, ich weiß es selber nicht," antwortete Lena leise. „Aber ich denke immerfort darüber nach, auch Nachts, und es scheint mir, daß wir uns vielleicht als ein