Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1925)
- Article
- Gilgul
- Date
- 1925-02-01
- Page
- Seite 39 (sequence 1)
- Language
- German
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MENORAH 39 HERMANN BLUMENTHAL / GILGUL Ein Roman aus dieser und jener Welt Nachdruck verboten Copyright by Interterritorialer Verlag „Renaissance", Wien H.!• ortset/unp XXVII Elieser wurde ein Wandersmann und viele Monate irrte er auf den Landstraßen Podoliens und Wolhyniens umher, immer auf der Suche nach den Seinigen und nach seinem Heim. Er erinnerte sich an nichts, doch was er je gelernt hatte, blieb ihm eingeprägt, und er wußte ganze Abschnitte aus der Mischna und aus der Kabbala auswendig herzusagen. Damit lockte er auf den Märkten viele Leute heran, die den Worten der Weisheit aus seinem Munde zuhörten. „Er spricht Gottes Wort", sagten sie, und sein Name verbreitete sich bald unter den Armen im Lande. „Tröster der Armen" nannten sie ihn und füllten mit Münzen seine Taschen. Seine Bedürfnisse waren aber gering und so verteilte er das Geld unter solchen, die noch bedürftiger waren als er, und oft fehlte es ihm an einem Stück Brot, weil er für sich selbst nicht zu sorgen verstand. Eines Tages begegnete er einem Trupp von Gauklern und kam mit Mates, dem Anführer desselben, ins Gespräch. „Was ist Sein Handwerk?" fragte Mates. „Ich glaube, daß ich immer nur über den heiligen Büchern gesessen bin", erwiderte Elieser nach kurzer Überlegung. „Davon wird Er nicht übermäßig fett werden", sprach Mates. „Doch ich mache Ihm einen Vorschlag: Gehe Er mit uns. Er wird schon irgend etwas den Leuten vormachen können, um sich sein Brot zu verdienen." Elieser ging auf den Vorschlag ein und wurde Mitglied der Truppe. Mates verstand es ausgezeichnet, durch verschiedene Kunststücke die Leute heranzulocken. Er produzierte sich als Wahrsager und konnte aus den Linien der Hand lesen. Ferner wußte er in der Heilkunst Bescheid und kannte Mittel gegen allerhand Wunden. Das zweite Mitglied der Truppe war der Sänger Srul, ein Jüngling von etwa zwanzig Jahren, der jüdische Volkslieder sang und alle Instrumente zu spielen verstand. Er lockte mit seinen Weisen viel Volk herbei und die jungen Leute tanzten zu seiner Musik und sangen den Refrain der Lieder mit. Das dritte und letzte Mitglied war Awrum, der Akrobat, der gar viele Kunststücke verstand, wie: auf dem Seile tanzen, die Glieder verrenken und auf den Händen spazieren. Auch er zog viele Neugierige an, die seinen Zinnteller fleißig füllten. Zwischen diesen Leuten lebte jetzt Elieser, und wenn die anderen mit ihren Produktionen fertig waren, setzte er sich vor die Marktleute hin und sprach das Wort Gottes zu ihnen und erfüllte mit Andacht ihre Herzen. Da sie ihn aber beschenken wollten, rührte er keine Hand zur Entgegennahme der Gaben, die Mates für ihn einsammeln mußte. Das erboste den Sänger und den Akrobaten. „Seht den großen Herrn", sprachen sie. „Ist er nicht wie wir auf die Gaben der Leute angewiesen? Warum hält er sich erhaben über uns?" Doch Mates erwiderte ihnen: „Er ist ein Mann Gottes und muß mit Rücksicht behandelt werden. Seht nur, welchen Zulauf er hat." Und Mates behütete Elieser wie seinen Augapfel. Elieser merkte wohl, daß er nicht unter seinesgleichen war und die Bettlermanieren seiner Kameraden behagten ihm nicht. Ihre Lügen und Prahlereien waren ihm verhaßt, doch es fehlte ihm an Mut, allein seine Straße zu gehen. Den Verkehr mit seinen Kameraden schränkte er auf das notwendigste ein. Wenn sie ihr törichtes Zeug plapperten, beschäftigte er sich mit Gottes Wort, und nahm es mit Gleichmut hin, daß sein Platz jetzt hei Taugenichtsen und Landstreichern war. XXVIII Naftali blieb nur kurze Zeit bei den Seinigen. Die Sorge um Elieser trieb ihn wieder fort und er begab sich zu Reb Joel, der nach dem Tode seiner Tochter nach Brody übersiedelt war, um ihm vom Verschwinden Eliesers Mitteilung zu machen. Reb Joel erschrak: „Wir müssen ihn ausfindig machen", sagte er. „Wie leicht kann er einem Unfall zum Opfer fallen. Auch treiben sich viele Buschklepper umher, die ihm ein Leid antun könnten." „Ich will ihn suchen, und wenn er noch am Leben ist, hoffe ich, ihn zu finden", sagte Naftali. „Ihr werdet vielleicht lange Zeit braucher. und Ihr werdet Boten und Fuhrleute anwerben müssen. Ihr sollt keine Kosten scheuen", sprach Reb Joel und band Naftali einen Beutel Gold um den Hals. „Sagt ihm, daß ich ihn wie einen Sohn bei mir aufnehmen will. Was mein ist, ist auch sein." Naftali machte sich auf den Weg und suchte alle Orte auf, in denen Juden wohnten. Er besuchte jedes Bethaus und sah in allen Herbergen nach, doch niemand konnte ihm sagen, wo er den Freund suchen sollte. Er trieb sich vor den Stadttoren umher und fragte die Scharwache aus, aber auch hier konnte er nichts erfahren. „Viele Juden kommen durch das Stadttor", sagten die Knechte. „Wer ist imstande, den einen vom anderen zu unterscheiden." Mühevoll und gefährlich war eine Wanderung zu jener Zeit. Die Wege waren voll herrenloser Hunde, die sich Naftali anschlössen und nicht von seiner Seite wichen, so sehr er sich auch Mühe gab, sie abzuschütteln. Weite Strecken Landes waren versumpft, und es gab weder regelrechte Straßen noch Brücken. So mußte Naftali den Wagenspuren folgen, die der sicherste Wegweiser waren, weil sie von einem Ort zum anderen führten. Moritz Oppw.h.-im ADELHEID OPPENHEIM GEB, CLEVE DIE GATTIN DES KÜNSTLEKS Mit Erlaubnis il.-r Krcu.kturU'r Wrla^.nsUll A. Cj.