Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1925)
- Article
- Moritz Daniel Oppenheim
- Date
- 1925-02-01
- Page
- Seite 38 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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38 MENORAH Moritz Oppenheim SELBSTPORTRÄT Mit Eil.-»uhnis der Frankfurter Verlagsanslall A. G. erwiesen, der seine künstlerische Persönlichkeit hinter die von ihm gemalten Dinge zurücktreten läßt. Seinem historischen Talent verdanken wir auch in seinen Erinnerungen eine der interessantesten Aufzeichnungen der Zeit, die in liebenswürdiger Weise über eine Periode berichtet, die besonders für das heutige deutsche Judentum von größtem Interesse ist. Im Zusammenhang mit der Betrachtung des jüdischen Eigenlebens des Meisters interessiert natürlich am meisten seine Stellung zu den jüdischen Feiertagen, deren Darstellung sein Hauptwerk bildet. Wie tief die Eindrücke der Festtage im Elternhause auf den Knaben einwirkten, kann man aus den Aufzeichnungen des damals Achtzigjährigen entnehmen"). „An Feiertagen, wenn sie in die Synagoge ging, trug die Mutter ein schmuckes Seidenkleid; darüber einen rotsamtenen, mit weichem Pelze verbrämten Überwurf. Der Tisch war, besonders am Seder-Abend, mit silbergestickter Brokatdecke geziert; darauf standen silberne Becher, silberne Leuchter und sogar silberne Rechauds für die Speisen. Wie überaus prachtvoll erschien mir dieser Abend! Wie herrlich sahen die lieben Eltern aus! Am oberen Ende des Tisches stand des lieben Vaters strohgeflochtener Stuhl, auf welchen wir Kinder, die schon erwachsenen nicht ausgenommen, aus Pietät uns niemals zu setzen wagten; an jenem Abend wurde der Stuhl in einen Thronsessel umgewandelt, indem er mit rotseidenen Kissen, reich gestickt mit Silber- und Goldbrokat, bedeckt ward. Auf diesem Thron sitzend, sah der liebe Vater, der am Seder-Abend auch besonders guter Laune zu sein pflegte, gar königlich aus. Die liebe Mutter, im Bewußtsein, die große Pesach-Arbeit glücklich vollbracht zu haben, überblickte liebevoll die Tischgenossen und saß bei der Zeremonie als Königin dem Herrn Gemahl zur Seite. Sah ich in beiden am Seder- Abende, dem Freudenfeste, den Ausdruck freier Heiterkeit, so zeigte mir das ernstere Neujahrs- und das durchaus ernste Versöhnungsfest in den Geliebten ein Bild des frömmsten, innigsten ehelichen Lebens. Da war ein Glauben, ein Lieben, ein Fürchten, Wünschen und Hoffen — ein Heiligenschein umgab an diesen feierlichen Tagen die geliebten Eltern!" Als der junge Künstler 2) A. a. O. S. 5. in Rom weilte und mancherlei Ablenkung hatte, war er dennoch nicht unempfänglich für den Zauber jüdischer Feste geworden. Er schreibt darüber3) : „Und dennoch, bei dem Herannahen der hohen jüdischen Feste, Neujahr und Versöhnungstag, welche so viele fromme, ehrwürdige Erinnerungen an das geliebte elterliche Haus wachriefen, war es mir gar weh ums Herz, keinen jüdischen Tisch zu haben; und es gab damals im ganzen Ghetto noch kein jüdisches Speisehaus." Sein Verhältnis zum jüdischen Gottesdienst spiegelt sich an einer anderen Stelle1) : „Im Gegensatz dazu (zur katholischen Kirche) vergegenwärtigte sich mir dabei stets die Prunklosigkeit und stolze Einfachheit der jüdischen Synagoge, in welcher alle Menschen, vor Gott gleichgestellt, ihr Gebet verrichten; unsere oft finsteren Gotteshäuser wirkten auf mich inniger, erhebender; sie erschienen mir großartig und ehrfurchtgebietend.4' Über sein Verhältnis zum Judentum äußert er sich dann weiterhin: „Ich sagte denen, welche beabsichtigten, mich zu bekehren, sie möchten sich weiter keine Mühe geben; denn mir werde durch ihre Anregung der Glaube, in dem ich geboren und erzogen sei, nur desto lieber." Wie stark sein Empfinden für die Würde seiner Gemeinschaft war, erhellt eine Bemerkung über die Kreuzschlagende Dorothea von Schlegel") : „Dieses Zeichen bei der Tochter Moses Mendelssohns machte mir immer einen wehmütigen Eindruck." Es ist bei der Einstellung Oppenheims, die gleichermaßen in seinen Erinnerungen und in seinen Bildern wiederkehrt, selbstverständlich, daß er nur im jüdischen Kreise sein Bestes hergeben konnte. Der Lebensweg des Künstlers ist mit folgenden Daten umrissen: Nach dem er den damals üblichen jüdischen Unterricht erhalten hatte, und durch einen ihm sehr unangenehmen Schreibunterricht und einen kurzen Besuch des Gymnasiums in weltlichen Fächern vorbereitet worden war, gelang es ihm, die Zeichenakademie seiner Heimatstadt zu besuchen. Nach einem Aufenthalt in der Münchener Akademie (1818 bis 1820) wandte er sich nach Paris, wo der damals Zwanzigjährige „dem höheren Wesen der Kunst" nicht näherzukommen glaubte. Von dort führten ihn glückliche Umstände nach Italien, wo es ihm gelang, in Beziehung zu den führenden Geistern zu kommen, besonders Thorwaldsen nahm sich des jungen Malers an. Von 1821 bis 1825 weilte Oppenheim mit kurzen Unterbrechungen in Rom, wo er die entscheidenden Entwicklungsjahre verlebte, deren Spuren in seinen frühen Bildern deutlich zu erkennen sind. Nach Deutschland zurückgekehrt, lebte er von nun an in Frankfurt am Main, das er nur gelegentlich bei Reisen verließ. Unter diesen ist seine Reise nach Weimar 1827 am bekanntesten geworden, weil sie ihn mit Goethe zusammenbrachte. Die Reise nach England, 1837, war für den „Maler" wohl von größerer Bedeutung, während der Aufenthalt in Weimar für das „Fortkommen" dienlicher gewesen sein mag, da Oppenheim auf Goethes Veranlassung den Professorentitel erhielt. Bis zu seinem Tode hat der allezeit fleißige Maler geschafft, ohne zu ermüden; wenn der Enkel das Lebenswerk des ersten jüdischen Malers zusammengestellt haben wird0), können wir die heute in alle Welt zerstreute Fülle des Nachlasses überschauen. Der kurze Anhang, der den „Erinnerungen" beigegeben ist, gibt schon jetzt das Wichtigste an, so daß hier nur noch ein Wort über den Menschen zu sagen übrigbleibt. Ein glückliches, unproblematisches und einfaches Temperament, ein auf dem Boden der realen Tatsachen stehender Mensch, der stets bescheiden hinter seiner Arbeit und hinter dem Geschehen seiner Umwelt seine eigene Persönlichkeit zurückstellte. Kein Ringer mit der eignen Natur, keiner, der über die Grenzen seines Könnens heraus wollte, jedoch einer, der in jahrelanger, fleißiger Arbeit und mit starker Selbstkritik das Mögliche bis zum äußersten auszubauen wußte. Dabei ein selten feiner Gefühlsmensch, selber groß im Erleben, das der mit ausgezeichneter Beobachtung Begabte mc'sterlich zum Ausdruck zu bringen wußte. Vor allem aber der aufrechte Mann, der sich seines Judentums nie schämte und in ihm und für seine Gemeinschaft sein Bestes hergab, verdient unser Interesse. 3) A. a. O. S. 36. •"■) A. a. O. S. 89. «) A. a. O. S. 56. ") 142 Werke von Oppenheini stellte der Frankfurter Kunstverein im Frühjahr 1900 aus.