Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1925)
- Article
- Moritz Daniel Oppenheim
- Date
- 1925-02-01
- Page
- Seite 37 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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M E N O R A H 37 MORITZ DANIEL OPPENHEIM r 8.) Jüihht ISOO in Hanau, gcstorlx-n 26. Fekniai 18S2 in Fr; Von ERICH TOEPLITZ. Wer die Kunst Oppenheims verstehen und recht würdigen will, der muß sich in die Zeit zurückversetzen, in der sie entstand. Die Kinder des bürgerlich-gelehrten Zeitalters hatten Anschauungen über die bildende Kunst, die uns heute zuweilen verwundern. Als Reaktion auf die große und freie Dilettanterei des Rokoko hatte ein kleinliches und beengtes Handwerkertum eingesetzt, statt der freien Stellungnahme zum Kunstwerk bei den Vätern galt den Kindern die überlegte und inhaltlich-bedingte Schöpfung. Neben dieser Reaktion auf die Vergangenheit wirkte die literarische Beschwerung des Goetheschen Zeitalters und die erdrückenden Funde aus dem künstlerisch überlegenen Altertum zusammen mit der von Winkelmann gepriesenen Nachahmung der Alten auf die künstlerische Einstellung des beginnenden 19. Jahrhunderts. Unter diesen Einwirkungen entstanden die Werke des Malers Oppenheim, die Ideen seiner Epoche sind für die Wertung seiner Hand maßgebend. Kein Ringen um weitgesteckte künstlerische Ziele, kein Kämpfen um eine starke persönliche Note, sondern ein bescheidenes Wetteifern mit den großen Werken der Vergangenheit, die im gelobten Lande der Kunst — in Italien — von dem Künstler studiert wurden. Und doch hat den jungen Oppenheim die Leere der Zeitgenossen zuweilen arg bedrängt'), weder in Paris, wo man am Ruhme Davids zehrte, noch in Italien, wo die von ihm scharf karikierten Nazarener herrschten, hat er den Ton gefunden, der in seinem Inneren Widerhall fand. Das mag zum guten Teil daran liegen, daß er in seiner jüdischen Mentalität nicht am Christlich-Posierenden der Nazarener teilzunehmen vermochte. Dennoch hat er von ihnen technisch und inhaltlich viel gelernt, aber seine biblischen Bilder sind trotz ihres christlich-nazarenensischen Gewandes alles andere als christliche Andachts- oder Erbauungsbilder. Hierin unterscheidet er sich merklich von seinem Zeitgenossen Heine, dessen Wallfahrt nach Kevlaar durchaus vom Christentum akzeptiert werden könnte, und dessen deutsche Lieder Gemeingut der Deutschen geworden sind. Oppenheim war viel zu sehr im Judentum verwurzelt, als daß er außerhalb des jüdischen Kreises auf die Dauer Fuß fassen und dort Wurzeln schlagen konnte. Um das Lebenswerk des Malers zu verstehen, muß man ihn als den Juden werten, dessen innere Verbundenheit mit seiner Gemeinschaft stark genug war, um in ihr und für sie zu schaffen. Bei dem damaligen Stadium des jüdischen Eigenlebens in Deutschland war diese Beschränkung für den Künstler nicht ohne Behinderung, die jedoch durch die Wandlung der allgemeinen Einstellung ausgeglichen wurde. Oppenheim hat, wie alle wahren Künstler, von diesen Vorgängen kaum etwas gemerkt, er war auch viel zu realistisch veranlagt, als daß er sich von Grübeleien seinen Lebensweg trüben ließ. An Hand der Entwicklung der Malerei läßt sich jedoch beweisen, daß der Künstler durch die allgemeine Abkehr von der religiösen Kunst der Nazarener und durch das Aufkommen der Biedermeiermalerei und des Stimmungsimpressionismus in den Fünfzigerjahren in seinem Lebensweg gefördert wurde. Das Gegenständliche, das nun zur Herrschaft gelangte, die lokale Bedingtheit, die leicht das Anekdotenhafte streifende Geschichtenmalerei und die ängstliche Naturbeobachtung, kamen der Eigenart Oppenheims und seiner Sujets entgegen. So wurde er nicht nur der „Maler der Rothschilds", wie er sich gelegentlich selber nannte1), sondern auch der Porträtist vieler berühmter Juden seiner Epoche und vor allem der Maler der „Bilder aus dem altjüdischen Familienleben". Ehe wir uns jedoch mit dem Lebensweg des Künstlers beschäftigen, wollen wir einen Blick in sein und seiner Zeitgenossen jüdisches Eigenleben tun. Als 1811 die Tore des Ghettos im Großherzogtum Frankfurt, zu dem auch Oppenheims Geburtsort Hanau gehörte, fielen, waren die innerpolitischen Angelegenheiten der Juden für die Förderung eines jungen Talents günstig. In den Tagen der Emanzipation sollten sich die Juden durch weitgehende Assimilation an die Umwelt den Segnungen der neuen Freiheit würdig erweisen; es galt Handwerk und schöne Künste unter ihnen zu verbreiten, um ihre Nützlichkeit zu beweisen. Den veränderten Verhältnissen hatte Oppenheim es zu danken, daß er sich der Ausbildung seines Talents widmen durfte, eine Neuerung, die noch ein Menschenalter früher unerhört, ja, verbrecherisch in jüdischen Kreisen gegolten hatte. Er ist aber nicht nur der erste Künstler jüdischer Abstammung, der sich — besonders als Porträtist — einen Namen gemacht hat, sondern er ist zugleich der erste im Reigen jener Maler, die sich mit Darstellungen aus dem jüdischen Milieu beschäftigten. Dieser Umstand muß in Anbetracht der allgemeinen Abkehr vom Judentum zu Beginn des 19. Jahrhunderts besonders hervorgehoben werden, er zeigt uns den Maler als einen aufrechten und selbstbewußten Juden, der gegenüber dem würdelosen Gebaren vieler seiner jüdischen Zeitgenossen eine rühmliche Ausnahme bildet. Durch seine „Bilder aus dem altjüdischen Familienleben" hat sich Oppenheim mehr Ruhm erworben, als durch sein übriges Schaffen! Noch heute, nach fast einem Jahrhundert, sind diese ersten Darstellungen aus dem jüdischen Milieu unvergessen, sie erfreuen sich einer größeren Verbreitung, als es bei allen spateren ähnlichen Schilderungen der Fall ist. Auch als Zeitdokument sind sie von unschätzbarem Wert, denn hier (und in seinen Porträts) hat sich Oppenheim als der getreue Historiker ') Siehe Hie Angaben an verschiedenen Stellen seiner „Erinnerungen", die Moritz Oppenh jetzt von seinem Enkel, dem Maler Alfred O anstatt herausgegeben worden sind. der Frankfurter Verlags- DIE VERSTOSSUNG DER HAGAR St:-klelsch,-s Kunstinstitut, Frankfurt n. M.