Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1925)
- Article
- Don Jizchak Abarbanel
- Date
- 1925-02-01
- Page
- Seite 36 (sequence 3)
- Language
- German
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36 MENORAH die ,Fürstin unter den Ländern', und von seinem Triumphgefühl berauscht, sprach er in seinem Herzen: Womit kann ich bei meinem Gotte, der Granada in meine Hände gab, Wohlgefallen finden? Ich werde das im Finstern wandelnde Volk, das verirrte Schäflein Israel, unter seine Fittiche bringen. Und des Königs Befehl wurde von Ausrufern bekanntgegeben: Wollt ihr, Familien aus dem Hause Israel, meinem Gott dienen, so sollt ihr gleich uns das Fett des Landes genießen; so ihr euch aber weigert, so soll der Name Jakob und Israel in meinen Ländern ausgetilgt sein! Ich tat alles, was in meinen Kräften stand, um den Befehl rückgängig zu machen. Ich bot dem König reiche Schätze, die die Juden für ihre Heimat herzugeben bereit waren. Ich rief alle meine christlichen Freunde herbei, auf daß sie beim König als Fürsprecher der Juden wirken. Aber ich predigte tauben Ohren. Besonders die Königin bestand darauf, das begonnene .gottgefällige Werk' zu vollenden. Eine Trauer herrschte unter den Juden wie bei der Austreibung aus Jerusalem. Einer ermutigte den anderen, treu bei seinem Gotte auszuharren. Dreihunderttausend Menschen, Jung und Alt, Weib und Kind, wanderten an einem Tage aus den Ländern Spaniens. Sie wanderten, und Adonaj war an ihrer Spitze! . . . Die einen wandten sich nach Portugal, die anderen nach Navarra. Überall umfing sie Finsternis; sie hatten mit dem Hunger zu kämpfen und mit den Beschwerden des Weges, die Pest wütete unter ihnen. Viele, die jenseits des Meeres eine Zufluchtsstätte zu finden gehofft hatten, fanden den Tod in den brandenden Wogen. Viele kamen bei Schiffsbränden ums Leben. Die meisten gingen zugrunde; eine kleine Schar bloß blieb am KÖNIG ALFONS VON PORTUGAL, DER GÖNNER ABARBANELS Porlrälsammlung der Nationalbibliothek Wien Leben. Ich schloß mich den Exulanten an und ging mit meiner Familie nach Neapel, dessen Herrscher in Huld und Gnade regierten." Abarbanel starb im Jahre 1508 im Alter von einundsiebzig Jahren in Venedig; seine Leiche wurde nach Padua gebracht. Mit seinen Werken hat sich Abarbanel im hebräischen Schrifttum ein dauerndes Denkmal gesetzt. Bewundernswert, was dieser Finanzminister Abarbanel, der nacheinander die Finanzen Portugals und Spaniens verwaltete und der, wie er selbst bekennt, infolge der Überbürdung mit Staatsgeschäften „das Studium der Gotteslehre vernachlässigen" mußte, doch noch alles auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft geleistet hat. Er schrieb einen Kommentar zu fast allen Büchern der Heiligen Schrift und zu jedem Buche eine treffliche Einleitung, ein Buch „Atereth Sekenim", das die wichtigsten Glaubensfragen behandelt, zwei Schriften „Ma'ajne Hajeschua" und „Jeschuoth Meschicho" über den messianischen Gedanken im Judentum, einen feinsinnigen Kommentar zur Maimonides' „More Nebokhim", einen Kommentar zur Mischna Aboth und andere kleinere Schriften exegetischen und religionsphilosophischen Inhalts. Mit seinen Werken trat Abarbanel in die Reihe der großen Leuchten Israels. Abarbanel war ein Gelehrter von Rang, ein Denker von hohem Ansehen. Seine Gedanken sind tief, seine Schreibart klar, seine Betrachtungsweise durchaus vom jüdischen Geiste erfüllt; seine Kommentare zeichnen sich durch feinsinnige Bemerkungen aus, seine personlichen Bekenntnisse atmen den Geist der Aufrichtigkeit, seine Schilderungen aus der Leidensgeschichte der Juden in Spanien wirken in ihrer schlichten, wohl wehmütigen, aber nicht wehleidigen Art erschütternd und herzergreifend und seine Trostworte an Israel sind erquickend und aufrichtend. Don Jizchak Abarbanel ist eine Persönlichkeit von historischem Wuchs. Sein Lieben ist reich an dramatischen Momenten. An ihm ließe sich eine ganze Reihe seelischer Konflikte demonstrieren. Zunächst: die Überwindung des menschlichen Ehrgeizes durch das jüdische Gefühl. Oder: der Konflikt zwischen dem Willen zur Heimat und der Liebe zum eigenen Volke. {,,Ich schloß mich den verfolgten Brüdern an", sagt er treuherzig einfach.) Oder: die Preisgabe der höchsten Ehrenstellen aus höchstem Ehrgefühl. . . Der neunte Ab 1492*) Ach, sie ziehn, den Fluch nur zum Gefährten, Männern funkeln Tränen in den Bärten, Und mit Blumen der verlassnen Gärten Ist geschmückt der Frauen dunkles Haar. Blumen, daß sie welk noch mahnen sollen An der Heimat liebgewordne Schollen; Greise ziehen mit der Thorarollen Pergamentnen Fahnen stumm voran. ,,Sonne, leuchte unsrem Pfad nicht nieder, O verstummt, verstummt nicht, Trauerlieder! Welches Land nimmt die Vertriebnen wieder, Die von Gott Verlassnen, Müden auf? Ach, wo ist die Ruh für dein gejagtes, Armes Volk, selbst um ein Grab verzagt es, Wo ist Gott?" So singt es und so klagt es Durchs Gebirg bis an das blaue Meer. Könntet ihr im Buch der Zukunft lesen, Von dem Grame wär't ihr bald genesen: Seht, es ziehn des kühnen Genuesen Schiffe eben in das fremde Meer. Überkommt die Herzen nicht ein Ahnen? Jenseits über allen Ozeanen Glänzt ein Land, entrollt der Freiheit Fahnen, Goldne Pforten tut es gastlich auf! Und den Schiffern, so dahin die Enkel tragen, Wird voran die Feuersäule ragen — Laßt das Weinen, laßt das bange Zagen, Ihrer harrt ein neues Kanaan! Ludwig August Frankl. *) Vertreibung der Juden aus Spanien. Am darauffolgenden Tag trat Columbus die Fahrt an, auf der er Amerika entdeckte.