Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1925)
- Article
- Wirtschaftsprinzip und Siedlungsplan der palästinischen Kolonien
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 21 (sequence 1)
- Language
- German
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MENORAH 21 Robert Weiss / Wirtschaftsprinzip und Siedlungsplan der palästinensischen Kolonien Abbildungen: Projekt. Dipl. Ing. Richard Kaufmann, Arch.; Aufnahme Ben Or Kalter (Jerusalem). Es ist bezeichnend für den eigenen Charakter der Palästinakolonisalion der letzten sieben Jahre, daß die Wirtschaftsart der einzelnen Siedlungen auch in der Linienführung ihrer Baupläne zum Ausdruck kommt. Die alten Siedlungen, die noch vor dem Kriege gebaut wurden, weisen einen mehr oder weniger uneinheitlichen Charakter auf. Längs der Hauptstraße hat man zu beiden Seiten die Wohnbauten und Wirtschaftsgebäude der Kolonisten angelegt. Den einheitlichen Siedlungsgedanken, die organische Baulinienführung werden wir selbst in den größten Kolonien wie Petach-Tikwah oder Rischon-Ie-Zion ebenso vermissen wie eine architektonische Ausnützung des Geländes. Der Zufall und die Willkür bestimmten das wirtschaftliche Entstehen dieser Kolonien und das kommt auch in der Bauart ihrer Häuser, im Gesamtbild ihrer Siedlungsanlage zum Ausdruck. Die meisten neuen Siedlungen weisen dagegen ein völlig verändertes Bild auf. Nicht die Willkür des einzelnen, ja vielfach nicht einmal das Gutdünken der Kolonie, sondern die bautechnischen Grundsätze außenstehender Architekten und die Sicherheitserfordernisse bestimmten die Anlage der Siedlung. Der mit den Eigenheiten der Kolonisation und des Landes vertraute Architekt dachte nicht nur an die Gegenwart, sondern auch an die Zukunft, ließ Raum für kommende Gemeinschaftsbauten und Anlagen, sorgte auch für den immerhin noch möglichen Fall, daß ihren Besuchen, daß die palästinensischen Siedlungen durch ihre planmäßige Gestaltung heute schon zu Vorbildern für das Siedlungswesen geworden seien. Es sind hauptsächlich drei Siedlungstypen, die für die Palästinakolonisation von heute in Betracht kommen. Zunächst die Siedlung auf vollkommen privatwirtschaftlicher Grundlage wie zum Beispiel Bone Bajith und Hettin. (Siehe die Abb. 1 und 2.) Wir erkennen sehr deutlich, daß das Gelände die wesentlichen Siedlungslinien vorgezeichnet hat. Die Kolonie besteht aus einigen wenigen Gemeinschaftsgebäuden und im wesentlichen aus ziemlich gleich großen Landparzellen, an die rieh an der Peripherie das weitere Besitztum der Familien anschließt. Gemäß dem ausschließlich individualwirtschaftlichen Charakter der Siedlung ist nicht einmal ein gemeinsames Lagerhaus vorgesehen. Anders ist der Charakter der halb individualwirtschaftlichen, halb genossenschaftlichen Kolonien, wie zum Beispiel Kfar-Nahalal (Abb. 3) und Kfar-Jecheskiel (siehe die Umschau-Illustration auf Seite 2 des vorigen Heftes). Diese Siedlungen basieren auf dem Prinzip des M o s c h a. w O w d i m. Der wirtschaftliche Grundsatz dieser Kolonie: Die Bestellung des Bodens und die Aufzucht und Wartung des Viehes hat jede Siedlerfamilie für sich allein zu besorgen. Der Einkauf von Saatgut, Dünger und sonstigen landwirtschaftlichen Bedarfsartikeln, die Pachtung des VOGELPERSPEKTIVE DER ANLAGE VON BONE BAJITH (ABB. 2) die Siedlung räuberischen Überfällen ausgesetzt sein kann. Vor allem aber war der Grundcharakter des Siedlungsplanes durch die natürliche Beschaffenheit des Geländes vorbestimmt. Der Architekt ist daher in erster Linie bemüht, den harmonischen Gesamteindruck zwischen der natürlichen Landschaft und den baulichen Veränderungen zu erreichen. Wer die Siedlungsbilder der jüngsten Kolonien, insbesondere von Kfar-Nahalal und Kfar- Jecheskiel unter diesen Gesichtspunkten betrachtet, wird sofort erkennen, daß hier nicht nur eine äußerst zweckmäßige, sondern eine vorbildliche Lösung von seltener Schönheit erreicht wurde. Daß es dem maßgebendsten palästinensischen Siedlungsarchitekten Dipl.-Ing. Richard Kaufmann darüber hinaus noch gelang, sich in den besonderen Wirtschaftscharakter der einzelnen Siedlungen einzufühlen, hat nicht nur für Palästina seine Bedeutung. Englische Gewerkschafter und Genossenschafter erklärten bei Bodens, die Inanspruchnahme des Hypothekar- und Mobilarkredites erfolgt dagegen gemeinsam. Ebenso der Verkauf und die allfällige Verarbeitung der Produkte (Molkerei usw.). Die vorbildlichen Einrichtungen zum Beispiel der reichsdeutschen landwirtschaftlichen Genossenschaften und Raiffeisenkassen ermöglichten es den palästinensischen Kolonisten, gerade auf diesem Gebiete des Genossenschaftswesens von Experimenten abzusehen und sofort jahrzehntelang bewährte genossenschaftliche Einkaufs- und Verkaufsmethoden zu übernehmen, ohne dabei die wirtschaftliche Selbständigkeit und Verantwortung des einzelnen aufzuheben oder einzuschränken. In diesen nach dem Prinzip des Moschaw Owdim errichteten Kolonien, wird zunächst für die rein landwirtschaftlichen Siedler, etwa 80 bis 100 Familien, ungefähr I 00 Dunam pro Anwesen aufgeteilt. Davon liegen etwa 10 Dunam im Zentrum der Sied-