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Menorah · 1925-01-01 · Heft 1 (Januar 1925) · p. Seite 18

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 1 (Januar 1925)
Article
Gilgul
Date
1925-01-01
Page
Seite 18 (sequence 3)
Language
German
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18 M E N O R A H meinem Munde zu vernehmen und just zur Beratung der Zadikim zurechtkommen, dann wisse, das Leid wird von dir genommen. Dann folge auch du ihnen an jenen Ort, wo die Frommen beisammensitzen, und durchstreife die Stadt von einem Ende zum anderen, bis du die Stelle erreichst, die du vom ersten Tage an sahst. Dort wirst du den Anfang und das Ende deines Seins finden und die Summe deiner Leiden wird abgeschlossen sein. Du wirst mich wiedersehen und alles wird dir klar werden." Purpurrot stieg jetzt die Sonne hinter dem massigen Gestein hervor und tauchte den Bergwald in ein Meer von Licht. Geblendet standen die beiden Männer auf dem Berggipfel. Der Bai Schern streckte beide Arme gegen den Himmel aus und sprach zu Elieser: „Sieh, die ganze Natur jubelt Gott entgegen und die große Welt ist voll der Herrlichkeit Gottes. Wahrhaft fromm ist, wer die Liebe zu Gott im Herzen trägt. Die Seele des Menschen ist ein Teil Gottes, und durch die Freude, durch unsere Gedanken und Taten haben wir die Schöpferkraft in uns. Das ist das Heilige und Göttliche am Menschen, daß er durch seinen Willen gottähnlich werden kann." Nach diesen Worten entschwand der Bai Schern und Elieser sah sich nur vom hellen Morgenlicht umgeben. Da sank er hin, denn er fühlte, daß er wieder allein war und daß die Kraft von ihm genommen war. XXV Nach zwei Tagen fand Matiej vor der Holzhütte des Bai Schern Elieser bewußtlos auf und brachte ihn in seine Hütte. „Ich bringe einen Verunglückten", sagte er zu seinem Weibe und legte den Leblosen auf die Ofenbank. Dann untersuchte er den Körper, und als er nirgends eine Wunde fand, versuchte er, ihn ins Leben zurückzurufen, was ihm alsbald gelang. Verwundert blickte Elieser um sich und ohne ein Wort zu sprechen, verfiel er in einen tiefen Schlaf. Die beiden Alten betteten ihn weich und beratschlagten, was zu tun sei. „Gewiß hat er sich verirrt und ist aus Erschöpfung zusammengebrochen", meinte Matiej. „Dann hat er wohl seit Tagen nichts gegessen," sagte das Weib, „ich will ihm eine Kräutersuppe kochen." Als der Kranke nach einiger Zeit die Augen aufschlug, gab sie ihm die Suppe. Elieser aß und schlief dann wieder ein. Als die Dunkelheit hereinbrach, saßen die beiden Alten beim Schein einer Kienfackel neben dem Schlafenden. „Entsinnst du dich des Juden, der vor Jahren in der Hütte auf der Kuppe gelebt hat?" fragte Matiej. „Gewiß, er war ein Heiliger und betete viel ..." „Das ist nun der zweite Jude hier im Gebirge. Auch ihm hat es in der Ebene nicht mehr gefallen. Er scheint ebenfalls ein Gelehrter zu sein. Wir müssen uns seiner annehmen." Elieser verfiel in eine hitzige Krankheit und lag viele Wochen ohne Besinnung da. Matiej und sein Weib pflegten ihn. Aus einem entfernten Ort brachten sie einen Feldscher, der heilsame Tropfen verschrieb, und als das Fieber endlich wich, waren die beiden Alten vcll Freude, als wenn ihr eigener Sohn genesen wäre. Als Elieser klar bei Sinnen war, begann er ein Gespräch mit Matiej. „Ihr seid sehr gut zu mir", sagte er. „Ihr habt dadurch Verdienst erworben und der Lohn des Himmels wird nicht ausbleiben. Wo fandet Ihr mich in diesem Zustand?" „Vor der Hütte des Juden Israel lagt Ihr." Elieser dachte nach, doch kein Funke der Erinnerung glomm auf. „Wie mag ich wohl hingekommen sein", sprach er halblaut. „Gewiß habt Ihr Euch verirrt. Erinnert Euch nur!" Elieser schüttelte den Kopf und sprach: „Ich weiß von nichts, doch mir ist, als wenn ich Schreckliches erlebt hätte." Lange schwieg Elieser, dann fragte er weiter: „Wie lange, glaubt Ihr, kann ich dort gelegen sein?" „Zwei Tage vorher traf ich Euch vor der Hütte und wir sprachen eine Weile miteinander", erwiderte der Alte. Elieser überlegte eine Weile. „Ich erinnere mich nicht daran", sprach er. „So wißt Ihr nicht, woher ich gekommen, wohin ich wollte, was mich hieher geführt?" Verwundert blickte ihn Matiej an und schwieg. „Der arme Mann," dachte er, „sein Gedächtnis muß stark gelitten haben." XXVI Unten in der Ebene bedeckte schon lange das saftige Grün Äcker und Fluren und die Kirschbäume blühten bereits, als sich im Bergwald der Frühling zu regen begann. Immer leiser rauschten die Gebirgsbäche und langsam und allmählich begann hie und dort das Grün hervorzusprießen. Die ersten Sonnenstrahlen lockten auch Elieser ins Freie. Tag für Tag saß er vor der Hütte und die Gebirgsluft tat ihm wohl und stärkte ihn, so daß er bald vollständig genas. Sein Gedächtnis kehrte aber nicht wieder und alles, was er bis zu dem Tage, da ihn der alte Huzule vor der Holzhütte gefunden, erlebt hatte, war aus seiner Erinnerung wie hinweggewischt. Immer wieder fragte ihn Matiej aus. „Wißt Ihr nicht, wo Eure Geburtsstadt ist, wer Eure Eltern sind? Kennt Ihr denn Euren eigenen Namen nicht?" Elieser schüttelte den Kopf und wiederholte nur: „Ich weiß es nicht." Er studierte viel im Schar. Die Gedanken, die in diesem geheimnisvollen Buche eingeschlossen sind, erfüllten ihn ganz, und wie aus weiter Ferne vernahm er das Rauschen der Tannen und Bäche. Im Scmmer dieses Jahres begann es sich in den Gebirgsschluchten gar seltsam zu regen. Die leibeigenen Bauern wurden zu jener Zeit von den Gutsbesitzern arg bedrückt und viele flüchteten in den Bergwald. Dort vereinigten sie sich zu Scharen und zogen oft zu Tal, um an ihren früheren Herren Rache zu üben. Sengend und plündernd zogen sie von Gutshof zu Gutshof und kehrten dann ins Gebirge zurück, wo sie vor allen Verfolgungen sicher waren. „Hajdamaken" nannte sie der Volksmund und ihr Führer war Olexa Dobosch aus dem Dorfe Putila, der Kühnste von allen. Eines Tages lagerten die Hajdamaken neben der Hütte Matiejs. Voll Mitleid blickte Dobosch auf die abgemagerte Gestalt Eliesers und sprach: „Auch dir scheinen die Menschen arg mitgespielt zu haben. Schließe dich an uns und kämpfe mit uns gegen die Unterdrücker." „Ich fühle, daß ich Schweres mitgemacht habe," erwiderte Elieser, „aber nicht mit der Waffe in der Hand soll man gegen das Unrecht kämpfen, lehrt unser Gesetz. Einem Höheren von uns ist es vorbehalten, die Sündigen zu bestrafen." „Ich richte nach dem uralten wahren Recht", sprach der Hajdamakenführer. „Die Mächtigen unterjochen das Volk, und auch das ist wider das Gesetz. Wenn ich von einem Unrecht höre, dann warne ich den Frevler und erst wenn er meine Warnung in den Wind schlägt, ziehe ich zu Felde gegen ihn." Doch Elieser schüttelte den Kopf und sagte: „Den Sündigen wird die Strafe ereilen. Gott allein ist unser Richter und er verteilt Lohn und Strafe." „Auch du bist ein Gottsucher, wie jener Israel aus Okup, der ein gerechter Mann ist", sprach Dobosch. „Bleibe im Bergwald, solange es dir beliebt, und sei meines Schutzes gewiß." Den ganzen Sommer über blieb Elieser im Gebirge, doch als der Herbst nahte, sprach er zu Matiej: „Viel habt Ihr für mich getan und Gott wird es Euch lohnen, doch jetzt will ich wieder zu den Meinigen zurückkehren." „Wie wollt Ihr Eure Angehörigen finden, wenn Ihr weder ihren Namen noch den Ort ihres Aufenthaltes kennt?" fragte der Huzule. „Ich werde von Stadt zu Stadt wandern, bis ich sie finde", entgegnete Elieser. Am nächsten Markttag brachte Matiej Elieser nach Wiznitz, und Elieser schloß sich einer Gruppe von jüdischen Wanderarmen an, die zu jener Zeit massenhaft die Landstraßen durchzogen. (Fortsetzung folgt.)

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