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Menorah · 1925-01-01 · Heft 1 (Januar 1925) · p. Seite 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 1 (Januar 1925)
Article
Gilgul
Date
1925-01-01
Page
Seite 17 (sequence 2)
Language
German
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M E N O R A H 17 Tief ergriffen stand Elieser da und starrte unverwandt in die zischenden Flammen. Zögernd folgte er dem Bai Schein. Furchtbares hatte er in diesen Tagen gesehen und gehört, aber nichts wirkte auf ihn so mächtig wie die Geschichte der beiden Seelen, von denen die eine Gnade gefunden hatte, während die andere, noch ohne Fehl, doch schon gezeichnet, dereinst der ewigen Verdammnis preisgegeben werden sollte. XXIV In Sinnen versunken folgte Elieser seinem Führer, bis ein frischer Lufthauch sein Gesicht berührte. Er blickte auf, und sein Herz erstarkte, als er wieder den Himmel über sich und saftiges Grün zu seinen Füßen sah. Es war in der Morgendämmerung, und der junge Tag brach an. Er hemmte seinen Schritt, atmete in vollen Zügen die frische Morgenluft, und die Träume glitten von seiner Seele. Er erkannte, daß sie sich im Bergwalde befanden, den er vor kurzem allein durchstreift hatte. Und Elieser sprach zum Bai Schern: „Seht her, Rabbi, an dieser Stelle lag ich und flehte Gott um Offenbarung an. Noch erkennt man die Spuren meines Körpers im Grase. Ich rief die toten Dinge um mich an und wartete, daß sie mir ihr Leben verkünden. Ich heiligte mich, bevor ich hieherkam, damit ich das Unendliche schauen konnte, doch kein Zeichen ward mir, und vergebens suchte ich in diesen Bergen und Abgründen den Keim des Lebens, vergebens rief ich die irrenden Seelen an, die hier verbannt sein könnten." ,,Du fandest nur das Tote und Starre an den Dingen, denn dir war es nicht gegeben, zu schauen", erwiderte der Bai Schern. „Dir war es in deinem jetzigen Leben nur vergönnt, längst Vergangenes wie in einem matten Spiegelglas zu sehen, und damit bist du von vielen ausgezeichnet, denn ausgelöscht ist beim Menschen jede Erinnerung an ein früheres Sein. Doch ich versprach, dir die »Welt der Wirrsal« zu zeigen, und du wirst sehen, daß es nichts Lebloses auf Erden gibt. Jedes Ding trägt Leben in sich und überall sind Seelen, die an irgend einer Stelle festgebannt sind, von der sie nicht loskommen können." Der heilige Mann stellte sich zum Gebet und lange betete er leuchtenden Auges und strahlenden Angesichts in großer Hingabe und Innigkeit, bis die Bäume bittend und hilfesuchend ihre Zweige neigten und die Steine sich in Demut bückten. Alle toten Dinge wurden belebt und atmeten Leben, und wie im Chor raunte und flüsterte es in der Luft und unter der Erde: „Erlöset uns! Erlöset uns!" „Merkt auf, die Stunde der Befreiung ist gekommen", flüsterte es von den Bäumen, vom Gestein und von den Bergen ringsum, und wie ein Seufzen und Stöhnen ging das Erwachen alles scheinbar Leblosen vor sich. Wie Libellen, licht und leicht, bewegte es sich zu Häupten der beiden und eine Stimme rief: „Wann ist die Reihe an uns?" „Es kommt für jeden die Stunde", rief eine Grabesstimme tief unter der Erde. Viele Tiere des Waldes kamen herbeigeeilt. Wölfe und Luxe, Vögel flogen herbei und Erdgewürm kam herangekrochen. Alle umschmeichelten den Bai Schein und jedes Tier stellte in seiner Sprache die Frage: „Auch wir harren der Stunde der Befreiung. Sagt, wie weit ist noch der Weg?" Und aus den Wolken kam die Antwort: „Noch weit, noch weit, endlos ist der Raum." Als der Bai Schern mit dem Gebet zu Ende war, war noch ein stärkeres Leuchten in seinen Blicken und er sprach zu Elieser: „Viele von ihnen werden dem Wirrsal entrinnen und dereinst zur Ruhe zurückkehren. Dann wird es Geburten ohne Zahl bei Mensch und Tier geben. Es gibt nichts Größeres auf Erden, als die Befreiung der gefangenen Seelen." Wie ein Heuschreckenschwarm wirbelten die unerlösten Seelen umher und ließen sich nieder zu Tal, auf die Flüsse und Wälder, auf die Straßen und Häuser der Menschen; wie vom Sturmwind getrieben erhoben sie sich, um wieder in eine unbe- MARC CHAGALL Porträt des Herrn NAHUM SOKOLOW Präsident der zionistischen Exekutive kannte Weite zu fliegen, ohne Rast und Ziel. Auch alle Lebewesen verkrochen sich bald darauf und unheimlich still ward es im Räume. „Wann wird ihre Leidenszeit ein Ende nehmen?" fragte Elieser. „Sie wollen Gestalt annehmen und können nicht", sprach der Bai Schern. „Gott allein kann ihre Irrfahrt abkürzen und sie in einen neuen Körper bannen. Wir können nur für ihre Befreiung beten. Doch du, Elieser, sei guten Mutes. Durch dein jetziges Leben, das der Lehre und Heiligkeit gewidmet ist, hast du das Böse gesühnt und deine Erlösung ist nahe. Doch zweierlei ist nötig, bevor deine Seele zur ewigen Ruhe eingehen kann: Du mußt vergessen. Nicht nur das, was du mit mir gesehen und gehört hast, auch alles, was du in deinem jetzigen Sein erlebt hast, muß ganz deinem Gedächtnis entschwinden, bis auf das heilige Wort, das du gelernt hast. Das soll dir eingeprägt bleiben. Wenn du eines Tages dem ersten bekannten Menschen begegnest, wirst du dich an alles wieder erinnern und klar und deutlich werden dann alle Erlebnisse vor dir liegen. Ferner mußt du eine Zeitlang das Brot der Mildtätigkeit und Armut essen und unstet umherirren. Du mußt die Hand nach milden Gaben ausstrecken und so der Niederste unter deinen Mitmenschen werden. Zu den Ärmsten mußt du dich gesellen, bis zu dem Tage, da dir ein Zeichen wird, daß deine Leidenszeit zu Ende ist. Und dieses Zeichen wird solcherart sein: Du mußt Männer aus allen Windrichtungen treffen, die alle einem Ziele zustreben, und das wahre Wort Gottes wird sie leiten. Es werden Chassidim sein, die das Bedürfnis zur Aussprache an einem Ort versammeln wird. Wenn du ferner Männer triffst, die von ungefähr auszogen, um Worte der Weisheit aus

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