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Menorah · 1925-01-01 · Heft 1 (Januar 1925) · p. Seite 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 1 (Januar 1925)
Article
Das Weib des Akiba
Date
1925-01-01
Page
Seite 16 (sequence 4)
Language
German
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lfo M E N O R A H Schülern, und der Tote ist hingetreten vor den Toten und hat seine Kniee umfaßt und zu ihm gefleht. JALTHA: So hat er getan und hat das Lehrhaus gegründet, von welchem aufs neue der ewige Baum aufgegangen ist, Schatten und Frucht zu spenden. Hätte auch er sollen das Schwert nehmen und umkommen? AKIBA: Ja, so wäre es besser gewesen. Und das Schwert ist ewig, und das Schwert wird wieder erscheinen in eines Starken Hand. JALTHA: Wird es die deine sein? AKIBA: Ich bin ein Knecht, Jaltha. Die Knechte singen Lieder auf der Tenne und zur Nacht in der Hütte, des Weinbergs; bis eine Stimme sie ruft, und dann kommen sie. JALTHA: Wer ein Knecht ist, gleicht einem blinden Mann. Er sieht ein Schwert vor seinen Füßen und bückt sich nicht danach. Ich sage dir, Akiba ben Joseph, die Lehre ist das schärfere Schwert; du aber bist ein blinder Mann. AKIBA: Wenn sie hier sitzen auf deines Vaters steinerner Bank und reden so und so von der Lehre, und dieses weiß der eine und jenes weiß der andere, so lache ich ihrer in meinem Herzen. Sie sind ausgegossen wie eine Schüssel Wasser, sie sind in Stücke zertreten wie das Stroh unter den Hufen der Drescher. (Er wendet sich wieder zum Gehen.) JALTHA: Warte noch einmal, Akiba. Laß mich noch einmal reden zu dir. AKIBA: Was befiehlt die Herrin? JALTHA (mit Tränen in den Augen): Ich bin keine Herrin, denn du bist kein Knecht. Du bist stark, aber du bist blind. Du siehst nicht das Schwert vor deinen Füßen. AKIBA: Wäre es ein Schwert, mich dünkt, ich würde es sehen. JALTHA: Wer es nicht finden kann, der soll es sich schmieden. AKIBA (aufs ärgste getroffen, bückt sich nieder, als ob er etwas aufhöbe, und schaut in seine Hand): Ich bin zu alt; mit meinen Jahren bin ich noch jünger an Wissen als ein sechsjähriger Knabe. An der Hand Eliesers beschritt der Bai Schern einen Weg, der in dichten Nebel gehüllt war, und sie fuhren in eine endlose Tiefe, vorbei an den Mauern von Feuer und Wasser, vorbei an den Bergen des Hagels, an den Wänden der Windsbraut und an den Wölbungen des Sturmes vorbei. Halbtot hing Elieser am Halse seines Führers. Er meinte das Toben der Elemente nicht ertragen zu können, doch unversehrt kam er durch die Mauern des Feuers, durch die Berge des Wassers und Hagels, und stand bald wieder im Trockenen. XXIII Der Bai Schein blieb vor einem ungeheuren rotglühenden Kohlenberg stehen und blickte schweigend in die Lohe. Eine Zeitlang sah Elieser in die Flamme, doch so sehr er seine Augen anstrengte, konnte er keinen Frevler in der Glut erblicken. Verwundert sprach er zu seinem Führer: „Ich sehe keine sündige Seele in dieser Feuersglut. Erklärt mir, warum brennt dieses große Feuer und wird nicht ausgelöscht?" Der Bai Schein erwiderte: „Der Frevler, dessen Seele hier ewig Feuersqualen erleiden sollte, ist von unserem wahren Glauben abgefallen und machte es sich zur Aufgabe, die Bücher der heiligen Lehre im Feuer zu vernichten. Er wurde von einem Rabbi verflucht, seine Sünden im Feuer zu büßen. F,r starb auch durch das Feuer, doch seine Seele wurde vorerst zur Wanderung verurteilt, damit er seine Sünden gutmachen könne. Nach einiger Zeit kam die Seele in ein reines Tier, das nach der Vorschrift von einem frommen Manne geschlachtet wurde. JALTHA: Komm an den Brunnen. Siehst du hier den Stein, siehst du das Seil, das über ihn läuft, den Eimer hinabzusenken und heraufzuholen? Siehst du die glatte Rinne in dem Stein? AKIBA (läßt das Seil ein paarmal auf und ab laufen): Das Seil hat sie ausgehöhlt und glattgeschliffen. JALTHA: Das weiche Seil den harten Stein. Wie ging das zu? Wie war das möglich? AKIBA: Weil es täglich seinen Weg lief, auf und nieder. (Sie stehen gerade voreinander und sehen einander an.) JALTHA: Wenn du, Akiba ben Joseph, wenn du aufhörst, ein Wilder zu sein — nein, Akiba, wenn du anfängst zu sein, der du bist, wenn du dein Haupt neigen wirst vor dem Lehrer - - wenn du suchen willst und lernen, damit du findest und lehrst — wenn du um Gottes willen tun wirst, was ich dich bitte zu tun um meinetwillen — so will ich dein Weib sein. AKIBA: Du hast etwas Ungeheures gesagt. JALTHA (schlägt sich die Hand vor die Augen und Wendet sich zum Gehen; Akiba faßt sie bei der Hand, läßt diese gleich wieder los, tritt einen Schritt zurück und sieht sie mit Kraft an). AKIBA: Fast sieben Jahre bin ich auf dem Hof Kalba Sabuas, fast so lange, wie Jakob bei den Herden Labans; der Tag neigt sich, und du mußt in das Haus. Was für ein Licht ist dieses über uns? JALTHA: Die Feuer von Berg zu Berg, die den neuen Mond anzeigen über das Land. AKIBA: Siehe (er faßt in den Busen), hier habe ich eine Schaumünze von meines Vaters und Großvaters Erbe. (Jaltha neigt den Kopf.) Wenn du willst, so tritt hier zu mir an den Brunnen. (Beide treten an den Brunnen.) Strecke deine Hand aus, daß das Licht auf sie fällt. (Jaltha tut es, Akiba legt ihr die Münze darauf.) Siehe, du bist mir geheiligt. So verlobe ich mich mit dir vor dem Angesicht Gottes. 1ALTHA (läßt die geschlossene Hand sinken): Bleibe, bleibe, du Lieber, auf dem Brunnen sitzen, bis sie heimkommen von der Gasse allesamt. (Akiba setzt sich auf den Brunnen, Jaltha geht in das Haus.) I G I LG U L \7. Fortsetzung' „Noch ist er unschuldig," wiederholte er, „noch kann er gerettet werden." Da wurde der Seele die Gnade zuteil, in ein Menschenkind, das in dieser Minute gerade zur Welt kam, zu gelangen, und dieser Mensch büßt nun auf Erden für die Sünden seines früheren Daseins und erwirbt Verdienst, so daß seine Seele nach dem Tode zur ewigen Ruhe wird einziehen dürfen." „Dann lodert das Feuer umsonst, da die Seele doch nicht hiehergelangen wird", sagte Elieser. ,,So ist es," sprach der Bai Schern, „doch eine andere sündige Seele wird hier bald die Stelle der früher bestimmten einnehmen. Vor zwanzig Jahren ist in Podolien ein Kind zur Welt gekommen, reich an Gaben. Jetzt ist dieses Kind noch eine Hoffnung unseres Volkes, ein Jüngling, gelehrt und ohne Fehl. Doch in wenigen Jahren wird er sich gegen sein eigenes Volk erheben und wird in seiner Heimat und in anderen Ländern die Lehre des falschen Messias aus Saloniki verbreiten. Viel Leid wird Israel durch ihn erfahren. Die Seele dieses Sünders wird nach seinem Tode hier in ewigem Feuer glühen. Darum lodert die Flamme und wartet auf ihr Opfer." „Und vermag nicht Gott seinen Sinn zu ändern?" rief Elieser aus. „Noch ist er unschuldig und ahnt nicht, welche Qualen ihm bevorstehen. Kann man ihm nicht ein Zeichen geben, damit er das Böse meide, oder könnte man seinen Lebensweg nicht ändern?" „Gott vermag wohl die Gedanken der Menschen zu bestimmen, doch über seinen Willen herrscht der Mensch unbeschränkt, und es bleibt in seiner Macht, die gute oder böse Tat zu wählen", erwiderte der Bai Schern. HERMANN BLUMENTHAL Ein Roman aus dieser und jener Welt Nachdruck verboten Copyright by Interterritorialer Verlag „Renaissance-1, Wien

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