Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1925)
- Article
- Das Weib des Akiba
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2912821-2912840-2912842-2915065--01450-2915132- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
14 M E N O R A H AKIBA: Nun, Benjaminchen, bist du erschrocken? BENJAMIN: "Werde ich erschrecken auf meines Vaters eigenem Hof? AKIBA: Ich meine, du sollst einer von den Menschen sein, die nirgends erschrecken, nicht auf dem Hof und nicht außer dem Hof, nicht in der Gasse und nicht auf dem Feld, nicht am Tag und nicht in der Nacht. BENJAMIN: Es gibt einen Psalm von David, dem König, und ein jüdisches Kind, das ihn weiß, erschrickt nicht und fürchtet sich nicht. Soll ich ihn dir sagen? AKIBA: Nicht nötig, Benjaminchen; ich furcht' mich auch so nicht. Nun, komm schon näher! Mach' nicht ein Gesicht, als ob du auf ein klein Vögelchen hörst; ich hab' dir doch am Rücken angesehen, daß du gern noch hier neben mir stehen möchtest. (Der Knabe schlendert näher an ihn heran.) BENJAMIN: Warum willst du nicht, daß ich dir den Psalm aufsage? A.KIBA: Warum stehst du gern neben mir und siehst mir zu? BENJAMIN: Ich seh' gern zu und hör' gern zu, wenn der Hammer fällt ticktack. Du aber weißt nichts und willst nichts wissen, du bist ein Wilder vom Feld. AKIBA: Wie heißt dieser Teil am Pflug? BENJAMIN: Der Sterz. AKIBA: Und dieser? BENJAMIN: Die Pflugschar. AKIBA: Und hier diese beiden? BENJAMIN: Die Ohren. (Er lacht hell auf.) AKIBA: Was lachst du so lustig? BENJAMIN: Mir ist ein Rätsel eingefallen, so hat es Schimschon den Philistern zum Raten gegeben. Ein Pflug auf dem Hofe Kalba Sabuas — und Akiba ben Joseph, über seine Pflüge und Felder, über seine Hürden und Herden gesetzt: worin sind sie einander gleich? AKIBA: Was soll ich mir den Kopf zerplagen, Benjaminchen? Wenn ich es rate, wirst du dich ärgern. Löse du es auf, wie einen Knoten am Maultierzaum, und freue dich. BENJAMIN: Der Pflug hat zwei Ohren und kann nicht hören, und Akiba ben Joseph hat auch zwei Ohren und kann auch nicht hören. AKIBA (lacht): Wohl ist ihm, deinem Akiba ben Joseph, daß er so viel hört, wie der Pflug; dieser und jener hört, soviel ihm taugt. BENJAMIN: Du bist ein Wilder vom Feld. Du weißt nichts und willst nichts wissen. Soll ich dir den Psalm aufsagen? AKIBA: Nein, Benjaminchen; aber wie wäre es, wenn du mir wieder ein paar Verschen aus dem Lied der Lieder vorsängest? Siehe, meine Freundin, du bist schön, schön bist du, deine Augen sind wie Taubenaugen.. BENJAMIN (wird rot): Schweig stille, Akiba! Wenn der Vater dich hört, wird er böse sein auf mich. Ich will dir lieber sagen, was ich gelernt habe aus der Thora, als ich ein Knabe von sechs Jahren war. Willst du dich auch dagegen wehren, zu wissen, was ein sechsjähriger Knabe lernt? (Das Folgende plappert er geläufig daher:) Im dritten Buch Mose steht geschrieben: Und der Herr icdete mit Mose und sprach: Rede mit den Kindern Israel und sprich. Wenn ein Weib empfängt und gebieit ein Knäblein, so soll sie sieben Tage unrein sein, wie wenn sie ihre Krankheit leidet. Und am achten Tage soll man das Fleisch seiner Vorhaut beschneiden. Und sie soll daheim bleiben dreiuncidreißig Tage im Blut ihrer Reinigung. Kein Heiliges soll sie anrühren, und zum Heiligtum soll sie nicht kommen, bis daß die Tage — AKIBA (unterbricht den Plappernden durch ein paar kräftige Schläge auf das Metall des Pfluges; in diesem Augenblick hat s:ch d'c Tür des Hauses geöffnet und J ALT HA ist auf der Schwelle erschienen, sie sieht zu den beiden hin). PEN 1AM1N: Was schlägst du so stark darauf zu? AKIBA: Was redest du so schnell daher? Ich habe geglaubt, du wirst nicht weiter können, und wollte dir helfen, damit du dich nicht schämst. BENJAMIN: Wir haben den Abschnitt gelernt, als ich ein Kind war, und ich" bin es, der in der Schule allen vorsagt; meinst du, ich würde zu stottern anfangen vor dir? Ich kann dir, wenn du willst, den Abschnitt rückwärts sagen. AKIBA: Sei nicht stolz darauf, Benjaminchen, wenn du dir vieles aus der Lei re zu deinem Eigen gemacht hast, du bist ja dazu da, du bist dazu geschaffen. (Jaltha entweicht in das Haus.) BENJAMIN: Und du bist geschaffen, den Pilug durch den Acker zu ziehen und die Schafe zur Tränke zu treiben. Du bist ein Wilder vom Feld. AKIBA: Du so, ich so. Sprich einen Segen darüber, Gott hat uns so geschaffen. Gott hat mich stark geschaffen und dich schwach. (Er steht auf.) Der Pflug ist fertig, und wenn ich nun Lust hätte, könnt' ich dich nehmen und auf das Dach des Schuppens setzen. (Bei diesen Worten hat er den Knaben auch schon an den Hüften ergriffen und setzt ihn auf das Dach.) BENJAMIN: Laß mich herunter, gleich läßt du mich herunter! AKIBA: Spring herunter, Benjamineben! Aber warum willst du rieht oben bleiben? Gott hat dich erhöht über alles Volk. (Er lehnt sich gutmütig an die Beine des Knaben.) BENJAMIN: Laß mich herunter! AKIBA: Erzähl' mir erst, Benjaminchen, vom Feldhauptmann Sisera. Der war ein Feldhauptmann des Königs der Kananiter und war ein gewaltiger Mann über Zehntausende zu Fuß und zu Wagen. BENJAMIN: Und er floh vor den Kindern Israels aus der Schlacht und versteckte sich im Hause Jaels, des Weibes Hebers, und sie nahm einen Nagel und einen Hammer und schlug den Nagel durch seine Schläfe und tötete ihn. Und Deborah, die Prophetin, die Biene, und Barak, der Feldherr Israels, der Blitz, sangen über ihm das Siegeslied. AKIBA: Sie hat ihn getötet, Benjaminchen, weil sie eine Decke über ihn gebreitet hatte, um ihn zu verstecken, und er vertraute ihr und wurde getötet. Und Sisera war trotzdem ein gewaltiger Mann, und mein Vater hat mir gesagt, daß er Geschlecht vor Geschlecht abstammt von Sisera. BENJAMIN (entsetzt): Akiba ben Joseph, so bist du schlimmer als die Heiden von Babylon. AKIBA: Fürchte dich doch nicht vor mir, Benjaminchen, lege deine Arme um meinen Hals und spring herunter. (Benjamin schreckt zurück, Akiba lacht gutmütig auf und tritt einen Schritt oder zwei rückwärts.) So mußt du's allein wagen und herunterspringen, — zwanzig Ellen hoch in die Tiefe. (Benjamin mißt ängstlich den Abstand. Aus dem Hause tritt KALBA SABUA, ein alter, sehr gewichtiger, reichgekleideler Mann. Statt des direkten Weges zum hlof hinaus geht er um den Brunnen herum in die Nähe der beiden.) KALBA SABUA: Friede sei mit dir! AKIBA: Friede. KALBA SABUA: Was sitzt das Jüngelchen auf dem Dach? Spring herunter! AKIBA (hilft mit einem geschickten Schwung dem Knaben vom Dach): Er ist ein kluges Jüngelchen, Meister. Er hat mir erzählt ..>us der heiligen Schrift, und darum habe ich ihn erhöht über mich. KALBA SABUA: Warum machst du ihn stolz, Akiba? Ich habe gehört, daß du zu ihm gesagt hast, er soll nicht stolz sein, weil er viel gelernt hat aus der Schrift, denn dazu sei er geschaffen. Weißt du, daß dieser Satz in deinem Munde gleich ist einem Perlenhalsband um den Nacken eines unreinen Schweins? Denn diesen selbigen Satz haben wir gehört aus dem Munde des Rabbi JocKanan ben Sakkai. Geh mit, Benjamin! — Friede sei mit dir! AKIBA: Friede. (Kolba Sabua und Benjamin verlassen den Hof. Akiba stellt den Pflug unter den Schuppen; währenddessen erscheint in der Haustür, wo sie offenbar gelausclit hat, JAL¬ THA.) IALTHA: Akiba! AKIBA: Was befiehlt die Herrin? JALTHA: Laß ein Lamm absondern von der Herde vor Tag, daß wir zum Sabbat schlachten. Mein Vater hat dir ein hohes I ob pesagt, er hat dich mit einem berühmten Lehrer in Israel verglichen. AKIBA (lacht): Er hat mich verglichen mit einem unreinen Schwein. JALTHA: Warum lachst du darüber?