Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1925)
- Article
- Marc Chagall
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 3)
- Language
- German
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12 M E N O R A H MARC CHAGALL VOR DEM TISCH Museum der Neuen Kunst in Petrograd für die Wiedergabe der Form, sondern als ein Mittel deren Reiz zu erhöhen. Mehr Sorgfalt wird auf die Harmonie von Schattierung, Ton und Farbe untereinander verwendet, als auf deren Übereinstimmung mit der Natur und so ergibt sich die Bereicherung unbegrenzter Möglichkeiten für den darzustellenden Gegenstand. Chagalls spukhafte Bilderwelt und seine seltsame Farbengebung rufen den Eindruck hervor, daß er zeitlos und ohne Vorgänger oder Tradition sei. Trotzdem ist er sowohl historisch als biographisch beglaubigt. Chagall stammt, wenn auch nur in der Seitenlinie, von manchem erlauchten Vorfahren ab. Die ägyptische Statue des Sebekothep und seiner zwerghaften Gattin Mimas zeigt nicht geringere Disproportionen als Chagalls Bild „Lulov und Essrog". Man findet überraschende Ähnlichkeiten in byzantinischer und gothischer Kunst; in Grünewald, Bosch oder Breughel; in Lycothenes' „Book of Monsters". Unter dem Druck gleicher Lebensbedingungen und dem Impuls gleicher Instinkte werden die Menschen stets in derselben Weise handeln und sich ausdrücken. Der Kobold des Perversen erscheint in der Kunst aller jener Zeiten, auf die der Ausdruck „dunkel" angewendet werden darf. Unser Zeitalter ist zweifellos dunkel und von mystischen Dingen erfüllt, vielleicht sogar apokalyptisch. Es ist das Zeitalter des Spiritualismus und der Theosophie, das Zeitalter Bergsons und Spenglers. Wenn „L'Evolution Creatrice" die Unfähigkeit des Intellekts das Leben zu erfassen verkündet, so prophezeit „der Untergang des Abendlandes" den Zusammenbruch der modernen Zivilisation. Die Vernunft hat ihr Ansehen verloren, Moralbegriffe sind null und nichtig geworden. Alles ist möglich, alles erlaubt. Der Künstler, dieses sensitivste aller irdischen Geschöpfe, empfindet den blutigen Kampf um uns und das qualvolle Ringen in uns am schmerzlichsten. Chagall gehört zu jenen unzähligen Künstlern, die, jeder in seiner Weise, die Not unserer Zeit zum Ausdruck bringen. Die modernen Künstler sind wahrhaftig vorzügliche Redner. Wie schade, daß sie so selten ein Auditorium finden! (Ins Deutsche übertragen von Ella K r o n f e 1 d.) EIN JÜDISCHES DRAMA MORITZ HEIMANN: „DAS WEIB DES AKIBA" (Berlin, S. Fischer-Verlag, 1924) Zu den Vorurteilen, mit denen man uns noch jetzt, aus dem eigenen Lager sogar, heimsucht, gehört dieses noch immer: wir Juden seien nicht zum Drama großen Stils geschaffen. Die Juden, heißt es immer von neuem, seien der „objektiven Geschlossenheit" des Dramas nicht fähig; sie seien so wenig dramatische Gestalter, wie sie Maler oder Bildhauer sind. Heine, den Subjektiven, den Lyriker und Feuilletonisten, will man etwa ncch als das nationale Genie gelten lassen; in seiner Richtung ist es uns gestattet, weiter zu dichten. Dieses Wort, die Juden seien keine Bildhauer und Maler vielleicht darum, weil ihnen die geheiligten Schriften die sinnenfällige Darstellung des Göttlichen verboten haben — dieses Wort von der mangelnden plastisch-malerischen und darum auch der dramatischen Begabung des Juden ist wahr gewesen, bis Liebermann und Israels, die großen jüdischen Maler, kamen, bis Arthur S c h n i t z 1 e r den „Grünen Kakadu", dieses flackernde Bild der Revolution auf das Theater warf, bis Philipp Langmann den „Bartel Turaser", diese düster sozial klagende und anklagende Gestalt auf die Bühne stellte, bis Richard Beer- H o f m a n n „Jaakobs Traum" vor uns erstehen ließ. Ein balladesk-dramatisches, biblisches Gemälde, über das zypressengleich die Schwermut eines Volkes schattet. Zu diesen Dichtern jüdischen Geblütes, berufen für das Drama großen, Hebbelschen Stils, zählt Moritz Heimann. Er hat Komödien und Historien geformt; sie waren weitab von den Wegen des landläufigen Theaters. Ein eigenes Gesicht, grüblerisch und wieder alles Menschliche überlegen belächelnd, wurde darin sichtbar. Aber nicht in der „Liebesschule", nicht in der brandenburgischen Komödie „Joachim Brand", nicht in dem französierenden Liebesspiel „Armand Carrels", in seinem neuen Drama „Das Weib des Akiba", in dem er tief in das National-Jüdische hinabstieg, hat er, in die Tiefen der Geschichte seines Volkes niedertauchend, zugleich das Eigenste seines Wesens an das Licht gebracht. Was uns sogleich zu diesem Drama zwingt, was unser Gefühl, das ästhetische wie das menschliche, sogleich festhält, steigert, uns bis zuletzt nicht aus seinem Bann entläßt, ist nicht so sehr das Dramatische als das Jüdisch-Geistige darin. Dieses Werk hat das Land Israel zum Schauplatz und es spielt ungefähr 30 bis 60 Jahre nach der Zerstörung Jerusalems durch Titus. Das Land Israel: Es ist nicht bloß der äußere Schauplatz dieser großen Historie; überall blüht es zwischen diesen Szenen und Figuren hindurch — Heimat ist darin, Heimat des Ostens, das ferne, von Ungezählten ersehnte Land . . . In der Tat, dies ist das Neue an Heimanns Drama; es ist nicht allein von einem Künstler, dem warm und starkfühlenden Poeten, als den man ihn kennt, ersonnen — es ist empfangen im jüdischen Geist. Hebbel hat „Judith" und Holofernes" geschrieben und Otto Ludwig schrieb die „Makkabäer", gewaltig geschlossene Dramenarchitekturen. Heimanns Werk, das sich über 30 Jahre hinaus verbreitet und oft mehr Schilderung als packendes Geschehen ist, scheint, nur technisch betrachtet, neben diesen Monumentalgebilden manchmal zersplittert. Aber ein Etwas ist darüber, das Ludwig und Hebbel fehlt und das uns heute wichtiger bedünkt; die Zeit- und Kulturatmosphäre, das Volkhaft-Jüdische. Hier spricht ein Reicher jenes Landes Israel: „Wehe mir, vergaß ich dein", zu einem armen sinnierenden Knecht; das Synhedrium versammelt sich; Rabbiner und Schüler wandeln durch diese Szenen, bedrückt von der Last ihres steten Denkens und ihrer steten Trauer, weil der Tempel in Schutt gefallen und in jedem Wort ihrer Klage, in diesen dunkelglühenden, von Gleichnissen farbig überschimmerten, von Schwermut überhangenen Reden, ist Judäa. Und eine Frau, nach der dieses Trauerspiel heißt, „Das Weib des Akiba", steht nicht so sehr durch ihr Tun als durch ihr stillgetragenes Leid im Vordergrund der Ereignisse — sie kann in ihrem schweigenden Stolz nur jüdischen Blutes sein. Dies alles