Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1925-01-01 · Heft 1 (Januar 1925) · p. Seite 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 1 (Januar 1925)
Article
Altjüdisches Folklore
Date
1925-01-01
Page
Seite 8 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
99% known words query
IRI
…/2912821-2912840-2912842-2915057--01429-2915126
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

8 M E N O R A H und schickte ihn durch seine Beamten zu den Eltern zurück. —• Als die Weisen von dieser Begebenheit hörten, sprachen sie: „Dieser Vater hat sich nur die Mühe genommen, seinem Kinde e i n Buch beizubringen, und wie reichlich wurde er belohnt; wenn einer erst seinen Söhnen Thora, Mischna und Hagada beibringt, was hat er für Lohn von Gott zu erwarten! Es steht geschrieben: Sie sind köstlicher denn Gold." (Psalmen 9, 10, 11.) JUDE UND FELDHERR Ein Frommer betete einst unterwegs. Da kam ein Feldherr vorbei und grüßte ihn. Der Fromme erwiderte den Gruß nicht. Der Feldherr wartete, bis jener sein Gebet beendet hatte, dann sprach er: „Es steht in eurer Thora geschrieben: Hüte dich und bewahre deine Seele wohl (Deut. 4, 9). Wenn ich dir nun den Kopf' abschlüge, wer würde mich zur Verantwortung ziehen?" Da antwortete der Fromme: „Höre mich in Geduld an. Wenn du vor einem König von Fleisch und Blut stündest, und es käme dein Freund vorbei und grüßte dich, würdest du ihm seinen Gruß erwidern?" Der Feldherr sagte: „Nein." Der Fromme fuhr fort: „Wenn du ihm aber den Gruß erwidertest, was würde dir geschehen?" Der Feldherr: „Sie würden mir den Kopf abschlagen." Der Fromme: „Wohlan denn, du stündest vor einem König von Fleisch und Blut, der heute hier ist und morgen in der Grube. Ich aber stand vor dem König aller Könige, der da leben wird bis in alle Ewigkeit." Der Feldherr schied versöhnt von dannen und der Fromme zog in Frieden nach Hause. DIE UNDANKBARE SCHLANGE Ein Mann, der eine Kanne Milch trug, hörte eine Schlange schreien; sie war durstig. Er gab ihr zu trinken und die Schlange versprach ihm einen Schatz. Nachdem sie getrunken hatte, zeigte sie ihm einen Stein, unter dem der Mann einen großen Schatz fand. Dann aber ringelte sich die Schlange um seinen Hals und wollte ihn töten, weil er sie ihres Schatzes beraubt hatte. Sie kamen zu Salomo, dessen Urteilsspruch sie erbaten. Die Schlange rechtfertigte sich, indem sie auf die Worte der Heiligen Schrift hinwies: „Du wirst ihn in die Ferse stechen." Salomo befahl der Schlange, herunterzukommen, da beide vor Gericht gleich wären. Als die Schlange gehorchte, forderte Salomo den Mann auf, „ihr den Kopf zu zertreten", und er tötete sie auf der Stelle. GROSSVATER, VATER UND SOHN. Ein reicher Mann, der Vertrauen zu seinem Sohne hatte, gab ihm noch zu seinen Lebzeiten sein ganzes Hab und Gut. Nach einiger Zeit begann der Sohn den Vater zu vernachlässigen, mißhandelte ihn und verstieß ihn, so daß er unter die Bettler geriet. Eines Tages begegnete der alte Mann, der in Lumpen gekleidet war, seinem Enkelsohn und bat ihn, seinen Vater zu bestimmen, daß er ihm einen Mantel schicke, da es so kalt sei. Nach vielen Bitten des Kindes schickte ihn sein Vater auf den Boden, wo ein Mantel hing; den sollte er bringen. Der Knabe ging auf den Boden und zerschnitt dort den Mantel in zwei Teile. Der Vater wunderte sich, was der Knabe so lange dort oben mache und ging hinauf. Der Knabe erklärte ihm auf seine Frage, daß er den Mantel habe zerschneiden müssen: die eine Hälfte sei für seinen Großvater bestimmt, die andere bewahre er für seinen Vater auf, bis er alt geworden sei. Diese Antwort des Kindes überraschte den Vater höchlich, er sah ein, wie schlecht er gehandelt hatte, nahm den Vater wieder ins Haus zurück und erwies ihm alle Ehren. DER BETTLER ALS SCHWIEGERSOHN Rabbi Jehudah Halevi, den seine Frau drängte, ihre Tochter zu verheiraten, schwur, sie dem ersten Juden zum Weibe zu geben, der an seine Tür klopfen würde. Am folgenden Morgen kam ein zerlumpter junger Mann zu ihm. Rabbi Jehudah Halevi war überrascht, nahm aber den jungen Mann in sein Haus auf und erbot sich, ihn zu unterrichten, damit er seiner Tochter würdig würde. Der junge Mann war einverstanden und machte große Fortschritte. Eines Tages war der Rabbi so sehr in der Abfassung eines Gedichtes vertieft, daß er zu spät zu Tisch kam. Die letzte Strophe war noch nicht beendet. Der junge Mann vollendete die Strophe, und Jehudah Halevi erkannte sofort, daß der junge Mann der berühmte Ben Esra sein müsse. Er war es auch, hatte sich nur verkleidet, um unerkannt zu bleiben. Dann wurde er der Schwiegersohn Jehudah Halevis. KÖNIG UND LEHRER Einst kam ein König in eine Schule. Der Lehrer saß an seinem Pult, die Rute in der Hand. Die Kinder fielen vor dem König nieder, aber der Lehrer beachtete ihn nicht. Erstaunt befahl ihm der König, am folgenden Tage vor ihm zu erscheinen. Der Lehrer kam, warf sich dem König zu Füßen und bezeigte ihm seine Ehrerbietung. Da stellte ihn der König wegen seines Benehmens in der Schule zur Rede. Der Lehrer erwiderte: „In der Schule bin ich der König. Wenn die Kinder den Respekt vor mir verlieren, gibt es keine Disziplin mehr. Ich lehre sie Untertanentreue. Aber wenn ich mich in ihrer Gegenwart auch niederwerfe, so verliere ich ihren Respekt und die Macht über sie, die sich noch erhöht, wenn sie sehen, daß ich nicht einmal den König beachte. Hier dagegen werfe ich mich dem König zu Füßen." Der König fand viel Gefallen an dem Lehrer. DAS RÄTSELHAFTE ERBE Ein Mann, der drei Söhne hatte, gab jedem von ihnen auf seinem Totenbette eine Kiste als Erbteil. Eine war mit Erde gefüllt, die andere mit Knochen, die dritte mit Lumpen. Sie wußten nicht, was das zu bedeuten hatte, denn der Vater war ein sehr reicher Mann gewesen. In ihrer Ratlosigkeit begaben sie sich zu R. Banaah und baten ihn um Aufklärung über dieses seltsame Testament. Der Rabbi fragte: „Hat euer Vater Land hinterlassen?" „Jawohl." „Hat er Schaf- und Kuhherden hinterlassen?" „Jawohl." „Hat er hostbare Gewänder, Juwelen und dergleichen hinterlassen?" „Jawohl." „Nun, dann bedeutet es: einem von euch gehört das Land, dem anderen die Herden, dem dritten der Hausbesitz." DER ENTLARVTE BETRÜGER Eine schöne Frau, die vom Statthalter verfolgt wird, verwahrt ihr ganzes Gold in Gefäßen; obenauf tut sie Honig. Dann vertraut sie sie einem Freunde an und reiste ab. Dieser Freund brauchte Honig zur Hochzeit seines Sohnes und entnahm ihn den Gefäßen. Er entdeckte das Gold darin, nahm es zu sich und füllte die Gefäße mit Honig. Als die Frau die Gefäße zurückerhielt, fand sie ihr Gold nicht darin. Sie wendete sich an den Richter, konnte aber kein Recht finden, weil sie keine Beweise hatte. Als sie nach Hause ging, traf sie David, der damals noch ein Knabe war; er versprach ihr zu helfen, wenn der König es erlaubte. Der König gestattete es, und David befahl, die Gefäße in Gegenwart des Königs und des Volkes zu öffnen. Da fanden sich zwei Goldstücke, die an einem Gefäße klebten. Der Mann wurde nun verurteilt, das ganze Gold zurückzuerstatten. KLUGER RAT Ein reicher Mann starb fern von seiner Heimat. Er hatte alles, was er besaß, seinem Sklaven vermacht — nur einen Gegenstand sollte sein Sohn sich selber aussuchen dürfen. Aber als der Sklave das Vermögen in Besitz nahm, weigerte er sich, auch nur einen Gegenstand dem Sohne auszufolgen. Da sagte der Rabbi zu dem Sohne: „Wähle den Sklaven, dann gelangst du gleichzeitig in den Besitz des Vermögens." So hatte es auch der Vater gemeint, der auf diese Art das Vermögen für den Sohn rettete.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.