Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1924)
- Article
- Alltag in Zion
- Date
- 1924-12-01
- Page
- Seite 16 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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16 MENORAH ihnen verlangt. Sie können es tun, denn das jüdische Volk ersetzt es ihnen ja . . . Ein kleiner Überblick über Jerusalems Institute: Das Schwesternhaus der Hadassa, sowie das Hauptquartier der Hadassa ist seit sechs Jahren (!) in einem arabischen Haus, Hotel de France. Die zionistische Exekutive und die P. L. D. C. ist seit sechs Jahren in einem arabischen Haus, Hotel Huges. Das Pasteur-Institut seit zwölf Jahren in arabischem Haus. Der Waad Hair in — arabischem Haus, der Solelboneh ebenfalls. Das Beth Haam — in arabischem Haus. Der Jüdische Nationalfonds — in griechischem Haus. Die Schwesternschule der Hadassa — in arabischem Haus. Der größte Kindergarten in der Altstadt Jerusalems — arabisches Haus. Der Arbeiterrat Jerusalem (die „Moaza") — arabisches Haus. Das landwirtschaftliche Museum — arabisches Haus. Davon, daß die Mitglieder der Exekutive (Kolonel Kisch, Professor Pick, Dr. Ruppin, van Vriesland), ferner die Mehrzahl der sonstigen Jerusalemer „Prominenten4' (unter anderen Dr. Thon, Professor Fodor, Dr. Tycho, Professor Dolschansky) in arabischen Häusern wohnen, soll ebensowenig gesprochen werden, wie davon, daß die meisten Ärzte arabische Häuser beziehen. Aber eines verdient hervorgehoben zu werden: Die Anglo Palestine Company, die an soviel Juden — und Araber — Baukredite gewährt hat, die also langsam erfahren haben dürfte, daß das Häuserbauen nicht ganz unrentabel ist, und die nicht einwenden kann, daß sie kein Geld zum Hausbau hat, sie, die zionistische Bank Palästinas, die seit 21 Jahren besteht, wohnt noch immer in einem arabischen Haus zu Miete! Und nicht sie allein: auch die Hypothekenbank des Herrn Brandeis, die gegründet wurde, um die jüdische Bautätigkeit zu fördern, bezog sofort ein arabisches Haus und niemand hörte davon, daß sie etwa jetzt beabsichtige, ein eigenes Haus zu bauen! Versteht Ihr, liebwerte Freunde, warum es in Palästina nicht richtig vorwärtsgeht? Warum Arbeitslosigkeit herrscht? Warum die jüdische Bautätigkeit in Jerusalem in diesem Jahr v o 11 s t ä ndigaufgehörthat, während die Araber in der griechischen Kolonie, in der deutschen Kolonie, in der Musrara, in der neuen Siedlung T a 1 b i a h, die sie dem jüdischen Talpioth entgegenstellen, bauen? Und noch etwas : Die Juden, die in der letzten Zeit Häuser in Talpioth oder Beth Hakerem oder gar in der kleinen Nationalfondssiedlung Makor Chajim bauten, errichteten sich winzige, in die Erde gedrückte Häuschen, kaum groß genug für ihre Familie. Die Araber aber bauen überall große, moderne, zweistöckige Häuser mit großen freien Räumen . . . Sie können es tun. Die jüdischen Mieter zahlen es ja. DIE GROSSE FRAGE Was dachte eigentlich die zionistische Kommission, was dachte eigentlich die Hadassa, als sie nach Palästina kam? Meinten die Herren, daß sie das palästinensische Abenteuer binnen Jahresfrist liquidieren würden oder glaubten sie an die Zukunft des Landes, die Zukunft der Sache, der sie dienen sollten? Und wenn sie daran glaubten — hatten sie nicht den Verstand, sofort an den Bau von Häusern zu schreiten, statt Phantasiesummen — Daten ein andermal — für Spitalgebäude in Haifa und Tel Awiw, für Hotels und Amtsgebäude in der Stadt Jerusalem und der griechischen Kolonie zu zahlen? Woher das Geld nehmen, um zu bauen — fragten mich mitleidig ob meiner Torheit zionistische Offizielle. Die Armen! Sie haben noch nie davon gehört, daß Banken Baukredite geben. Daß man mit dem Geld, daß sonst Häusermiete kostet, ein Haus amortisieren kann. Daß sogar die zionistische Bank für derartige Geschäfte zu haben ist ... Die Armen! Wie kann man auch von Juden verlangen, daß sie etwas von Geschäften verstehen sollen. Es handelt sich doch nur um das Geld des jüdischen Volkes; solche Fragen fallen nicht in die Kompetenz der zionistischen Exekutive, und nicht in die der Hadassa. Wohl aber baut ein Araber, der seinerzeit sein (dreistöckiges) Haus der Hadassa für viertausend Pfund zum Kauf angeboten hatte, das sie aber nur mietete, von dem Mietgeld neben dem ersten Haus ein zweites in der Musrara. Ich gehe täglich daran vorbei und freue mich darüber, daß wir Juden zur Hebung des Wohlstandes der Araber beitragen. Unerklärlich bleibt nur, wieso trotzdem die Araber — und allen voran die Hausbesitzer — Jerusalems unsere Feinde sind. Vielleicht halten sie unsere Wohnungspolitik für eine Falle, die wir ihnen legen. Sie können sich nicht denken, daß soviel Dummheit echt ist. . . Die Wallfahrt nach Grinzing von JAKOB FINGERMANN Ein Tagebuchblatt In seinen Balzac-Anekdoten berichtet Gozlan von einem englischen Mädchen, der zufälligen Zeugin eines Picknicks des großen Meisters und Lebenskünstlers: „Jetzt begann Balzac die Ravioli zu vertilgen, immer ein Paar auf einmal. Die Miß schaute zu Tod verwundert zu. Wahrscheinlich hatte sie bisher im Wahne gelebt, große Dichter lebten von Sonnenschein und Blumenduft." Ich glaube nicht fehl zu raten, wenn ich annehme, daß es der Mehrzahl von Verehrern großer Dichter ebenso ergeht. Vielen ist sein bürgerliches Dasein geradezu legendär, und sie würden aus allen Wolken fallen, wenn sie zufällig im Münchner Hofbräuhaus einen rundlichen Nachbar mit schlechtsitzendem Augenglas bekämen, der sich im Laufe des Gespräches — gar eines Gespräches über schlechtgefüllte Bierkrügel — als der Verfasser des „Irrgarten der Liebe" entpuppte. Denn was ein echter und rechter Leser ist, versetzt seine Lieblinge auf einen fernen Stern, umrahmt sie mit einem Heiligenschein und weist den Gedanken an einen irdisch-prosaischen Lebenswandel zurück. Ich mag auch nicht anders gedacht haben, als ich vor vielen Jahren den Weg nach dem Wiener Vororte Grinzing antrat, wo der Dichter Jakob Wassermann damals in einem einfachen Miethause in der Feilergasse wohnte. Ich hatte seinen „Moloch" und die „Renate Fuchs" gelesen und war von jener dumpfen seelischen Anspannung erfüllt, die die Grundstimmung genannter Werke bildet. Ein grenzenloser Pessimismus drückte mich mit schwerer Faust nieder, obwohl ich Gedichte schrieb, die ich in aller Bescheidenheit meines bekannteren Kollegen Schiller würdig fand. Aber damit gab ich mich nicht zufrieden. Größeres schwebte mir vor: ich mußte einen Roman schaffen, der an Tiefsinnigkeit, an Großartigkeit der Charaktere und Lebendigkeit der Handlung alles Dagewesene übertrumpfen sollte. Doch nagte an mir die gräßliche Pein, daß ich nie über denersten Satz hinauskam. Wie einladend lag das sauber geschnittene Papier vor meinen Augen! Wie sorgfältig waren Feder und Tinte hergerichtet, wie stimmungsvoll Bücher, Zigaretten und Brief- ~&r f~\ 73 JLi1 7" *~Y~ Hubners Schloßhotel Kobern! - Cafe-Restaurant - VPiens schönster Ausflugsort JS^kJJD IZjJ^^JLj - Herrliche Autostraßen --- Autoverkehr Grinzing — Kohenzl eigener Regie zu ermäßigten Preisen