Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1924)
- Article
- Alltag in Zion
- Date
- 1924-12-01
- Page
- Seite 15 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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M E N O R A H 15 sehen Staat, sondern einen arabischen Staat mit arabischen Beamten und arabischen, ihm unverständlichen Gesetzen und unverständlicher, häufig ungerechter Rechtsprechung. Vor diesem Staat schließt er sich ab. Wenn eine palästinensische Staatsanleihe ausgeschrieben werden sollte, wird ohne Zwang wohl kein einziger Jude Palästinas nennenswerte Beträge für sie zur Verfügung stellen: er weiß oder er hat bisher dieses Wissen erworben, daß alles Geld, das die palästinensische Regierung ausgibt, in arabische Hände kommt (die paar Straßenbauten Anfang Samuelischer Regierung sind schon vergessen) — und das macht mißtrauisch. Dies ist mit die Ursache, warum sich die Juden in Tel-Awivv zusammendrängen: hier ist man in einer j üdi sehen Stadt, hat mit Fremden nichts zu tun. In Jerusalem und Haifa ist die Einwanderung auch noch namhaft: da weiß man, daß es nur mehr Frage von ein paar Monaten, schlimmstenfalls zwei Jahren ist, bis die Juden auch im Stadtrat die Majorität haben. Und so lange warten will der Durchschnittsjude gern. Aber — nach Gaza, Akko, Nazareth, Hebron, Bethlehem gehen, wenn er in jüdische Siedlungen gehen kann? Von Nablus, dem Zentrum des Judenhasses, ganz zu schweigen . . . Nein, dazu ist sein Vertrauen in den Staat und den Willen und die Macht des Staates, den Juden zu schützen, viel zu gering. Zu Hause wird er sich in Palästina erst dann fühlen, wenn er die regierungsfähige Mehrheit hat. Dann wird er nicht nur die Staatsbürgerschaft erwerben, sondern auch Staatsbürger sein. Bis dahin aber ist er in Palästina noch im Kampf um sein Bürgerrecht. Daran ändert nichts, daß er in den nächsten Wochen die schönen neuen palästinensischen Pässe bekommen soll. Es kann das übrigens auch gern ein paar Monate dauern. „Schwoj, schwoj" — sagt der Araber und der jüdische Oberkommissär von Palästina: „Langsam, langsam" . . . BIBLIOTHEKSEINWEIHUNG 16. Tischri Die Goldzieher-Bibliothek ist feierlich eröffnet worden. Die Konsuln erschienen, die Spitzen der jüdischen Gesellschaft — außer den Konsuln natürlich; in Jerusalem ist „Konsul" kein jüdischer Vorname —; Araber in Fes, äußerst naturgetreu, sogar ein würdiger Shech, der (als ihm die Sonne ins Gesicht schien) im Versammlungssaal den Regenschirm aufspannte (wie nett und kindlich, nicht?), ja sogar der alte Freund des jüdischen Volkes, der Gouverneur von Jerusalem Sir Ronald Storrs. Weizmann eröffnet die Bibliothek. Ein Staunen geht durch den Saal: wahrlich, Weizmann ist groß! Für vier Uhr war die Feierlichkeit angesagt, zwei Minuten vor vier Uhr betritt Weizmann den Saal, punkt vier Uhr beginnt die erste Rede. Und — niemand kommt zu spät. Weizmann ist groß: er hat sogar die Juden Jerusalems zur Pünktlichkeit erzogen . .. Aber — die Reden sind klein, kleiner, am kleinsten. Magnes und Weizmann sprechen. Zuerst hebräisch, dann wiederholen sie das gleiche auf englisch. Und dann steht ein Dolmetsch auf und repetiert alles auf arabisch noch einmal. (Bei keiner arabischen Feierlichkeit hörte ich hebräische Reden.) Und die Notwendigkeit der englischen Reden zu begreifen, gehört scheinbar auch höhere Intelligenz als ich aufbringen kann. Mir bescheidenem Zuhörer erscheint es, als sei eine Bibliothek der hebräischen Universität Jerusalems vielleicht dazu geeignet, zu demonstrieren, daß die jüdische Wissenschaft ihre eigene Sprache wiedergefunden habe; daß es für die Konsuln und englischen Beamten und für die Araber nützlich sei, hebräisch zu lernen, wenn sie Fühlung mit uns behalten wollen — eine Übersetzung hebräischer Reden ins Englische, und zwar gleich durch die Redner selbst, erweckt nur den Gedanken: warum reden denn die Juden hebräisch, wenn sie alle auch englisch reden können) Ja, die Gäste in ihrer Sprache begrüßen, ein paar Willkommsworte sagen, verlangt die Höflichkeit. Dreimal dasselbe zu sagen, ist lächerlich. Schließlich, wenn einer oder der andere nicht versteht, was die Redner sagen, ist es kein Unglück. Was man schon so bei einer Bibliothekseröffnung zum besten gibt, kann sich ein distinguierter Gast auch denken, wenn die Rede chinesisch wäre. Schlimmstenfalls — einen Tag später liest er es im Bulletin. DAS BIBLIOTHEKSHAUS Der Jammer mit dem Gebäude der Nationalbibliothek ist ja bekannt. Das Geld für den Hausbau ist zwar da; der Platz für den Bau ist zwar auch da; der allgemeine Plan, wie und wo die Universitätsbibliothek stehen soll, ist auch schon fertig, das Bedürfnis nach einem großen würdigen Gebäude ist seit Jahren vorhanden — aber gebaut wird nicht. Warum? Wissen Sie, es gibt soviel Schwierigkeiten — Übrigens kann ich Ihnen mitteilen, daß ganz bestimmt noch im Jahre 1924 eine Konkurrenz ausgeschrieben werden wird, an der sich beteiligen können alle Architekten und Künstler, die. . . Ja, eine ganz richtige Konkurrenz für den besten Entwurf des Nationalbibliotheksgebäudes. Wird ausgeschrieben werden? Dann wird man also bestenfalls in einem Jahr mit dem Bau beginnen, wahrscheinlich aber noch später? Und seit vier Jahren weiß man, daß man am Skopusberg bauen wird — warum hat man nicht wenigstens den Wettbewerb schon früher ausgeschrieben? . . . Ja, wissen Sie — soviel Schwierigkeiten . . . # Unterdessen brauchte die Bibliothek, die erfreulich wächst, immer mehr und mehr Platz. Zuerst wanderte die medizinische Abteilung aus und übersiedelte ins Pasteur-Institut. Dann wanderte die chemische Abteilung ins chemische Institut der Universität. Und nun brauchte die Goldzieher-Bibliothek wieder Platz: man mußte für sie ein eigenes Haus gegenüber dem gegenwärtigen Bibliotheksgebäude mieten (das die „Bne Brüh" zur Verfügung stellen). Und — natürlich — ein arabisches Haus. Es ist das schließlich und endlich schon Tradition geworden unter den zionistischen Instituten, sich in arabischen Häusern niederzulassen. Und warum soll man mit dieser Tradition brechen? Die armen arabischen Hausbesitzer wollen doch auch verdienen. Und wie sollen sie sich neue Häuser bauen, wenn sie nicht jüdische Mieter haben? Nicht? WOHNUNGEN UND MIETPOLITIK Riesig schlau ist die Politik der Zionisten in der Häuserfrage gewesen. Schlau ist eigentlich nicht der richtige Ausdruck: besser ist zu sagen, riesig vorausblickend, großzügig, energisch. Kam die Zionistische Kommission nach Palästina. Dann die Hadassa. Beide brauchten Gebäude. Beide brachten Beamte mit. Beamte ohne Zahl, Ärzte, Schwestern. Alle — damals — glänzend bezahlt. Die Ankömmlinge gingen, die Taschen voll Geld, dessen Landeswert sie nicht kannten, Wohnung suchen. Natürlich nicht im jüdischen Viertel, in den jüdischen Häusern, wo vor dem Krieg alle Juden gewohnt hatten. Das war jenen nicht elegant genug. Sie zogen in arabische Häuser, zahlten die Phantasiesummen, die von den Hausherren verlangt wurden und das Vierfache bis Fünffache der üblichen Preise ausmachten. Und sofort schnellten die Mieten in die Höhe, überstiegen und übersteigen europäische Großstadtpreise für Wohnungen. Nur daß die hiesigen arabischen Häuser natürlich nichts haben, was dort die hohen Preise rechtfertigen kann: kein Gas, kein elektrisches Licht, keine Öfen, keine Kanalisation, oft keine Wasserleitung und keine Klosette. Die letzteren richteten gewöhnlich die jüdischen Mieter auf ihre Kosten ein . . . Wie oft erzählten mir eingeborene Juden verzweifelt: an den hohen Mieten sind ja nur die Zionisten und die Hadassa schuld! Nie wäre es einem Araber eingefallen, für ein Vierzimmerhaus 120 oder gar 150 Pfund zu verlangen, wenn nicht die blöden Engländer oder Amerikaner alles bezahlen würden, was man von