Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 11 (November 1924)
- Article
- Beredte Fische
- Date
- 1924-11-01
- Page
- Seite 24 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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24 M E N O R A H i Pflegen Sie Ihre Zähne! | „GIMBO" Mundwasser, Zahnpasta Zahnpulver vrinmilHIIIHIIIIII- .llllll!llllllll|[|llllllllll'll'''H!MUI!!Ml|||||||||||||||||||||||||||||||l|||[||||i[,|MI,.||M7y HERBERT ©ör^i^e^^QC&s;^ S^^iSOtS111^^©©^^^© lebens, geschah es manchmal, daß ich über diesen Meditationen einschlief, wobei sich aber meine Gedanken im Traume weitersponnen. In solchen Tiäumen erschien mir regelmäßig ein behäbiger großer Hecht, stellte sich mir als mein Vater vor und sagte mir: ,Mein Kind, alles Klügeln und Trachten ist vergebens. Eines kann ich dir nur sagen: die Welt ist schön; denn sie ist von einem weisen Schöpfer geschaffen. Das Los der Fische ist wie das aller anderen Lebewesen. Der eine hat es schön, der aridere ist zu Trauer und Mühsal geboren. Wie du mich siehst, liebes Kind, war ich in meiner Zeit als ein angesehener Fisch in dem Rhein weit und breit bekannt.' Ich habe das ehrbare Gewicht von zwölf Pfund erreicht. Eines schönen sonnigen Frühmorgens empfand ich nach einer weiten Schwimmtour das Bedürfnis nach einem kräftigen Frühstück. Nicht fern von mir erblickte ich einen fetten Regenwurm, der sich an einem glänzenden Etwas wand. Flugs hatte ich ihn in meinem Rachen, aber mit ihm zugleich auch ein hartes, stacheliges Ding, das mir den Schlund kreuz und quer zerriß. Ich wollte davoneilen, aber siehe da, mit einer langen Schnur wurde ich gewaltsam aus meiner lieben kühlen und nassen Heimat gezogen, und bald baumelte ich in der Luft zwischen Himmel und Wasser, und die Sonne brannte mir fast die Augen aus dem Kopfe. Bevor ich mich noch recht umsehen konnte, was mit mir geschah, lag ich in einem dumpfen, finsteren Kerker, dessen Beschaffenheit ich im Dunkeln nicht sehen konnte. Ich weiß nur soviel, daß mir der Atem verging und ich eine Zeitlang bewußtlos lag. Du kannst dir meine Verzweiflung vorstellen. Was soll nun aus mir werden! Ich will dir, mein Kind, meine weiteren Erlebnisse nicht schildern. Was mit mir später vorging, was die Menschen mit mir anstellten, belehrte mich über Zweck und Bestimmung unserer Rasse . . . Dieses Los teilen alle Fische, und ganz schön ist es gerade nicht. Jedoch, mein armes Kind, solltest du früher oder später deiner Bestimmung entgegengehen, so wünsche ich, daß du es nicht ärger hast, als ich es hatte. Unvergeßlich wird meiner Seele jener schöne Freitagabend bleiben, wo mein Leib auf einem schönen, blankservierten jüdischen Tisch dalag, über mir spendeten heiliges Licht sechs große Schabboskerzen, eine festlich gekleidete Hausfrau mit einem reinen Engelgesicht zündete sie an und sprach über sie andächtig einen Segensspruch und einige Gebete: Gott möge ihren lieben Mann lange gesund und kräftig erhalten, damit er seine vielen Aufgaben als Mann und Vater erfüllen kann, und mögd ihr* Gott Vernunft und Überlegung verleihen, um zusammen mit ihrem Mann ihre Kinder in Gottesfurcht, in Thora und Mizwaus und in allen guten und reinen Tugenden erziehen zu können. Im Zimmer vernahm ich wie leise Schritte himmlischer Friedensengel. Unweit von mir funkelte der Kidduschwein in der Karaffe und warf goldige Strahlen um sich. Die Türe öffnete sich und der Hausherr, begleitet von seinen lieblichen Kindern, trat ein; er kehrte aus der Synagoge zurück. Mit fröhlichem ,,SchaJ lom-Aleichem" begrüßte er die Engel, von denen ich glaubte, daß sie sich scharenweise im Zimmer befanden, und stimmte darauf eine Hymne für die frommen jüdischen Frauen an. Über einen Becher Wein sprach er andächtig das Kiddusch-Gebet und flehte die himmlische Weihe des heiligen Sabbats herab. Bald erschallte der harmonische Semiraus-Gesang aus den Kehlen der friedlichen Tischgenossen, deren Gesichter erdentrückt in himmlischer Wonne erstrahlten. Ich hörte deutlich alle Himmelsscharen in den Gesang einfallen: Schabbos-Kaudesch, Schabbos-Menucho! Ich befand mich im Himmelreich und war mit meinem Los ausgesöhnt. Das ist, mein Kind, das Gan- Eden, das schöne Jenseits der Fische Dieser schöne Traum wiederholte sich so oft, daß ich ihn manchmal wachend träumte. Und wenn mich trübe Gedanken über meine ungewisse Zukunft anwandelten, tröstete mich die Hoffnung auf ein ähnliches Jenseits. Nun denke man, o welch trauriges Schicksal! Dieser Mensch da, der mich und meine armen Kameraden heimträgt, um aus unseren Leibern allerlei Leckereien für sich und die Seinigen zuzubereiten, dieser garstige Mensch, was weiß er von Schabbos-Kaudesch! Das haben wir ihm gleich am Gesichte abgelesen! In seinem Hause befinden sich keine friedlichen Schabbos- Engel; denn er treibt sie durch seine rücksichtslosen Sabbatentweihungen zum Hause hinaus. Kein Kiddusch und keine Semiraus- Gesänge, in welche Malachei-Haschoreis mit einstimmen! Nichts als Geklapper von Löffeln, Gabeln und Messern und häßliche Geräusche von gierigen Zähnen, unterbrochen von gemeinen Gesprächen des Alltags: über Geschäft und physisches Vergnügen. Und für einen solchen Mann versetzte uns die herzlose Fischersfrau ein halbes Dutzend mörderische Schläge mit einem Knüppel auf den Schädel, damit er uns ohne Widerstand heimschleifen kann! — Und was uns sonst noch bevorsteht, bis wir unsere friedliche Ruhe in einem finsteren Magen finden, haben wir ja vernommen! Wo ist Gerechtigkeit auf dieser Welt?!..." Die letzten Worte, die in einer Frage ausklangen und mich tief ergriffen, schrie der Hecht aus aller Leibeskraft. Jedoch keiner von den Vorbeigehenden hörte was davon. Ich aber staunte gleich meinem seligen Jugendfreund nicht wenig über die Faulheit der Menschen, die nicht herbeieilten, einem so großen Unrecht abzuhelfen. Der Hecht schien meine mitfühlenden Gedanken und meine Aufregung über die gleichgültigen Vorbeigeher erraten zu haben; denn er fing nun an, wütend, wütend mit den Augen zu rollen und mit giftigen Blikken nach allen Richtungen hinzuschießen. Schließlich begann er wie jeder von der Welt Verlassene, nach Selbsthilfe zu sinnen. Er sprang mit einem Satz dem dicken Schmul aus der Zeitungspapierhülle, patschte auf den Boden, machte verschiedene Purzelbäume und wollte die Flucht ergreifen. Der Barsch und der Karpfen eilten ihm nach. Mein Nachbar verfolgte keuchend die Ausreißer, von denen ihm der Hecht am meisten zu schaffen gab. Er schlug den Flüchtlingen die Köpfe wuchtig an die Wand, und der Hecht warf mir noch einen letzten wehmütigen Blick zu und schrie mit seiner letzten Kraft: „Großer Gott, habe ich mir das verdient, weil ich gerechte Worte gesprochen habe und dem Unrecht fliehen wollte?!'* Schmul packte schleunigst seine Flüchtlinge wieder in sein Zeitungspapier und eilte davon. Ich konnte dem armen Hecht nur noch einige Trostworte nachrufen: „Mein lieber, armer Fisch, deine letzte Klage ist zu arg; aber tröste dich damit, daß du dein Los mit den Menschenkindern tei'st. Denn auch sie bekommen für gerechte Worte auf den Schädel geschlagen und werden eingeholt, wenn sie dem Unrecht entgehen wollen ..."