Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 11 (November 1924)
- Article
- Beredte Fische
- Date
- 1924-11-01
- Page
- Seite 23 (sequence 1)
- Language
- German
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M E N O R A H 23 Beredte Fische Vou Josua G r o ß v o g c 1 (Nachdruck vrrl.olcn.) Fische, die reden! Komisch, nicht wahr? Und doch Tatsache! Ich hatte einen Jugendfreund, bei dem sogar alles in der Welt beredt war: alte Gamaschen, getragene Beinkleider, Nastücher, kurz, alles hörte er sprechen und konnte gar nicht begreifen, clafi es auch die anderen nicht hörten . . . Ich traf ihn, wie er das eine Mal mit einem Pantoffel, das andere Mal mit einem zerrissenen Mantel oder mit einer Scheuerbürste in tiefer Unterhaltung war. Er bat mich jedesmal, ihn in seiner Unterhaltung nicht zu stören, und als ich ihn ganz verdutzt anschaute, grollte er mir und schimpfte mich einen Dummkopf. „Wenn du es nur", sagte er, „mit anhören könntest! Was die mir da erzählen ist reinste Wahrheit; denn sie habe]) nicht wie die Menschen lügen gelernt. Diese leblosen Dinge da berichten mir über Charakter, Erziehung, Gewohnheiten, Tugenden und Laster der einstigen Besitzer, viel, viel wahrheitsgetreuer als der ehrlichste Biograph ... Sie geben mir Aufschluß über interessante Familienverhältnisse, die selten nach außen dringen ..." Ich muß sagen, daß ich nicht ohne Neid war auf diesen Freund. Von der Unwahrheit der meisten Menschen war ich schon damals überzeugt, jedoch von der Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebe der Gamaschen, Scheuerbürsten, Beinkleider und Besen nalte ich noch nichts erfahren; denn trotz meine r großen Mühe konnte ich 'deren Sprache nicht erlernen. Doch keine Mühe ohne Lohn! Ganz vergebens waren meine Bemühungen nach dieser Richtung hin nicht. Davon überzeugte mich ein Vorfall, wo ich plötzlich gesehen habe, daß ich mich beispielsweise mit Fischen sehr gut unterhalten kann. An einem Freitagmorgen ging ich nach meinem Bureau. Unterwegs begegnete ich meinem Nachbarn, dem Konlektions-Schmul. Unter seinem Arm, in Zeitungspapier eingewickelt, zählte ich sechs große Fische mit zerschmetterten Schädeln, die fortwährend giftige Blicke ihrem Träger, dem dickbäuchigen SchmuI, zuwarfen. „Guten Morgen, Schmul!" sprach ich ihn an. „Legst du dir einen Fischhanclel an?" „Du hast schon bessere Witze gesagt!" erwiderte mein Nachbar. „Aber wozu, lieber Ireund, dieses Assortiment von Fischen? Ich sehe da einen Karpfen, einen Hecht, einen Barsch, eine Schleie, eine Karausche und eine Barbe von mindestens drei Pfund jedes Stück. Wird das deine Familie allein vertilgen?" „Du sprichst wie ein Goj", sagte er gereizt. „Muß man nicht am Schabbos vier Fischmahlzeiten haben? Ist das zuviel für sieben Köpfe? Der FI echt und die Schleie geben Judenfisch mit Tunke, Barsch, Karausche und Barbe mit Mayonnaise geben ein ausgezeichnetes Schabboscssen, und der Karpfen wird gebacken. Kannst du dir einen Schabbos ohne Fisch vorstellen?" Ich wollte mich anstrengen und versuchen, ob ich mir die Weihe des Sabbats ohne diese Fischgerichte denken könnte. Allein die Fische unter Schmuls Arm ließen mich nicht zu Ende denken. Bei der Abzahlung der Kocharten entstand eine fürchterliche Unruhe unter den Fischen. Sie schlugen alle mit den Schwänzen zum Protest, sperrten weit den Mund auf, bewegten aufgeregt die Kiemendeckel und mit ihren blutunterlaufenen Augen warfen sie derartige gehässige Blicke meinem Nachbarn zu, daß ich erschrak. Der Flecht, der längste unter seinen Kameraden, sperrte am weitesten seinen Rachen auf und warf auch mir einen verächtlichen Blick zu. „Aha," dachte ich, „du scheinst, armer Flecht, auch mir Vorwürfe machen zu wollen, daß ich so mitleidslos dies alles anhören kann. Aber du täuscht dich, lieber Fisch, ich begreife dich vollständig, ich verstehe deine Anklage, sie ist berechtigt. Rede nur, mein Lieber, ich höre! Ich glaube mit einmal deine Fischsprache großartig zu verstehen." Sem Blick wurde milder, und er begann zu reden. Die anderen Fische hörten andächtig zu: „Ich bin frühzeitig verwaist geworden: Vater und Mutler kannte ich nicht, allein, ganz allein mußte ich mich durch das Leben schlagen, und das war nicht leicht. Doch als ich älter wurde, glaubte ich das Leben erträglicher, und an schonen Vollmondsommernächten, wo ich am liebsten über Zweck und Ziel dieser so schönen Welt und ihrer Geschönte nachdachte, insbesondere über die Bestimmung unseres Fisch- SCHRANKKOFFERt VORNEHMER [ ' UND GEDIEGENER AUSFÜHRUNG . EIGENER GES. GESCH. Ü MODELLE | PICCOLO- 1 COUPE- B SCHRANKKOFFER | AUTO- ' SCHRANKKOFFER TYPE STARK HUTu. SCHUH-. KOFFER DIREKT VOM ERZEUGER IN DER SCHRANKKOFFER-WERKSTÄT FE h PAUL STARK GES. m.b.H.; WIEN, III, ERDBERGSTRASSE 35 j aiiiimiiiiiiiiiimiiimimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii^ H ausner Zouplna ★ Atelier für feinste Herrengard e r o b e Stadt- und Sportpelze aller Art Vornehmste Ausführung m Schnitt und Ausarbeitung bei wirklich seriösen Preisen WIEN, I. Tel. 75-6-33 * Führichoasse 6 Tel. 75-6-33 (Ecke Tegetthoffstral?e)