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Menorah · 1924-11-01 · Heft 11 (November 1924) · p. Seite 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
2 (1924)
Issue
Heft 11 (November 1924)
Article
Musik in PalÃ?stina
Date
1924-11-01
Page
Seite 17 (sequence 1)
Language
German
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MENORAH ir Geleiict von Rudolf Rcli. MUSIK IN PALÄSTINA VON MARKUS REINER Wenn man wissen will, wie das derzeitige Musikleben in Palästina aussieht, so hängt die Antwort ganz davon ab, was man unter Musikleben versteht. Stellt man sich darunter Konzertsäle in Rot oder Gold vor, Damen in Seide und Herren in Schwarz — dann gibt es dergleichen hier sehr wenig, verglichen mit einem mitteleuropäischen Standard. Stellt man sich aber unter Musikleben ein Leben der Musik vor: Erfiilltsein des Landes von singenden, tanzenden Menschen, denen alles, was sie zur Hand nehmen, zum Musikinstrument wird — dann, ja, dann lebt Musik in Palästina mehr als in jedem der europäischen Musikländer nördlich der Alpen. Ich entsinne mich meiner Landung in Haifa. Vom Schiff wurden Bretter in einen Leichter geladen. Die ganze Arbeit begleitete Gesang der arabischen Lastträger und in den Pausen tanzten diese Figuren aus ,,Tausendundeincr Nacht" unaufhörlich zu den Tönen, die sie ganz tief aus ihren Kehlen zogen und in den blauen Himmel hinaufschmetterten. Aber auch der Polizist, der an der Schiffstreppe saß, sang vor sich hin. An Land gekommen, empfing mich der Gesang der Limonadenverkäufer, die dazu rhythmisch mit den Messingschalen klappern, der Gefrorenesverkäufer, der Gemüsemänner und der Obstverkäufer, die jeder einen eigenen Ruf haben — und aus den Läden: den Rasierläden, den Tabakläden, den Gemüseläden, den kleinen Cafes tönten Grammophone arabische Gesänge. Diese Polytonalität gab, auf dem Hintergrunde der bewegten Menge, der farbigen Gewänder, eine prächtige Harmonie von Dissonanzen, eine unendliche Melodie, die erst abends, wenn das Dunkelblau des Himmels abblaßt und die ersten Sterne silbern funkeln, ihre Auflösung im ruhigen Gesänge des Muezzin findet, der die Gläubigen zum Gebete ruft. Dann fällt der schwarze Vorhang der Nacht und die tägliche Sinfonie ist zu Ende, um am nächsten Morgen wieder zu beginnen. Später kam ich zu den jungen Juden, die in Galiläa das neue jüdische Leben schaffen. Hier gibt es tagsüber nur den lautlosen Rhythmus der Arbeit. Aber des Abends geht es los. Keine Kwuzah und kein Abend, kein Abschluß des Tages und der Arbeit ohne die „Hora". Die Hora ist ein Rundtanz der Genossen, Männer und Frauen, die, mit ausgebreiteten Armen einander die Schultern fassend, sich im Kreise drehen. Ein entschiedener, entschlossener Zweivierteltakt; je zwei Takte zu einer Gruppe zusammengefaßt: im ersten Teil Entschluß, im zweiten Entspannung; zwei Schritte nach vorwärts links, dann an Ort das rechte und das linke Bein im Halbkreis um das andere geschwungen. So geht es senza fine in immer sich steigerndem Tempo; Erschöpfte scheiden aus. Neue treten ein: zuletzt bleiben drei oder vier in höchster Ekstase, während die Umstehenden zum Rhythmus in die Hände klatschen . . . plötzlich, prestissimo, bricht der Tanz ab . . . Diese Hora ist der Ausdruck der Verbundenheit dieser Menschen; der Ausdruck dessen, daß sie zusammengehören in ihrem Wollen und daß sie nicht aulhören werden in diesem Wollen, solange sie leben: es gibt keine Auflösung, nur das plötzliche Ende des Erschöpfungstodes. Der europäische, sich selbst genügende, unsoziale, sentimental-idyllische Tanz der Geschlechterpaare hat hier keinen Raum, findet hier keine Atmosphäre. Es gibt noch andere Szenen lebendiger Musik in Palästina. Zum Beispiel: in heah Schearim, wo der alte Jischuw Jerusalems wohnt und wo der Kaftan getragen wird, bringt man eine neu gespendete Thorarolle in die „Schul"'; Männer, Frauen, Kinder begleiten sie singend und tanzend durch die Straßen. Tanzte so König David vor der Bundeslade? Oder: Eine Jemenitenhochzeit, zwei Männer führen einen mimischen Tanz auf. Oder: Am Strande von Tel-Aviv, Ausgang des Sabbaths, während nahezu die gesamte Einwohnerschaft am Meeresstrande sich ergeht, bricht ein persischer Jude in einen Gesang aus, der seiner Freude Ausdruck gibt, mit seinen jüdischen Brüdern im jüdischen Lande vereint zu sein. Oder: Das samaritanische Passahfest auf dem Berge Garizim, eine Messe in seltsamen, urweltlichen Tonarten und Rhythmen, während der duftende Rauch der gebratenen Opferlämmer zum Himmel steigt. * Soviel über lebendige, spontane Musik. Auch Kunst musik kann leben, wenn sie in das Volk dringt, das Volk umfängt. Ansätze zu einem Leben der Kunstmusik sind vorhanden. Hier natürlich nur unter Juden — daran haben die Araber vorläufig keinen A.nteil. Man muß vor allem bedenken, daß das, was man überall unter „Volk" versteht: die arbeitende Bevölkerung, städtische und ländliche Arbeiter, Industriearbeiter und Bauern, in Palästina eine ganz besondere Physiognomie hat. Von den neuen Einwanderern gehörten sehr viele in Europa zu jenen Ständen, die man dort die „Gebildeten" nennt — und die meisten haben ein ganz nahes Verhältnis zur Musik ihres Ursprungslandes: man kann etwa einem Feldarbeiter begegnen, der zu seiner Arbeit ein Thema aus einer Mahlerschen Sinfonie pfeift. In einigen Siedlungen gibt es Klaviere, und wenn des Nachts die verstimmten Töne einer Beethovenschen Sinfonie, von vier Händen vorgetragen, in den Sternenhimmel sich verlieren, dann erscheint vor dem inneren Auge jedes der Zuhörer das Bild der berühmten europäischen Konzertsäle und Dirigenten und er hört das ganze Orchester, so wie er es damals hörte . . . Diese Arbeiter sind in den Städten ein dankbares Musikpublikum. Sie haben Arbeiterchöre, die in den Anfängen stecken und manchmal stecken bleiben und in denen unbezahlte und hungernde (hungernde) Dirigenten Erstaunliches leisten. Sie sind auch das Gros des Publikums der palästinensischen Oper. Ja, es gibt eine palästinensische, hebräische Oper. Vor anderthalb Jahren hat sie Herr Golinkin aus Petersburg aus dem Nichts geschaffen. Seine organisatorische Leistung verdient alle Bewunderung. Er scharte die Sänger und das Orchester im Lande zusammen und fing an: ohne Kapital, ohne Dekorationen, ohne Kostüme, ohne Partituren, ohne Texte, ohne einen Saal. Er hat im Laufe dieser wenigen Monate sechs Opern herausgebracht, hat die Texte ins Hebräische übertragen lassen, Kostüme schneidern, Dekorationen malen lassen (und all dies ohne Geld: man pumpt sich vor der Aufführung irgendwo eine kleine Summe und zahlt sie nach der Aufführung zurück), Chor. Orchester, Solisten gedrillt und ist in Jerusalem, Tel-Aviv und Haifa von einem empfänglichen, anspruchslosen Publikum, das (braune Gesichter, offene Hemden, kurze Hosen; die Frauen weiße Waschkleider, kurzes Haar) die Mehrzahl der Plätze dieser bemalten Scheunen, in denen er spielt einnimmt (immerhin sieht man in den ersten Reihen auch den Smoking und manchmal erscheint der High-Commissioner), mit stürmischem Beifall auf-

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