Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 11 (November 1924)
- Article
- Die Schmuckstücke von Wilna
- Date
- 1924-11-01
- Page
- Seite 12 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2912821-2912828-2912838-2914795--01259-2914877- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
12 M E N O R A H Aus Sai.nny Groncmanu : „Hawdoluh und Zapfenstreich", Jüdischer Verlau-, Hei Iii», 1V2I, Zcielmuiijfcn von Magnus Zelle.. STADTPARK IN W1LNA sern und herrlich im Holze wie sie, heben gegen mich Schalldeckel und Wände, gemasert und eingelegt, umkränzt von jenen köstlich freien und gemäßigten Ornamenten des frühen Rokoko. Hier stehe ich hingerissen vor diesem edlen und natürlichen Stoffe, welcher zarter schimmert als Seide und liebenswerter als der edelste Stein dem Bildner gehorchte. Hier ist das Holz, das verschönte Wachstum des litauischen Waldes wie zur Anbetung des Göttlichen in die Kirche gekommen, und auf dem Weg durch ein frommes Kunsthandwerk nimmt es an dem heiligen Dienste teil und gibt mit seinen dunklen und weichen Farben dem Inneren des Gotteshauses etwas von der lebendigen und intimen Beseeltheit einer wahren Wohnung des Geistes. Und nun — ein Ton: hinten über mir läßt die Orgel aus holzbrauner Verschalung ihre metallischen Pfeifen zum Klingen frei; gedämpft und satt vor Süße singt in ihren Stimmen das Innere dieser Gottesgeige seinen Psalm, und all das dienende Holz singt mit. EINE GRÜNLICHE PERLE In dem schmalen grünen Hofe, der voll ist vom Volk der Judengasse, öffnet sich die alte eiserne Flügeltür. Tief überrascht fühle ich mich eingeschlungen vom hellen, hohen und weiten Gewölbe der großen „Schul". Um ihre vier starken Pfeiler drängt sich die Menge, die sie ganz erfüllt, dicht füllt, so daß ich mich mühsam nach vorn zwänge. Heute ist der Sabbat des Monatanfangs; der große Kantor Herschman und sein Chor singen. In fanatisch reinen Terzen und Sexten steigen die Knabenstimmen empor, hoch hinauf, immer höher, leicht, strahlend und süß entfalten sich oben ihre Kantilenen über dem tragenden Gewicht der Bässe. Auf ihnen ruht, ausgebreitet, von Können gesättigt und mild in ihrer Reife, die Stimme dieses Mannes wie eine Kuppel gewichtlos und abschließend. Aber dann wendet er sein Gesicht dieser Menge zu, die in ihrer ganzen Lebendigkeit erstarrt und lautlos steht, und mit der Gewalt eines doch noch beherrschten Feuerausbruchs ruft er ihnen das „Sch'mah Jisrael" entgegen. In diesem Augenblick ist die süße und kunstlose Harmonik des Chores, ist seine eigene Technik der Inbrunst und die Kunst seines Singens völlig vernichtet: diese Stimme ist selbst der Glaube, der unwandelbare, herrliche und heldische Glaube der Juden an ihren einen und unteilbaren Gott. Jeder dieser Menschen, die alle wissen, daß sie ohne Mittler mit ihrem Gott umgehen müssen, der ihnen in jeder Stunde ihres aus Gebet und Geschäft gescheckten Lebens nahe ist, und die darum schwer in den einen allgemeinen Rhythmus des Gebets zu zwingen sind, weil ja jeder auf einmalige Art hingeht zu Ihm — jeder dieser Juden erkennt in dieser Stimme seine frömmste Erschütterung, seine höchste Entflammung, die beste Stunde seines Jahres wieder; diese Stimme spricht ihn selbst ganz gesammelt und ganz lauter aus, und darum schweigen diese skeptischen, schnell unaufmerksamen Menschen, und sind ganz Hörende, so lange dieser singende Beter für sie spricht. . . Morgen aber gibt Herschman ein Konzert, und ich werde nicht hingehen. EINE GANZ GOLDFARBENE PERLE Die Ostrabrama-Straße liegt im schnellen Glänze des Sonntagmorgens, den eine kurz scheinende Sonne flüchtig erhellt. In flachen Nischen, notdürftig durch Frost gereinigt, knien an der linken Straßenwand die betenden Frauen. Das Tor wölbt sich hochwandig zwischen den Häusern; das große Fenster vor dem wunderwirkenden Bilde der Mutter Gottes steht weit offen, und seine goldene Verkleidung flammt im Lichte der Sonne und vieler Kerzen; hoch über der Straße, unter dem zarten Blau der günstigen Stunde, funkelt es und leuchtet um das legendäre Schwarzbraun des großäugigen Antlitzes und der gekreuzten Hände. Die Messe geht vor sich, eine kleine Orgel singt ihre kirchliche altitalienische Weise nicht anders als der Glanz von Kerze und Gold über die Häupter der Beter hinabbricht. Vcr all dem Funkeln kniet in einem Kleide von kostbarem Violett der Priester; weißwehende Knaben schreiten dienend am Fenster vorüber. Die Augen dieser Bäuerinnen stehen in ihren Antlitzen weit auf und trinken alle das Strahlende und Unerhörte in ihre dumpfen Seelen. Durch die Stille des Fahrweges und den Sang der Orgel klirrt und eilt ein Schlitten — niemand vielleicht hört ihn außer mir. Hier ist ein langsames und erschütterndes Wunder. Die Straße selbst, von Gängern durchschritten, wird zur Kirche. In die arbeitsvolle und erdgewandte Mühsal einer ganzen Woche oder noch länger hin nimmt das Volk ein Andenken des unsäglichen Gottesglanzes mit, dessen Abglanz Ostra-Brama ist, und dessen es eines endlichen und erlösenden Tages ganz teilhaftig werden wird, wenn der Gott in der Hostie durch die Tür einer elenden Bauernhütte getragen wird, und der Ted die Pforte des Paradieses weit öffnet. DIE HOFFNUNG Wie viele Perlen liegen noch vor mir; wieviel Vollkommenes schwebt noch ungesagt in mir: die mattgelbe turmhohe Chorwand der Johanniskirche, in der zwei gotische Fenster wie zwei umgekehrte Schilde geschwisterlich einen Christ aus schwarzem Eisen hüten, und die in zinnenhafter Höhe ein Rokokogiebel krönt, musizierend und jubelnd wie eine mozartische Passage in der siebenten Geigenlage. Aber all das verdämmert vor dem Bilde der ganzen wilden und großartigen Stadt. Sie erwächst aus engen und gewundenen Gassen, aus niederen Häusern oder modernen Steinkästen, aus geschnitzten und blaugefärblen Türen; aus bemalten Kirchen, von deren Fassaden die bunten Heiligen im Schneegestöber vibrieren, aus langen hohen Mauern ockergelb und aus weiten, manchmal leeren, manchmal schön geschlossenen Plätzen; häufig stehen Säulenreihen als Formgespenster Roms, und alle diese Häusergrüfte sind durchlöchert von menschlichen Wohnungen und den armseligen oder glänzenden Läden, von denen Wilna heute lebt, eine Stadt, die nicht mehr verhungert und die nicht satt wird, die nicht strahlt, aber sich nie ganz verdunkelt, eine Stadt teurer Waren, in der der Luxus billig ist wie meine schöne Kette und in der gutes Brot dem Armen unerschwinglich bleibt — eine große Stadt in der Verfassung von hundert anderen heute, die aber aufgereiht auf Wilja und Wileika, ihre beiden Flüße, zwischen ihren Hügeln liegt wie eine Kette, wie das Kleinod der Ebene. Stadt der beherrschenden Kirchen und der Bethäuser, die allenthalben in den düsteren Häusern verborgen sind wie die pulsenden und unermüdlichen Herzen der Gotteslehre und des Gottesdienstes, ist sie voller Frömmigkeit, voller leidenschaftlicher Hoffnung auf bessere Tage, und ganz voll unmittelbarer Erwartung auf Erfüllung: die Zeit ist reif von entscheidenden Dingen. Juden, Litauer und Polen sehen die Wende vor sich, und ich gehe umher, nun schon Jahre entfremdet allem, was mir teuer ist, ich finde die zähe und ewig wache Hoffnung, die mich bis in diese Stunde brachte, wieder in den Worten der dürftig lebenden Menschen und Brüder, und eine Ehrfurcht tief und still erfüllt mich vor unserem wieder den Gott suchenden, wild an diese Erde geklammerten Tiergeschlecht.